Den Menschen in Europa geht es gut. Etwa so lassen sich die Ergebnisse des neuesten Gesundheitsberichts der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Region Europa zusammenfassen. Die Menschen leben länger, sterben seltener an Unfällen oder Verletzungen und die Impfquote steigt – auch wenn vereinzelt Staaten in diesem Jahr einen rasanten Anstieg an Maserninfektionen verzeichneten. Die WHO hat sich zur Aufgabe gemacht, die Gesundheit in der gesamten Region bis zum Jahr 2020 deutlich zu verbessern. Alle drei Jahre veröffentlicht sie einen Bericht, um die Fortschritte hin zu einem gesünderen Europa zu überprüfen (WHO Regional Office for Europe, 2018). Hier sind die neuesten Ergebnisse im Überblick:

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77,9 Jahre betrug die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahr 2015.

Die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt stieg in den vergangen Jahrzehnten in der gesamten Region stetig. Weil sie widerspiegelt, wie gesund sich die Bewohner eines Landes ernähren, wie gut das Gesundheitssystem funktioniert oder wie sehr die Bewohner durch körperliche Arbeit belastet werden, ist die Lebenserwartung eine besonders wichtige Kennzahl. Gemeinsam mit Daten zu Wohlstand und Bildung errechnet das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen mit ihr regelmäßig, wie gut sich ein Land entwickelt hat (Human Development Index). In Deutschland lag die durchschnittliche Lebenserwartung 2015 bei 80,9 Jahren und damit genauso hoch wie durchschnittlich in der Europäischen Union. Den Höchstwert erreichte im selben Jahr Luxemburg mit 83,1 Jahren. Den niedrigsten Wert erreichte Moldawien mit 71,6 Jahren.

Damit es nicht zu Verwirrungen kommt: Unter der europäischen Region versteht die WHO nicht allein die europäische Union oder das geografische Europa. Zur europäischen WHO-Region gehören etwa auch Israel, Turkmenistan und die asiatischen Teile Russlands.

Eines der wichtigsten Ziele der WHO ist es, die Anzahl frühzeitiger Tode deutlich zu senken. Dieses Maß mag nicht unumstritten sein, denn es sagt nichts darüber aus, wie stark sich ein Leben durch Krankheit verkürzt. Trotzdem liefert das Maß gute Hinweise darüber, wie viele Tode vermeidbar gewesen wären. Die Autoren des Gesundheitsberichts beschränken sich auf die vier wichtigsten nicht übertragbaren Krankheiten in unserer Gesellschaft: Diabetes mellitus Typ 2, Krebserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle und chronische Atemwegserkrankungen wie die chronisch obstruktive Lungenerkrankung COPD. Jedes Jahr sterben weltweit mehr als 30 Millionen Menschen im Alter zwischen 30 und 70 Jahren an einer dieser vier Krankheiten.

Die gute Nachricht: Die Daten der WHO zeigen, dass es immer weniger vorzeitige Todesfälle durch diese Krankheiten gibt. Starben Anfang des Jahrtausends in der Region noch mehr als 500 Menschen pro 10.000 Einwohner an einer oder mehreren der vier Krankheiten, so lag die Zahl im Jahr 2015 noch bei knapp 380. Ähnlich gesunken ist die durchschnittliche Anzahl der Todesfälle in Deutschland (siehe Infografik). 

Zsuzsanna Jakab, WHO-Direktorin für die europäische Region, zeigt sich trotz dieser Fortschritte besorgt: Der aktuelle Lebensstil vieler Menschen, könne "Fortschritte verlangsamen, die besonders im Bereich der Lebenserwartung zu sehen sind, und diese teilweise sogar umkehren", sagte sie in einer Pressemitteilung. Mit dem aktuellen Lebensstil meint sie vor allem vier Dinge: ungesunde Ernährung, zu wenig Bewegung sowie Zigaretten- und Alkoholkonsum. Sie erhöhen allesamt das Risiko, an einer der oben genannten Krankheiten zu sterben.

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58,7 Prozent der Bevölkerung in der Region sind übergewichtig oder adipös.

Die Zahl übergewichtiger Menschen nimmt seit Jahren in der gesamten europäischen Region zu. Mittlerweile ist mehr als die Hälfte der gesamten Bevölkerung übergewichtig. Ebenso steigt der Anteil der Menschen mit Adipositas, deren Body-Mass-Index also höher als 30 liegt. In Deutschland sind das 22,3 Prozent. Weil Übergewicht und Adipositas das Krankheitsrisiko für diverse Krankheiten wie Diabetes mellitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen, könnte der Anstieg langfristig dazu führen, dass die Anzahl frühzeitiger Tode nicht mehr so zuverlässig zurückgeht. 

Ähnlich könnte sich die Todeszahl durch Krebserkrankungen oder chronische Atemwegserkrankungen entwickeln. Der Grund: Einer von drei Menschen in der Region raucht regelmäßig – Männer in den meisten Ländern deutlich häufiger als Frauen. Und auch Kinder fangen früh an: Grönlands Jugendliche rauchen mit Abstand am frühesten. Rund 20 Prozent von ihnen rauchen bereits in einem Alter von 13 Jahren. Zum Vergleich: In Deutschland rauchen etwa 30 Prozent der Erwachsenen regelmäßig – unter den 13-Jährigen rauchen dagegen nur drei bis vier Prozent. Fest steht: Nirgendwo auf der Erde rauchen und trinken mehr Menschen als in der WHO-Euro-Region.

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1,5 Liter reinen Alkohol trinkt jeder Türke durchschnittlich im Jahr.

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15,2 Liter sind es hingegen in Litauen.

Betrachtet man die Zahlen zum Alkoholkonsum sind die Bewohner Litauens Spitzenreiter: Rund 15,2 Liter reinen Alkohol haben die über 15-Jährigen dort pro Kopf im Jahr 2014 getrunken. Das entspricht etwa 300 Litern Bier, also 900 kleinen Flaschen. Ganz hinten liegt die Türkei. Dort tranken die Bewohner im selben Jahr verhältnismäßig wenig Alkohol: 1,5 Liter, also rund 90 Flaschen Bier. Deutschland liegt mit elf Litern pro Kopf im Mittelfeld. Im Schnitt trinken Deutsche also das Äquivalent von ungefähr zwei Flaschen Bier pro Tag.

Mit dem neuen Gesundheitsbericht schauen die Forscherinnen und Forscher der WHO nicht nur auf harte Gesundheitsdaten. Sie versuchen, auch soziale Faktoren wie Bildung und das finanzielle Auskommen zu berücksichtigen, die sich direkt auf die Gesundheit auswirken. Auch hier ist die Bilanz insgesamt positiv: Schätzungen zufolge besuchten im Jahr 2015 97,7 Prozent aller Kinder im Grundschulalter eine Schule – in Deutschland gehen sogar nur 0,2 Prozent der Kinder nicht zur Schule. Die Arbeitslosigkeit ist leicht gesunken. Sie lag bei durchschnittlich 8,7 Prozent – in Deutschland bei knapp fünf Prozent.