Der Gemeine Holzbock, ein kleines Krabbeltier, das mit dem Auge kaum zu erkennen ist, lauert ergeben auf einem Grashalm, bis unser nacktes Bein an ihm vorbeischlendert und er sich festklammern kann. Dann saugt er Blut. Und schlimmstenfalls gibt er auch Krankheitserreger weiter. Zecken wie der Holzbock sind nach den Mücken die zweitwichtigsten Überträger von für den Menschen gefährlichen Erregern (PLoS One: Gasmi et al., 2018). Neben Borreliose und der Hirnhautentzündung FSME übertragen Zecken Krankheiten, deren Namen nur wenige Ärzte kennen.

Es geht den Zecken gut. Besser denn je vielleicht. Begünstigt durch den Klimawandel wandern die Tiere weltweit in Gebiete ein, in denen sie vorher unbekannt waren. 2018 dürfte in Deutschland zum besten Zeckenjahr seit Langem werden. Und Zecken sind nicht immer klein und braunrot wie der Holzbock. Manche sind groß und warten nicht so geduldig auf einem Grashalm, sondern laufen ihren Wirten hinterher – Hunderte Meter weit.

Ende Juni zum Beispiel entdeckte ein Pferdebesitzer aus dem hessischen Wächtersbach im Gras seiner Koppel eine seltsame Zecke: fast zwei Zentimeter groß, gestreifte Beine, ungewöhnlich schnell. Er informierte das zuständige Gesundheitsamt. Von dort schickte man die Zecke – eingelegt in Alkohol – zum Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr nach München, wo sie Oberfeldarzt Gerhard Dobler und Lidia Chitimia-Dobler unters Mikroskop legten. Dobler leitet das Deutsche Konsiliarlabor für FSME in München. Er und Chitimia-Dobler sind, wenn man so will, Deutschlands führendes Zeckenforscher-Ehepaar.

Eine Zecke, die das gefährliche Krim-Kongo-Fieber überträgt

Sie identifizierten das Tier als Hyalomma marginatum, eine Zecke, die bis dato nur zweimal in Deutschland gefunden worden war, 2015 und 2016 (Ticks and Tick-borne Diseases: Chitimia-Dobler et al., 2016). "Zuerst haben wir uns gefreut, wieder einmal eine Hyalomma zu sehen", sagt Dobler. Dann aber folgten binnen Wochen 20 bestätigte Meldungen aus mehreren Bundesländern und die Freude kippte: "Wenn wir vorher in drei Jahren zwei Hyalomma hatten und jetzt in ein paar Wochen so viele, dann ist das beunruhigend", sagt Dobler.

Der Grund: Die Zecke lebt normalerweise in den Trocken- und Halbtrockengebieten Afrikas, Asiens und Südeuropas. Dort überträgt sie unter anderem ein Virus, das für das gefährliche Krim-Kongo Hämorrhagische Fieber verantwortlich ist. Es ist die am weitesten verbreitete durch Zecken übertragene Viruskrankheit des Menschen (Antiviral Research: Bente et al., 2013). Symptome sind Fieber, Erbrechen, innere Blutungen. Zehn bis 40 Prozent der Fälle enden tödlich (WHO Factsheet, 2013). Eine Impfung gibt es bis heute nicht. Im spanischen Ávila starb diesen Sommer ein Mann am Krim-Kongo-Fieber, der beim Jagen von einer Hyalomma-Zecke gestochen wurde (European Centre for Disease Prevention, 2018 (PDF)). In den Tieren, die in Deutschland gefunden wurden, haben Forscherinnen und Forscher das Virus bislang nicht nachgewiesen, dafür aber das Bakterium Rickettsia aeschlimannii, den Erreger einer Form des Zecken-Fleckfiebers.

Die Zecken kamen auf Zugvögeln

Die Hyalomma-Zecken sind wahrscheinlich auf Zugvögeln nach Deutschland gekommen. "Vermutlich hat dieses Jahr der heiße und trockene Sommer dazu beigetragen, dass die Zecken bis jetzt überleben konnten", sagt Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachgebiets Parasitologie an der Universität Hohenheim. Sie untersucht zusammen mit den Doblers die gemeldeten Hyalomma-Fälle und sagt: "Panik ist auf jeden Fall nicht angebracht." Denn noch sei unklar, ob die Zecke hier nun heimisch werde. Und selbst wenn, müsse das nicht heißen, dass sie die gefährlichen Krim-Kongo-Viren übertrage.

Es ist aber nicht allein die Hyalloma-Zecke, die sich hier breitzumachen droht. Die extrem widerstandsfähige Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) hat es inzwischen bis nach Berlin geschafft (Parasites & Vectors: Fäldvári et al.; 2016). Sie überträgt Rickettsien, die Fleckfieber auslösen können und FSME-Viren, wie letztes Jahr bekannt wurde. Und auch die Braune Hundezecke (Rhipicephalus sanguineus) könnte sich in den nächsten Jahren in Deutschland etablieren. "Sie ist in Afrika heimisch und kommt meist als Urlaubsmitbringsel auf Hunden mit nach Deutschland", sagt Ute Mackenstedt. Die Zecke kann die deutschen Winter derzeit nur in Wohnungen überleben. Dort kann sie sich allerdings so stark vermehren, dass die Räume unbewohnbar werden. Sie überträgt unter anderem das Bakterium Rickettsia conorii, das das Mittelmeer-Zeckenstichfieber verursachen kann. Es verläuft meist milde, kann aber in seltenen Fällen auch tödlich enden (Deutsches Ärzteblatt: Dobler & Wölfel, 2009).