ZEIT ONLINE veröffentlichte kürzlich den Artikel "Diese Kinder sind doch nicht so gesund". Darin hieß es, dass Kinder, die durch eine künstliche Befruchtung entstanden sind, später im Leben womöglich ein höheres Risiko haben, bestimmte Krankheiten zu bekommen. Dazu zählt vor allem eine frühzeitige Gefäßalterung, die Herzinfarkte und Schlaganfälle begünstigen könnte. Viele Leserinnen und Leser sendeten Zuschriften, in denen sie fragten, was die Ergebnisse für ihr Leben oder das ihrer Kinder bedeuten könnten. Darauf gehen an dieser Stelle in Interviews der Kardiologe Urs Scherrer und die Reproduktionsbiologin Verena Nordhoff ein.

ZEIT ONLINE: Herr Scherrer, in Ihrer neuen Studie vergleichen Sie die Gefäßfunktion und den Blutdruck von Jugendlichen, die durch künstliche Befruchtung zur Welt gekommen sind, mit solchen, die durch natürliche Befruchtung entstanden sind (Journal of the American College of Cardiology: Meister et al., 2018). Das Ergebnis: Bei ersteren scheinen die Gefäße vorgealtert und der Blutdruck öfter erhöht. Ist das durch den Prozess der künstlichen Befruchtung selbst zu erklären?

Urs Scherrer: Weltweit gibt es unter Experten kaum mehr Zweifel, dass dem so ist. Irgendwo zwischen Eizell- und Spermiengewinnung und der Reimplantation des Embryos bei der Mutter scheint dieses Risiko zu entstehen.

ZEIT ONLINE: Die In-vitro-Fertilisation, wie vor allem Medizinerinnen und Ärzte die Methode nennen, ist eine Technik, die weltweit angewandt wird. Vor allem ist sie eine große Errungenschaft. Mittlerweile gibt es mehrere Millionen Eltern, denen die Technik zu einem Kind verholfen hat. Was bedeuten diese Forschung und die neueren Ergebnisse über die Gesundheitsrisiken der IVF-Behandlung für die Kinder selbst?

Der Kardiologe Urs Scherrer ist Professor am Department for Biomedical Research der Universität Bern. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen der IVF auf das Gefäßrisiko. © Alessandro della Valle

Scherrer: Jeder Mensch, der dank einer IVF-Behandlung zur Welt gekommen ist, hat potenziell ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko – und möglicherweise auch ein erhöhtes Risiko, später im Leben an einem Diabetes zu erkranken. Das sollte von den behandelnden Ärzten in die Gesamtbetrachtung des Patienten miteinbezogen werden. Jede Krankenakte sollte Angaben enthalten über den Modus der Befruchtung, über Schwangerschaftskomplikationen wie eine Schwangerschaftsvergiftung (mit gefährlichem Bluthochdruck und Wassereinlagerungen einhergehend, Anm. der Red.), eine Frühgeburt und ein niedriges Geburtsgewicht – und über Geburtskomplikationen.

ZEIT ONLINE: Größere Studien zeigen aber, dass der Blutdruck unter Kindern, die dank IVF zur Welt gekommen sind, nur geringfügig erhöht ist (Fertility and Sterility: Guo et al., 2017).

Scherrer: Unsere Studie führte zum ersten Mal 24-Stunden Blutdruckmessungen – die Goldstandarduntersuchung für die Diagnose eines Bluthochdrucks – bei IVF-Personen durch. Unsere Zahlen zeigen, dass jede sechste oder siebte Person bereits im Jugendalter einen etablierten Bluthochdruck hat. Das sind keine kleinen Prozentsätze, denn ein Bluthochdruck in diesem Alter ist ein sehr seltenes Ereignis. Außerdem gilt: Wer bereits im jugendlichen Alter erhöhte Blutdruckwerte aufweist, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit im späteren Leben noch höhere Werte.

ZEIT ONLINE: Bluthochdruck ist eine behandelbare Erkrankung. Wer seinen Lebenswandel ändert, mehr Ausdauersport treibt, weniger Alkohol trinkt oder abnimmt, kann seinen Blutdruck senken. Und die Medikamente, die zur Verfügung stehen, gelten als sicher. Muss sich ein erhöhter Blutdruck vor diesem Hintergrund überhaupt auf die Lebenserwartung auswirken?

Scherrer: Nein. Menschen, die durch IVF entstanden sind und einen hohen Blutdruck haben, sollten nicht in Panik verfallen.

ZEIT ONLINE: Was sollte man als Betroffener oder Elternteil stattdessen tun?

Scherrer: Es wäre gut, wenn die Eltern darauf achten würden, dass die Kinder keine zusätzlichen Risikofaktoren akkumulieren – Übergewicht oder Bewegungsarmut zum Beispiel. Die Menschen brauchen bis ins Erwachsenenalter, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, jedoch keine spezialisierte Medizin. Außerdem empfehlen wir, dass diese Menschen im Alter von zwanzig Jahren eine ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung machen. Das Ziel sollte sein, Herzinfarkten und Schlaganfällen vorzubeugen. Eine frühe Vorstellung dieser Menschen beim Arzt erlaubt uns, das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen und das weitere Vorgehen festzulegen. Jeder gute Hausarzt ist absolut in der Lage, sich um solche Patienten zu kümmern.

ZEIT ONLINE: Was muss sich denn in der Reproduktionsmedizin noch verbessern, um das Risiko für die Kinder zu minimieren?

Scherrer: Wir müssen die schädlichen Faktoren, die auf den Embryo einwirken, identifizieren und eliminieren. Einer der Wege dorthin könnte sein, Register einzurichten, in denen genaue Angaben über die bei diesen Personen angewandten Methoden der In-vitro-Fertilisation hinterlegt werden. Dann könnte man bei verschiedenen Kohorten untersuchen, welchen Einfluss welche Methode hat. Aber leider fehlt für das Einrichten solcher Register etwa in der Schweiz bisher der politische Druck.

ZEIT ONLINE: Was genau verstehen Sie unter den Methoden zur In-vitro-Fertilisation?

Scherrer: Ein Beispiel: Wir haben eine Studie mit Mäusen gemacht, in der wir durch die Veränderung des Kulturmediums, auf dem Eizelle und Spermium zusammengebracht werden, das kardiovaskuläre Risiko verändern konnten (American Journal of Physiology: Rexhaj et al., 2015). Das ist ein Beweis für das Konzept, dass Veränderungen des Kulturmediums einen Einfluss haben können. Aber es gibt noch eine Vielzahl weiterer möglicher Einflussfaktoren. Ob man den Embryo beispielsweise sehr früh implantiert oder zu lange wartet, um einen Embryo auszuwählen, der sich besonders gut entwickelt. Es gibt Studien, die zeigen, dass besonders fitte Embryonen womöglich besonders große epigenetische Veränderungen haben und damit ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Aber natürlich könnten auch die Temperatur, die Konzentration von CO2 und Sauerstoff in der Luft oder mechanische Interventionen am Embryo einen Einfluss haben. Es wird uns nie möglich sein, die Ereignisse, die sich im Mutterleib abspielen, im Reagenzglas genau zu simulieren und zu reproduzieren.