Ein Ziehen im Rücken, eine Verbrennung an der Hand oder ein pochender Schädel: Schmerzen erscheinen uns oft unnötig und grausam. Besonders dann, wenn sie nicht mehr aufzuhören scheinen. Wie wichtig Schmerzen sind, wird erst deutlich, wenn wir versuchen, uns ein Leben ohne sie vorzustellen: Die Hand bliebe auf der Herdplatte, bis das Fleisch verbrennen würde. Bakterien in einer ungesäuberten, dafür schmerzfreien Wunde hätten leichtes Spiel, eine möglicherweise tödliche Blutvergiftung wäre nur eine Frage der Zeit. Gebrochene Knochen, innere Verletzungen – wer nichts davon spürt, leidet an einem extrem seltenen, angeborenen genetischen Defekt. Eine geringe Lebenserwartung ist deshalb oft die Regel. Wir brauchen den Schmerz also zum Überleben. 

Die Art und Weise, wie Schmerz sich äußert, unterscheidet sich allerdings von Mensch zu Mensch – und hängt auch von der persönlichen Stimmung ab. Das kann jeder auch bei sich selbst beobachten: Wer bester Laune ist und sich den Kopf an einer offenen Schranktür stößt, den wird das zum Beispiel weniger stören, als jemanden, der sowieso schon einen schlechten Tag hatte. Obwohl der Reiz der gleiche ist, nehmen wir den Schmerz unterschiedlich wahr. Dieses Phänomen ist sogar wissenschaftlich untersucht (Biological Psychiatry: Berna et al, 2010).

Probleme tauchen immer dann auf, wenn Schmerz extrem wird. Entweder, wenn er gar nicht gespürt wird oder eben fast ohne Unterlass. Die Deutsche Schmerzgesellschaft geht davon aus, dass zwischen 8 bis 16 Millionen Menschen hierzulande von chronischen Schmerzen betroffen sind. Bei ihnen funktioniert die Schmerzwahrnehmung nicht richtig. So hört der Schmerz nicht auf, sobald der Reiz, der ihn auslöst vorbei ist oder er lässt nicht nach, wenn die Ursache behoben ist.

"In der Regel spricht man nach etwa drei Monaten davon, dass ein Schmerz chronisch geworden ist", sagt Jan-Peter Jansen. Der Schmerztherapeut ist Ärztlicher Leiter des Schmerzzentrums Berlin. In seiner Sprechstunde hat er hauptsächlich mit Menschen zu tun, die unter quälenden und anhaltenden Beschwerden leiden.

Wie ein chronischer Schmerz in der Theorie aussieht, wisse man mittlerweile, erklärt Jansen. Beschädigte Nervenzellen können ihn hervorrufen. In Laborversuchen zeigt sich: Werden Nervenzellen mehrfach gereizt, um Schmerzsignale zu senden, kann es passieren, dass sich die eine oder andere Zelle irgendwann selbstständig macht. Das Verarbeiten von Reizen gerät durcheinander. Letztlich produzieren Zellen Schmerzsignale, obwohl es nur einen schwachen oder sogar keinen Auslöser dafür mehr gibt. Es hat sich ein Schmerzgedächtnis entwickelt. "Eine einzelne Zelle kann auf diese Weise unerträgliche Schmerzen verursachen", sagt Jansen.

Lässt sich ein unsichtbarer Schmerz beweisen?

Patientinnen und Patienten, denen so etwas passiert, wurden bis vor einigen Jahren ihre Schmerzen häufig nicht geglaubt – auch heute kommt das noch vor. Der Grund liegt nahe: Wenn kein Reiz und keine Schädigung des Gewebes sichtbar ist, wie kann ein Mensch dann nachweisen, dass sein Schmerz wirklich da ist? Die Zelle zu finden, die das Schmerzsignal fälschlicherweise aussendet, ist unmöglich. Dafür gebe es einfach zu viele Nervenzellen, sagt Jansen.