Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland so wenig Organe gespendet wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Nur 797 Menschen stellten 2017 nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe zur Verfügung (DSO Jahresbericht, 2017, PDF). Zugleich warten mehr als 10.000 schwer kranke Menschen hierzulande auf eine lebensrettende Niere, Lunge oder ein Herz. Auch wenn die Organspende international mithilfe der Stiftung Eurotransplant organisiert ist, um die Chancen auf ein passendes Organ zu erhöhen: Täglich sterben in Deutschland im Schnitt drei Menschen, die auf der Warteliste stehen.

Woran liegt es, dass wir uns so schwertun mit der Organspende? Die Gründe sind vielseitig: Es geht um unbegründete Ängste, nachvollziehbare Skrupel und mangelnde Organisation. Einzelmaßnahmen würden daher kaum helfen, die Zahl lebensrettender Organe zu erhöhen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat vor diesem Hintergrund angekündigt, die sogenannte Widerspruchslösung im Bundestag debattieren lassen zu wollen. Darüber hinaus soll ein Gesetzentwurf aus seinem Ressort dazu führen, dass mehr Organe gespendet werden. Welche Regeln bisher gelten, welche Stärken und Schwächen sie haben und was Spahn konkret ändern will – die wesentlichen Informationen im Überblick:

Was ist die Widerspruchslösung?

Die Regel besagt: Wer zu Lebzeiten nicht widerspricht, ist nach dem Ableben automatisch Organspender. Die Widerspruchslösung gilt bereits in 18 Ländern (Bulgarien, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Liechtenstein, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Polen, Portugal, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, der Türkei, Ungarn und Zypern). Dass Jens Spahn diesen Ansatz auch für Deutschland fordert, ist sinnvoll: Studien zeigen, dass sich die Zahl der Spender nach Einführung im Schnitt um 20 bis 30 Prozent erhöht (British Medical Journal: Rithalia et al, 2009). 

In Deutschland sind Entnahmen nach dem Hirntod bisher nur möglich, wenn die Person ausdrücklich zugestimmt hat. Hier gilt also die Entscheidungslösung. Sie legt zugrunde, dass sich alle Bürgerinnen und Bürger auf der Grundlage fundierter Informationen mit der eigenen Spendenbereitschaft auseinandersetzen. Seit dem 1. November 2012 regelt daher das Transplantationsgesetz: Alle Krankenversicherten werden regelmäßig angeschrieben und gefragt, ob ihre Organe im Todesfall verwendet werden dürfen.

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Um welche Organe geht es?

Ein Organspender kann über ihren eigenen Tod hinaus bis zu sieben Menschen helfen. So stammt der Großteil gespendeter Nieren, Lebern, Lungenflügel, Herzen und Bauchspeicheldrüsen von Menschen, die tot sind. Ärzte entnehmen sie nach dem Hirntod, wenn die Organe noch gesund sind. Im Todesfall eines potenziellen Spenders muss das rasch und unter bestimmten medizinischen Voraussetzungen geschehen. 

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Wie ist die Spendenbereitschaft in Deutschland?

Mindestens 80 Prozent der Menschen in Deutschland stehen der Oganspende laut Umfragen positiv gegenüber. Vier von fünf Bundesbürgern finden die Idee derzeit gut (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: 2016, PDF). Der Anteil ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Doch die Zahl jener, die einen Organspendeausweis bei sich tragen und damit offiziell bereit sind, nach dem Tod Teile ihres Körpers abzugeben, ist deutlich geringer (siehe Grafik unten).

Während in Spanien, wo die Widerspruchsregelung gilt, von einer Million Einwohnern mehr als 40 – meist nach dem Tod – ihre Organe zur Verfügung stellen (American Journal of Transplantation: Matesanz et al, 2017), sind es in Deutschland weniger als zehn.

Angst vor Missbrauch, wie zum Beispiel Organhandel oder einem ungerechten oder schlecht funktionierenden System, ist ein Grund dafür, dass Menschen sich nicht durchringen können, Spender zu werden. Ungefähr jeder Fünfte, der sich aktiv gegen eine Spende entscheidet, gab dies als Grund an. Ein bundesweiter Organspendeskandal im Jahr 2011 hatte diese Sorgen etwas verstärkt, die Spendenbereitschaft aber nicht verändert.

Es mangelt also nicht unbedingt an der Bereitschaft. Es mangelt stattdessen an ausgewiesenen Spendern und Spenderinnen, auch weil viele Menschen Fragen haben, auf die sie keine Antworten bekommen. Doch bloß an Spender zu appellieren verkennt das größte Problem: Damit am Ende mehr Kranke ein Organ bekommen, muss sich in den Kliniken etwas ändern.

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Wie lässt sich der Ablauf in Kliniken verbessern?

Umfragen zeigen: Junge Ärztinnen und Pfleger haben auffallend oft Skrupel, Patienten nach ihrer Bereitschaft zur Organspende zu fragen. Auch werden die seit der Gesetzesreform eingesetzten Transplantationsbeauftragten zu selten gerufen oder freigestellt. Nur in Bayern schreibt seit Januar 2017 ein Gesetz vor, die Transplantationsbeauftragten vollständig freizustellen.

Genau hier setzt der Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn an, der völlig unabhängig von der Debatte um die Widerspruchslösung ist. Mit den Änderungen will er vor allem strukturelle Probleme in Kliniken bekämpfen, die der Hauptgrund für den Organmangel sind.

Seine geplanten Maßnahmen erinnern stark an Spanien, dem Land mit den weltweit meisten Organspenden. Dort wurde der Ablauf vorbildlich optimiert. Beispielsweise hat die Nationale Spanische Organtransplantationsbehörde (ONT) Pfleger darin geschult, mit Patienten und Patientinnen über die Organspende zu sprechen und Transplantationsteams an den spanischen Kliniken gegründet. Protokolle regeln, wie und wann mit Angehörigen und Patienten zu sprechen ist und wie die Organe entnommen und gelagert werden.

Jede der teilnehmenden Kliniken handelt nach einem Aktionsplan, der dabei hilft, alle Patienten ausfindig zu machen, die für eine Organspende infrage kommen. Sie werden dann – auch deswegen – auf die Intensivstation verlegt. Denn nur dort kann, falls der Patient sterben sollte, der Körper zwischen dem Hirntod und der Organspende optimal medizinisch überwacht werden, sodass keine Organschäden entstehen.

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Was will Spahn nun konkret ändern?

Im Wesentlichen folgendes:

  • Es gilt, die Position der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken zu stärken.
  • Ziel ist es, die Finanzierung der Organspende zu verbessern, sodass das Engagement der Kliniken nicht mehr – wie bisher häufig – zu einem finanziellen Nachteil führt.
  • Flächendeckend sollen Kliniken über die Transplantationen vor Ort berichten, um nachvollziehen zu können, ob sie die Chancen für Organspenden wahrnehmen.
  • Statt ausschließlich in spezialisierten Zentren soll es künftig auch kleinen Krankenhäuser erlaubt sein, mit Unterstützung eines bundesweiten neurologischen Bereitschaftsdienstes Organe zu entnehmen.
  • Organempfängern soll es künftig möglich sein, Dankesbriefe anonymisiert an die Angehörigen der Organspender weiterzuleiten.

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Wer ist für den Gesetzesentwurf und die Widerspruchslösung?

"Die vorgeschlagenen Maßnahmen verbessern die Strukturen in den Kliniken für die Organspende und sind gleichzeitig Ausdruck der Wertschätzung für die Organspende in Deutschland", teilt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in einer Pressemitteilung mit. Die Widerspruchslösung fördere die Auseinandersetzung der Bevölkerung mit dem Thema.

Auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery befürwortet die vorgeschlagene Neuregelung. Die von Spahn geplante Widerspruchslösung sei "eine sehr gute Idee", sagte er der Passauer Neuen Presse. Die Ärzteschaft habe sich immer für eine solche Regelung ausgesprochen. Zugleich räumte Montgomery ein, die Widerspruchslösung sei "rechtlich nur sehr schwierig umzusetzen".

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Wie argumentieren die Kritiker?

Der Theologe Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, sagte gegenüber dem Deutschlandfunk, die Widspruchslösung würde einen tiefen Eingriff in das Selbstverfügungsrecht über den eigenen Körper bedeuten. Das Schweigen würde dann als eine Zustimmung ausgelegt. Dabrock äußerte sich nicht im Namen des gesamten Ethikrats. Denn das Gremium hat bislang keine abschließende Stellungnahme zu dem Thema gefunden. 

Spahns Kolleginnen und Kollegen aus der Politik wiederum kritisieren vor allem den Zeitpunkt des Vorstoßes zur Widerspruchslösung. So sagte etwa die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag, im Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten und der Stuttgarter Zeitung: "So geht es nicht. Wir machen unseren eigenen Gesetzentwurf mit einer Debatte kaputt, die viel zu früh kommt."

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