Glaubt man den Websites von Kieferorthopäden, Zahnärztinnen und den Vertreibern von Zahnspangen, dann macht nur eins wirklich selbstbewusst und glücklich: gesunde und gerade Zähne. Wer dieses von Modezeitungen oktroyierte Ideal tatsächlich erreichen will, aber nicht natürlich gerade Zähne hat, der muss möglichst regelmäßig eine Zahnspange tragen, um die Fehlstellungen zu korrigieren. Wer sich jedoch an einer Zahnfehlstellung stört, weil sie nicht dem Schönheitsideal entspricht, der stört sich möglicherweise auch an den auffälligen Brackets einer festen Zahnspange. Für diese Menschen gibt es als Alternative durchsichtige Zahnschienen: Sie fallen im Alltag nicht auf und können zudem beim Essen herausgenommen werden.

Erfunden hat diese Zahnschienen das US-Unternehmen Align Technology 1997. In den vergangenen zehn Jahren hat es nach eigenen Angaben vier Millionen Menschen mit den Invisalign genannten Zahnschienen behandelt. Weil die Firma ihr Produkt hat patentieren lassen, war es nur von ihr zu bekommen. 2017 ist das Patent allerdings ausgelaufen. Seitdem haben Patienten und Patientinnen mehr Auswahl, denn Start-ups wie SunshineSmile, Dr. Smile oder Smilemeup haben die Idee der durchsichtigen Zahnschienen übernommen. Sie verkaufen die sogenannten Aligner nun online. Ihr Versprechen: Der Vertrieb über das Web soll Patientinnen und Patienten nicht nur Zeit sparen, sondern auch günstiger sein.

Dass gesunde und gerade Zähne zum modernen Schönheitsideal gehören, kommt den Anbietern entgegen. Tatsächlich müssten aber ohnehin viele Menschen mal zum Arzt: Laut einer deutschen Studie bräuchten 60 Prozent aller 18- bis 39-Jährigen eine kieferorthopädische Behandlung (Springer: Bock et al., 2011).  Den Alignern sind zwar Grenzen gesetzt: Bei schweren Fehlbissen oder Kiefergelenksproblemen beispielsweise können sie nichts ausrichten. Aber wenn die Zähne schief oder verdreht stehen, funktionieren sie gut.

Gerade Zähne ohne Arztbesuch?

Der Wunsch nach geraden Zähnen sorgt dafür, dass Menschen bereit sind, enorme Summen für solche Zahnkorrekturen auszugeben. Bei Align Technology starten die Preise für sehr einfache Fälle laut Website mit 2.000 Euro, meistens lägen die Kosten aber zwischen 3.500 und 6.500 Euro – der Preis eines kleinen Autos oder einer mehrmonatigen Reise. Weil die Krankenkassen die durchsichtigen Schienen meistens nicht zahlen, müssen Patientinnen und Patienten die Rechnung privat begleichen. Die neu gegründeten Start-ups versuchen auch deshalb, mit einem günstigeren Preis zu punkten: Smilemeup verspricht eine komplette Behandlung schon ab 1.600 Euro, bei SunshineSmile kostet sie etwas mehr als 2.000 Euro, bei Dr. Smile 2.290 Euro – deutlich günstiger als das Original.

Dass die Start-ups die Schienen so viel billiger anbieten, liegt daran, dass sie den Behandlungsplan von Align Technology verändert haben. Wer das Invisalign-Angebot will, geht zu spezialisierten Zahnärzten oder Kieferorthopädinnen, die sich von der Firma extra ausbilden lassen müssen. Mittels 3D-Scanner erstellen sie Aufnahmen vom Gebiss und errechnen mithilfe der Bilder, wie die Zähne am Ende aussehen sollen. Dann beginnt die Behandlung. Alle ein bis zwei Wochen muss die Patientin eine neue Zahnschiene einsetzen, die je auf bestimmte Zähne und ihre Zahnwurzeln drückt und sie so in eine Richtung verschiebt. 22 Stunden am Tag soll die Schiene im Mund sein, raus darf sie nur beim Essen. An jede neue Schiene müssen sich die Zähne oft schmerzhaft neu gewöhnen. Alle sechs Wochen kontrolliert der Zahnarzt, ob sich die Zähne auf die gewünschte Art und Weise bewegen.

Start-ups dagegen verzichten auf eine Ausbildung der Ärzte, sie reduzieren auch die Besuche in der Praxis. Manche Unternehmen verzichten sogar ganz auf einen Termin bei der Kieferorthopädin. Stattdessen muss der Patient einen Zahnabdruck zu Hause nehmen, seine Zähne fotografieren und an die Firma senden. Der 3D-Abdruck wird dann simuliert.

Das 2017 gegründete Unternehmen SunshineSmile bietet beide Möglichkeiten: "Wer sich für die Zahnschienen interessiert, kann zu unserer Zahnarztpraxis in Berlin gehen und sich dort untersuchen lassen", sagt David Khalil, einer der vier Gründer von SunshineSmile. Allerdings gibt es nur dort eine Betreuung vor Ort. Für alle anderen Patientinnen und Patienten in Deutschland muss es ohne Besuch beim Arzt funktionieren. Das Start-up bietet ein Set an, mit dem der Patient den Zahnabdruck selbst nehmen kann. Unterstützt wird der Patient mit einer Videoanleitung und Tipps von Zahnärztinnen und Zahnärzten. Den Abdruck schickt er zusammen mit mehreren Fotos vom Gebiss und einem ausgefüllten Fragebogen zurück an SunshineSmile. Eine Kieferorthopädin schaut sich die Ergebnisse an und entscheidet dann, ob der Patient oder die Patientin mit den Zahnschienen behandelt werden kann.

Wenn eine Patientin geeignet ist, bekommt sie die Schienen nach Hause geschickt. In eine App soll sie dann während der Behandlung eintragen, ob sie angenehm zu tragen sind. Zusätzlich sollen Patientinnen und Patienten regelmäßig Fotos ihrer Zähne hochladen. Mit den Daten aus der App kontrolliert SunshineSmile, ob sich das Gebiss so verändert, wie es soll. Wenn die Fotos gut seien, die Patientin mit dem Tragegefühl zufrieden sei und die neuen Zahnschienen immer wieder passten, sagt Khalil, könne man sich sicher sein, dass die Therapie so laufe wie geplant. Bewegen sich die Zähne anders als im 3D-simulierten Behandlungsplan, muss die Patientin zu Hause einen neuen Abdruck nehmen und neue Fotos einschicken.