Es gibt Situationen, in der das Neinsagen besonders schwerfällt. In der Arztpraxis zum Beispiel, wenn man als Patientin oder Patient einem Doktor gegenübersitzt, der einem eine Vorsorgeuntersuchung anbietet: "Das empfehle ich allen meinen Patienten in diesem Alter, dann sind wir auf der sicheren Seite." Fast beiläufig fügt er noch hinzu: "Das wird allerdings leider nicht von der Kasse übernommen, das müssten Sie selbst zahlen." Bei der Gesundheit will man natürlich nicht sparen. Andererseits stellt sich die Frage: Wenn die Untersuchung wirklich so wichtig wäre, wieso wird sie dann nicht von der Krankenkasse übernommen?

Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGEL, sind ärztliche, zahnärztliche oder psychotherapeutische Leistungen, die Patientinnen und Patienten grundsätzlich selbst bezahlen müssen, weil sie nicht im festgeschriebenen Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenversicherung enthalten sind.

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Jeder und jede Zweite bekommt beim Arztbesuch IGEL angeboten, so das Ergebnis einer Untersuchung des IGEL-Monitors, der vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbands der Krankenkassen getragen wird. Die häufigste IGEL ist der Studie zufolge die Augeninnendruckmessung zur Früherkennung des grünen Stars, auch Glaukom genannt. Danach folgen der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung, der Ultraschall der Brust und der PSA-Test, ein Bluttest zur Früherkennung von Prostatakrebs. Aber IGEL sind nicht nur Früherkennungsuntersuchungen. Auch Osteopathie, reisemedizinische Untersuchungen und Lichttherapie bei jahreszeitlich bedingten Depressionen gehören dazu.

In vielen Fällen werden die Leistungen nicht übernommen, weil ihre Wirkung nicht erwiesen ist. So bessern viele IGEL tatsächlich weniger die Gesundheit, sondern in erster Linie das Konto des anbietenden Arztes auf. Andererseits gibt es auch IGEL, die im individuellen Fall zu einer bestimmten Zeit durchaus hilfreich sein können. Nur wie lässt sich das unterscheiden als Laie? Wie sollte man sich überhaupt verhalten, wenn man eine IGEL von seinem Arzt angeboten bekommt? Wenn Sie die folgenden fünf Dinge beachten, sind sie auf dem richtigen Weg:

Erst mal nichts unterschreiben

"Es gibt keine Notfall-IGEL", sagt Johannes Schenkel, Ärztlicher Leiter der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Selbst IGEL, die sich als nützlich erweisen, haben in der Regel einige Tage und Wochen Zeit. Deshalb solle man sich in jedem Fall Zeit mit der Entscheidung lassen. Sprich: den Arzt zur IGEL genau befragen (siehe Punkt 2) und zu Hause recherchieren (siehe Punkt 3). Wer die IGEL dann will, der kann dies dem Arzt auch gut noch beim nächsten Termin mitteilen.

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Fragen Sie Ihren Arzt diese vier Fragen

Wenn ein Arzt eine IGEL anbietet, dann sollte er dies überlegt und in der Gewissheit tun, dass sie für die Gesundheit seines Patienten förderlich ist. Johannes Schenkel von der UPD empfiehlt sich an den folgenden vier Fragen zu orientieren, um mehr über die Motive des Arztes, seine Kompetenz und über die IGEL selbst herauszufinden. Diese Fragen sind übrigens nicht nur für IGEL nützlich sind, sondern für die meisten Arztgespräche:

1.) Was ist der Nutzen der vorgeschlagenen IGEL?
Dabei sollte es nicht nur um den allgemeinen Nutzen, sondern um den individuellen Nutzen des Patienten gehen: Warum sollte gerade ich diese IGEL in Anspruch nehmen? Was nutzt sie meiner Gesundheit?

2.) Welche Risiken sind damit verbunden?

Bei fast jeder Untersuchung, selbst wenn es nur eine Blutentnahme ist oder eine Ultraschalluntersuchung der Gebärmutter, gibt es auch Risiken. Die sind oft recht gering, aber sie sind eben auch vorhanden. Das gilt auch für die meisten IGEL. Ihr Arzt sollte die Risiken kennen und idealerweise auch ihre Wahrscheinlichkeit in Zahlen einschätzen können.

3.) Welche Alternativen gibt es zur vorgeschlagenen IGEL und wird eine Alternative auch von der Krankenkasse übernommen?

Wenn man sich dank der angebotenen IGEL-Leistung schon einmal mit einem Thema beschäftigt, lohnt es sich, auch nach Alternativen zu suchen. Viele davon werden von der Krankenkasse übernommen.

4.) Was würde passieren, wenn man Nein sagt und stattdessen wartet und beobachtet?

Diese Frage ist im Grunde bei jeder diagnostischen und therapeutischen Maßnahme angemessen. Die Antwort des Arztes kann nicht nur wertvolle Informationen liefern. Sie kann auch zeigen, wie gut sich der Arzt informiert hat bei der Auswahl "seiner" IGEL. Ob er zum Beispiel weiß, dass es bessere oder von der Krankenkasse bezahlte Alternativen gibt.

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Schauen Sie beim IGEL-Monitor nach

Der IGEL-Monitor (hier kommen Sie direkt zur IGEL-Suche) ist ein Projekt, das versucht, den medizinischen Nutzen von IGEL zu bewerten. Es ist zwar durchaus umstritten. Denn das Projekt wird vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbands der Krankenkassen getragen, die sich hier mit den Leistungen auseinandersetzen, die sie nicht übernehmen, und damit eher einen Hang zu einer besonders kritischen Haltung haben dürften. Entsprechend bekommt hier kaum eine IGEL eine Empfehlung. Und es wird nur ein Bruchteil aller IGEL bewertet. Diejenigen IGEL, die aus medizinischen Gründen als gesundheitlich fördernd angesehen werden können, deren Nutzen aber in Studien nicht explizit erwiesen werden konnte, fallen durch das Raster. Der Präsident der Bundesärztekammer Ulrich Montgomery sieht die Auswahl der bewerteten IGEL als "rein politisch motivierte Auswahl".

Trotzdem: Zu den IGEL, über die es Daten gibt, werden die vorhandenen wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit zusammengetragen und analysiert. "Wer sich über den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu einzelnen IGEL informieren möchte, findet hier in der Regel kompakt viele wichtigen Informationen", sagt auch Johannes Schenkel von der UPD. 

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Fragen Sie bei Ihrer Krankenkasse nach

Obwohl die Übernahme der allermeisten Gesundheitsleistungen gesetzlich festgelegt ist, haben die Krankenkassen auch einen gewissen Spielraum, um ihren Mitgliedern zusätzliche Leistungen anzubieten. Verschiedene IGEL – darunter etwa der Prostatakrebsvorsorgetest oder der Glaukomvorsorgetest – werden von manchen Krankenkassen bezahlt, von anderen wiederum nicht. Daher lohnt es sich immer, bei der eigenen Krankenkasse kurz anzurufen, bevor man sich zu einer IGEL entscheidet.

Bei manchen Leistungen übernimmt die Krankenkasse auch einen Teil der Kosten. Dazu zählen etwa viele verbreitete und zweifellos sinnvolle Leistungen, etwa Zahnersatz und eine Brille. Dass diese Leistungen nicht vollständig übernommen werden, ist teilweise eine politische Abwägung. Denn würden diese Leistungen vollständig übernommen, stiege der Krankenkassenbeitrag wegen der enormen Mehrkosten wohl merklich an.

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Vorsorge kann auch schaden

20 Euro, ein kurzer Ultraschall, und schon hat Frau ausgeschlossen, dass an den Eierstöcken irgendein bösartiger Tumor wächst. Das kann doch eigentlich nur gut sein! Ist es aber nicht: Vorsorgeuntersuchungen können aus verschiedenen Gründen auch schaden.

Das liegt zum einen an den sogenannten falsch positiven Ergebnissen. Das sind Testergebnisse, die nahelegen, dass ein Mensch eine Krankheit hat, obwohl er in Wirklichkeit gesund ist. Der Klassiker: Ein Knoten in der Mammografie lässt den Arzt oder die Ärztin an Brustkrebs denken, dabei handelt es sich nur um einen gutartigen Knoten, der von selbst wieder verschwindet. Untersuchungen, die ein solches falsch positives Ergebnis liefern, führen in der Regel aber zu weiteren Untersuchungen. Im Falle des Mammografie-Befundes beispielsweise zu einer Gewebeentnahme, einer Biopsie.

Selbst wenn es am Ende eine Entwarnung gibt – die Angst, die viele Menschen entwickeln, ist eine große Belastung. Außerdem kann es zu Komplikationen kommen. Beim Stuhltest im Rahmen der Darmkrebs-Früherkennung zum Beispiel wird nach versteckten Blutspuren im Stuhl gesucht, die auf einen Darmkrebs hinweisen könnten. Bei einem auffälligen Befund wird anschließend eine Darmspiegelung gemacht. Nur dadurch lässt sich abklären, ob die Blutspuren tatsächlich durch Krebs verursacht werden. In den allermeisten Fällen aber haben die Blutspuren eine gutartige Ursache, etwa eine Entzündung der Darmschleimhaut oder Hämorrhoiden. Das Problem: Bei mehr als zwei von tausend Patienten kommt es zu einer Blutung oder einem Einriss des Darms (American Journal of Gastroenterology: Reumkens et al., 2016). Meist sind die Komplikationen natürlich weniger schlimm. Das Beispiel zeigt aber, dass man Nutzen und Risiko einer Untersuchung immer gut gegeneinander abwägen muss. Bei der Darmkrebsvorsorge mit einer Darmspiegelung beispielsweise das Entdecken eines Tumors oder seiner Vorstufen gegen die Risiken.

All dies sollte man sich bewusst machen, wenn man über eine Vorsorge-IGEL nachdenkt – und Informationen über entsprechende Risiken und die Rate falsch-positiver Ergebnisse einholen.

Mehr dazu, wie man mit Geschäftemachern in der Medizin umgeht, finden Sie in der aktuellen ZEIT.

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