Die aktuelle Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo stand kurz davor, zum globalen Gesundheitsnotstand erklärt zu werden. Der Krisenausschuss der Weltgesundheitsorganisation WHO entschied sich am Mittwochabend in Genf aber dann doch dagegen. Leider zeigt das nicht, dass die Seuche bereits unter Kontrolle ist, sondern vielmehr, wie ernst die Lage in den betroffenen Gebieten immer noch ist. Ebola verbreitet sich bereits zum zehnten Mal in der Demokratischen Republik Kongo, es ist schon der zweite Ausbruch in diesem Jahr – und er ist aufgrund der Zahl der Fälle, der Region und der schlechten Versorgung laut WHO besonders besorgniserregend.

Es wäre das fünfte Mal in zehn Jahren gewesen, hätte die WHO den Notstand ausgerufen. Zuletzt geschah das im Jahr 2016 aufgrund der Zika-Epidemie auf dem amerikanischen Kontinent, zuvor 2014 beim Ausbruch von Ebola in Westafrika

"Wir sind optimistisch, dass dieser Ausbruch in absehbarer Zeit unter Kontrolle gebracht werden kann", sagt nun der Züricher Spezialist für Infektionskrankheiten, Robert Steffen. Er leitet den Krisenausschuss der WHO. Die kongolesischen Behörden hätten die Krise bislang im Griff, sagte der WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Der Ausschuss empfahl allerdings, die Produktion eines Impfstoffes anzukurbeln, der vielversprechende Ergebnisse gebracht habe. Mit ihm sollen zunächst medizinisches Personal sowie Angehörige von Kranken und deren Kontakte versorgt werden. Möglicherweise auch in den Nachbarländern der Demokratischen Republik Kongo. Wichtig sei auch, Ausreisende an Flughäfen, Häfen und Landesgrenzen auf Krankheitssymptome zu beobachten.

Seit August zählt das kongolesische Gesundheitsministerium 185 bestätigte Ebola-Fälle in den Provinzen Ituri und Nord-Kivu, 107 von ihnen endeten tödlich. In 35 weiteren Fällen steht Ebola als Ursache noch nicht fest, immerhin 57 Patienten sind bisher genesen (Stand vom 17. Oktober 18). Dennoch ist die Situation damit deutlich ernster als im Frühjahr, als Ebola im Westen des Kongo ausbrach. Damals infizierten sich 54 Menschen, 33 von ihnen starben. Während in der westlichen Provinz Équateur (mit der Hauptstadt Mbandaka) der Ausbruch nach knapp drei Monaten für beendet erklärt werden konnte, steigt die Zahl der Infizierten in den mehr als 1.200 Kilometer entfernten östlichen Gebieten um die Provinzhauptstadt Goma seit August stetig.

Mit der WHO-Erklärung soll sich die Situation bald bessern. Für einen Notstand muss es sich aber um ein außergewöhnliches Ereignis handeln, das die Volksgesundheit weiterer Staaten bedroht und koordinierte internationale Hilfe erforderlich macht. Das besagen die Richtlinien dazu. Tatsächlich sind bereits mehrere Länder gefährdet: Der aktuelle Ausbruch liegt in der Grenzregion zu Uganda und Ruanda, weshalb die WHO das Risiko einer regionalen und nationalen Verbreitung durchaus hoch einstuft.

Zwar gilt das Risiko einer globalen Verbreitung als gering und eine Ausbreitung von Ebola nach Europa ist laut dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) äußerst unwahrscheinlich. Dass die WHO aber dennoch den Notstand diskutiert hat, sollte trotzdem die ganze Welt kümmern. Denn ohne Hilfe, zusätzliche ausgebildete Ärztinnen und Helfer vor Ort, ohne Impfstoffe und stärkere Gesundheitskontrollen an Grenzen wird die Demokratische Republik Kongo das Virus kaum bezwingen können.

Während der Ebola-Epidemie 2014 kritisierte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen die WHO, viel zu spät den Notstand ausgerufen zu haben. Inzwischen gilt als erwiesen: Auch weil die nationalen und internationalen Akteure so zögerlich reagierten, konnte sich das Virus so weit ausbreiten (Lancet: Moon et al., 2015). Mehr als 11.000 Menschen starben in Guinea, Liberia und Sierra Leone 2014, weil Hilfe zu lange ausblieb (Lancet: Gostin et al., 2015). Das soll nicht erneut geschehen, und von dem Ausmaß von damals ist man auch noch weit entfernt.

Wie beim letzten Ausbruch im Mai setzt die WHO nun den experimentellen, noch nicht zugelassenen Impfstoff V920 (rVSV-ZEBOV) ein. Seit dem 1. August bekamen ihn laut dem kongolesischen Gesundheitsministerium knapp 18.000 Menschen. Geimpft werden das Gesundheitspersonal und – in Form von Ringimpfungen – Kontaktpersonen von Erkrankten. Die Impfung hat eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung (Lancet: Claude et al., 2018) und erste Studien lassen vermuten, dass sie sehr wirksam ist (Lancet: Henao-Restrepo et al., 2017). Für bereits Erkrankte gibt es seit Kurzem experimentelle Therapieverfahren, für deren Wirksamkeit aber bisher keine ausreichenden Belege vorliegen (New England Journal of Medicine: Damon et al., 2018). Bis Mitte Oktober wurden 73 Patienten mit den Wirkstoffen MAb114, Remdesivir, ZMapp und Regeneron behandelt, 32 von ihnen sind genesen, 21 verstorben und 20 befanden sich noch in Behandlung, teilte das Gesundheitsministerium der Demokratischen Republik Kongo mit.

Doch der Impfstoff allein reicht nicht. Die WHO benennt zwei Gründe für die dramatische Entwicklung im Osten: Seit Jahren kämpfen zahlreiche Milizen und Rebellengruppen mit der Regierung unter anderem um Bodenschätze, ethnische Konflikte erschweren die Situation. Laut der UN-Flüchtlingshilfe UNHCR flohen etwa 4,5 Millionen Menschen innerhalb der Demokratischen Republik Kongo, die Lage sei "eine der kompliziertesten, herausforderndsten und am meisten vergessenen Krisen." Zehntausende Bürgerkriegsflüchtlinge leben in Beni, nahe der Grenze zu Ruanda. Das macht es für Helferinnen und Helfer deutlich schwerer, zu den Erkrankten zu kommen. "Die größte Hürde wird es sein, die betroffenen Menschen sicher zu erreichen", sagte Peter Salama, Generaldirektor für die Notfallantwort bei der WHO, schon im August. Damit das Virus aber erfolgreich bekämpft werden kann, müssen alle infizierten Menschen gefunden, isoliert und behandelt werden – eine große Herausforderung in einem Konfliktgebiet.

Als weiteren Grund nennt die WHO Teile der Bevölkerung, die gegen die WHO arbeiten, etwa indem sie Leichen stehlen. Vergangene Woche wurde ein Leichenwagen entführt, berichtet das kongolesische Gesundheitsministerium. Er befand sich auf dem Weg zu einem offiziellen Friedhof, die Diebe wollten die Tote dagegen in einem Familiengrab beisetzen. Gerade Ebola-Tote sind aber besonders ansteckend. Weil es im Kongo üblich ist, die Toten zu waschen und zu berühren, hat die WHO schon 2017 eine Anleitung veröffentlicht, die erklärt, wie infizierte Tote sowohl sicher als auch würdevoll bestattet werden können. Die Aufklärung scheint in zumindest diesem Fall geholfen zu haben: Die Diebe gaben die Leiche zurück. Weil sie weder Sarg noch Leichensack öffneten, wurde wohl auch niemand infiziert.

Finanzielle Hilfen sind mit der aktuellen WHO-Erklärung nicht verbunden. Das wäre aber auch bei einem Notstand nicht der Fall. Dieser kann allerdings im Zweifel den Druck auf reiche Länder erhöhen, die Krisenregion zu unterstützen – bei der aktuellen Lage will sich die WHO dieses vielleicht letzte Mittel noch bewahren.

Weitere Informationen rund um das Ebola-Virus finden Sie auch in unserem FAQ zum letzten Ausbruch und auf unserer Themenseite zum Ebola-Virus.