Ein Kaiserschnitt kann Leben retten. Trotzdem ist er für Frauen in armen Ländern und Regionen oft nicht verfügbar, selbst wenn es während einer Geburt zu Komplikationen kommt. In reichen Gegenden jedoch werden offenbar zu viele Kaiserschnitte durchgeführt, die medizinisch gar nicht notwendig wären. Zu dem Ergebnis kommt ein Forscherteam in einer Serie aus drei Studien, die gerade in der Fachzeitschrift The Lancet (Boerma et al., 2018; Sandall et al., 2018; Betrán et al., 2018) veröffentlicht und auf dem Kongress der Internationalen Föderation für Gynäkologie und Geburtshilfe (FIGO) in Brasilien vorgestellt wurden.

Den Untersuchungen zufolge hat sich der Anteil der Kaiserschnitte an allen Geburten seit der Jahrtausendwende fast verdoppelt. Er stieg von zwölf Prozent im Jahr 2000, was 16 Millionen von 131,9 Millionen Geburten entspricht, auf 21 Prozent im Jahr 2015 (knapp 30 Millionen von 140,6 Millionen). Die Zahlen basieren auf Statistiken der Weltgesundheitsorganisation WHO und der UN-Kinderschutzorganisation Unicef. Die Forscherinnen und Forscher bezogen 169 Länder in ihre Untersuchung ein.

Medizinisch notwendig ist ein Kaiserschnitt schätzungsweise bei zehn bis 15 Prozent der Geburten. Häufiger sollte der Eingriff nicht durchgeführt werden, denn er birgt Risiken für Mutter und Kind. Weil die Gebärmuttermuskulatur beim Kaiserschnitt durchtrennt wird, gibt es bei späteren Geburten häufiger Komplikationen. Dennoch liegt die Kaiserschnittrate in manchen Ländern bei mehr als 40 Prozent. 

Viele Kaiserschnitte in China und Brasilien

Regional fanden die Autorinnen und Autoren der Studie dabei große Unterschiede. Besonders stark stieg die Zahl der Kaiserschnitte demnach in Südasien: von 7,2 Prozent aller Geburten auf 18,1 Prozent. In weiten Teilen Afrikas hingegen werden Kaiserschnitte – oft aufgrund fehlender Ausstattung der Kliniken – noch immer zu selten durchgeführt, wenngleich ihr Anteil an den Geburten steigt. In West- und Zentralafrika beispielsweise liegt er aktuell bei 4,1 Prozent, in Ost- und Südafrika bei 6,2 Prozent.

In Nord- und Südamerika, der Karibik und Westeuropa gibt es den Studien zufolge nach wie vor zu viele Kaiserschnitte. In Nordamerika liegt der Anteil des Eingriffs an allen Geburten aktuell bei 32 Prozent, in Westeuropa bei 26,9 Prozent, in Lateinamerika und der Karibik sogar bei 44,3 Prozent. 

Teilweise führten die Forscher die zunehmende Anzahl der Kaiserschnitte darauf zurück, dass mehr Geburten in Krankenhäusern oder anderen Gesundheitseinrichtungen stattfänden. Zugleich steige der Anteil der Kaiserschnittgeburten in den Kliniken. In Brasilien und China, wo die Rate besonders hoch sei, fänden Kaiserschnitte in der Regel nach risikoarmen Schwangerschaften und bei Frauen statt, die schon zuvor durch einen Kaiserschnitt entbunden hätten. Allerdings fanden die Forscher in den Ländern mit besonders hohen Kaiserschnittraten auch große Unterschiede zwischen einzelnen Regionen.

Schwangerschaft und Geburt verliefen in den allermeisten Fällen komplikationslos, sagte die Leitautorin der Studien, Dr. Marleen Temmerman von der kenianischen Aga Khan University und der belgischen Universität Gent. Doch "der große Anstieg der Zahl der Kaiserschnitte – vor allem in reicheren Umgebungen, aus nichtmedizinischen Gründen – ist besorgniserregend, denn sie gehen mit Risiken für Frauen und Kinder einher".

Temmerman appellierte an Ärzte, Pflegepersonal, Krankenhäuser und Geldgeber, Kaiserschnitte nur dann durchzuführen, wenn es medizinisch notwendig sei. In ärmeren Regionen hingegen müssten Kaiserschnitte für jede Frau verfügbar werden.