Auf Knien flehte Saids Mutter um das Leben ihres Sohnes. Der Junge sollte gesteinigt werden, sein Vater war bereits tot, sie selbst schwer verwundet. Said durfte gehen – und floh auf Wunsch seiner Mutter allein aus seiner Heimat Afghanistan ins Ungewisse. Sein Weg führte ihn durch den Iran und die Türkei. Er lief Hunderte Kilometer, überlebte das Gebirge, in dem zahlreiche andere starben. Sie stürzten ab, erfroren oder wurden von Schleppern zu Tode geprügelt. Er lief, bis er die deutsche Grenze erreichte. Deutschland war unterwegs zu seinem Ziel geworden, denn in Deutschland, so hatte er gehört, würde er in Sicherheit sein.

Said, der in Wahrheit anders heißt, ist einer von mehr als 1,3 Millionen Menschen, die zwischen 2015 und 2017 vor Krieg, Hunger oder politischer Verfolgung nach Deutschland geflohen sind. Die Flucht hat sie körperlich und seelisch gezeichnet. Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen – zwischen 20 bis 70 Prozent derer, die es nach Deutschland schaffen, sind psychisch krank (siehe etwa BPtK, 2015/Molecular Psychiatry: Ullmann et al., 2015/Knipper & Bilgin, 2009/Soc Sci Med: Lindert et al., 2009). In einer aktuellen Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) geben drei von vier Flüchtlingen an, unterschiedliche Formen von Gewalt erfahren zu haben (WIdO monitor: Schröder et al., 2018).

Die hohe Quote ist bekannt. Seit Jahren liefern Studien die Daten dazu. Die Gesundheit von Migranten und Migrantinnen ist laut Experten eine der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit. Doch statt sie anzunehmen, ist das deutsche Gesundheitssystem auf Menschen wie Said nicht ausreichend vorbereitet. Es fehlt an nahezu allem: Psychotherapeutinnen und Dolmetschern, Geld und Organisation. Hinzu kommen Gesetze, die verunsichern, statt für Sicherheit zu sorgen.

Said war 16 Jahre alt, als er floh, mit 17 kam er in Deutschland an. Die Jugendhilfe kümmerte sich um den unbegleiteten minderjährigen Flüchtling und bot ihm Platz in einer Wohngruppe mit anderen Jugendlichen. Ein bisschen Familie. Zuhause in Afghanistan war er der Lieblingssohn, in der Gruppe der intelligente, ehrgeizige, freundliche Junge. Er fühlte sich wohl, wären da nicht die Albträume in der Nacht gewesen. Die Panikattacken, die ihn jederzeit überwältigen konnten. Oft war Said zwar körperlich anwesend, aber sein Geist gefangen im Grauen der erlittenen Gewalt im Heimatland.

Nicht jeder braucht eine Therapie

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wie Said sind nach der EU-Aufnahmerichtlinie besonders schutzbedürftig, auch ihre psychische Gesundheit soll sichergestellt werden. Eine umfassende Studie darüber, wie es ihnen in Deutschland geht, gibt es bisher nicht. Ein aktueller Bericht der Bundesregierung geht aber davon aus, dass ein Großteil von ihnen traumatisiert ist und sich daraus für sie negative Folgen im Alltag ergeben. Dabei sei die Gesundheitsversorgung bei psychischen Erkrankungen besonders schlecht, berichtet der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF).

Nun benötigen nicht alle Geflüchteten, die unter psychischen Beschwerden leiden, eine spezialisierte Behandlung. Nicht immer braucht es einen Psychotherapeuten oder eine Psychiaterin, um erlebte Traumata zu verarbeiten und schwere Folgeerkrankungen zu verhindern. Ein Teil der Menschen erholt sich ohne professionelle Unterstützung. Anderen reicht es, wenn Beraterinnen sie über die Folgen ihrer traumatischen Erlebnisse aufklären und auf Hilfsangebote hinweisen. Doch Tausende Menschen haben so schwere seelische Verletzungen, dass sie  eine ambulante Behandlung oder stationäre Therapie benötigen. Die wenigsten bekommen sie.

Kann er Arme und Beine bewegen? Hat er eine offene Wunde? Anzeichen einer Tuberkulose? Bei seiner Erstuntersuchung ging es allein um Saids körperliche Beschwerden. Erst in der Wohngruppe wurde erkannt, wie schlecht es um sein seelisches Befinden bestellt war. Ein Betreuer meldete ihn bei Refugio München an. In dem Zentrum wurde er behandelt, obwohl er noch keine Gesundheitskarte hatte – und obwohl nicht feststand, ob sein Antrag auf Asyl genehmigt werden würde.