Äußere Umstände wie ein ungeklärter Aufenthaltsstatus können sich nachweislich auf die psychische Gesundheit auswirken. Manche Wissenschaftler sprechen gar von einer Form struktureller Gewalt, die durch das Rechtssystem ausgeübt werde: "Es ist ein analytischer Begriff", sagt der Arzt und Medizinethnologe Michael Knipper von der Justus-Liebig-Universität Gießen. "Niemand schlägt auf die Leute ein, sondern von Menschen gemachte Strukturen verletzen die Betroffenen beziehungsweise schaden ihrer seelischen Gesundheit", sagt Knipper. Wer um sein Bleiberecht bangen müsse, wer Rassismus, Ausgrenzung und tägliche Erniedrigungen erlebe, dem falle es schwerer, gesund zu werden. "Die Unsicherheit macht die Leute völlig fertig."

Ohne äußere Sicherheit kann es keine innere geben – so lautet ein Credo der Psychologie. "Darum ist es so perfide, dass die Möglichkeiten zur psychologischen Beratung oder Therapie derzeit unter anderem vom Bleiberecht abhängen", sagt Knipper. "Durch die politischen Entscheidungen werden die Leute substanziell geschädigt", sagt der Arzt aus Erfahrung. Diverse Studien geben ihm recht. Sie haben gezeigt, dass die restriktiven Maßnahmen staatlicher Migrationspolitik psychisch belastend sein können (Soc Sci Med: Steel, Silove et al., 2011/Psychiatry Res: Nickerson, Steel, Cryant et al., 2011/Dan Med J: Storm, & Engberg, 2013/Int J Epidemiology: Goosen, Stronks, Kunst, 2014/Eur J Public Health: Lamkaddem, Essink-Not Devillé et al., 2015). Psychologinnen und Psychiater wissen genau, was zu tun ist – und können aufgrund der Rechtslage und Verfahrenspraxis doch nicht helfen.

In Fällen von PTBS sollten psychische Erkrankungen eine Abschiebung verhindern.
Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer

So ist es ein wissenschaftlich anerkanntes Merkmal der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS; siehe Infobox unten), dass Menschen Symptome wie Flashbacks und Panikattacken entwickeln, wenn sie mit einem Trigger konfrontiert werden. Solch ein Trigger kann die Farbe eines Autos sein, der Geruch eines Aftershaves oder ein langer Bart. Zurück in der Heimat wären Flüchtlinge ihnen ausgeliefert: "Die Konfrontation mit den Auslösern des Traumas im Heimatland führt dazu, dass sich die PTBS-Symptome schwerwiegend und lebensbedrohlich verschlechtern können", sagt BPtK-Präsident Munz. "In diesen Fällen sollten psychische Erkrankungen eine Abschiebung verhindern." Das geschieht nach den jetzigen Regelungen allerdings nur in Einzelfällen.

Es war nur ein Papier, das Said zur Klage gegen den Ablehnungsbescheid einreichen musste – formlos, aber fristgerecht und persönlich. Es hat ihn beruhigt, dabei einen Sozialarbeiter von Refugio an seiner Seite zu haben. Mit ihm kann er bürokratische Abläufe besprechen, die damit nicht mehr seine Therapie dominieren. Sie würden die Heilung nur verzögern. Im Gespräch mit seiner Therapeutin kann er sich voll auf seine Sorgen und Symptome konzentrieren. Nachdem er die Klage eingereicht hatte, schrieb ein Rechtsanwalt die Klagebegründung. Seither heißt es warten. Bis zum Anhörungstermin beim Verwaltungsgericht vergehen ein bis zwei Jahre.

Indem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fachübergreifend arbeiten, zeigen Zentren wie Refugio, wie Flüchtlingsarbeit deutschlandweit geregelt sein sollte: ein gemeinsames Wirken von Sozialarbeit, Psychotherapie und Gesundheitsversorgung. Sie versuchen zu leisten, was der Staat bislang nicht zu regeln vermag. In den Erstaufnahmestellen fehlt es an geschultem Personal. Es fehlt an Psychotherapeuten, Psychiaterinnen, Dolmetschern. Und an Gesetzen, die Flüchtlingen mehr Selbstständigkeit erlauben.

"In erster Linie geht es gar nicht darum, auf Teufel komm raus zu therapieren", sagt Knipper. "Es geht darum, die Menschen mit Würde und Respekt zu behandeln, ihnen eine sinnvolle Beschäftigung zu geben. Vernünftige Lebensverhältnisse." All das entscheidet, ob jene, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und teilweise Schlimmstes erleben mussten, sich ein neues, selbstbestimmtes Leben aufbauen können.

Mit Hilfe von Refugio hat Said die schlimmste Krise überwunden. Der Bescheid des Verwaltungsgerichts steht aus, seine Therapie dauert an. Bis September 2018 durfte etwa jeder dritte Flüchtling aus Afghanistan in Deutschland bleiben.