Update, 12.10.2018: Inzwischen hat das Landgericht Gießen im Berufungsverfahren das Urteil gegen Kristina Hänel bestätigt.

Wenn an diesem Freitag das Landgericht Gießen bereits ein Urteil fällt, wird es in vielen Medien wieder heißen, die Allgemeinmedizinerin Kristina Hänel sei verurteilt worden, weil sie auf der Internetseite ihrer Praxis bewirbt, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornimmt. Dabei ist Werbung nun wirklich das falsche Wort für das, was die Gießener Ärztin Hänel tut, und wofür das Amtsgericht Gießen sie im November vergangenen Jahres zu einer Geldstrafe in Höhe von 6.000 Euro verurteilt hatte. Das offenbart ein Blick auf ihre Internetseite: Dort gibt es unter dem Reiter "Spektrum" lediglich einen Hinweis darauf, dass Hänel Schwangerschaftsabbrüche anbietet. Wer ihn anklickt, kann sich Informationen zusenden lassen. Vormals konnte man sich die Broschüre dazu auch direkt herunterladen.

Trotzdem gilt: "Die Angeklagte hat sich (...) des Vergehens der Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft gemäß § 219a StGB strafbar gemacht", heißt es im Urteil des Gießener Amtsgerichts vom November 2017. § 219a Strafgesetzbuch verbietet, dass Ärztinnen und Ärzte zu ihrem "Vermögensvorteil" Informationen über Schwangerschaftsabbrüche anbieten – das umfasst auch Ärztehonorare, die ohnehin für Behandlungen anfallen, befand das Amtsgericht Gießen (eine juristische Einschätzung dazu finden Sie hier). Frau Hänel darf als Ärztin somit nicht einmal über Schwangerschaftsabbrüche informieren (ein Interview mit Kristina Hänel finden Sie hier). Der Fall hat in Deutschland eine Debatte ausgelöst und Kristina Hänel unfreiwillig zu einer Vorkämpferin für Frauenrechte gemacht. Auch politisch wird weiter über §219a gestritten. Viele hoffen, dass sich auch das Bundesverfassungsgericht mit dem veralteten Paragrafen befasst und ihn kippt.

Jede Frau, die über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenkt, sollte Zugang zu hochwertigen Informationen haben. Deshalb beantwortet ZEIT ONLINE an dieser Stelle die wichtigsten Fragen rund um das Thema. Das, was Ärztinnen und Medizinern wie Kristina Hänel – zumindest öffentlich – untersagt sein soll:

Welche Methoden gibt es, um eine Schwangerschaft zu beenden?

Entweder gibt es eine Operation oder es werden Medikamente gegeben. Während eines Eingriffs saugen Medizinerinnen oder Ärzte das embryonale Gewebe in der Gebärmutter ab oder schaben es aus. Bekommt die Patientin Medikamente, greifen diese gezielt in den Hormonhaushalt der Frau ein. Die Gebärmutter wird dazu gebracht, den Embryo abzustoßen, gemeinsam mit der obersten Schicht der Gebärmutterschleimhaut, in der er nistet. Knapp 80 Prozent der rund 100.000 Schwangerschaftsabbrüche im Jahr 2017 waren Absaugungen und Ausschabungen, 20 Prozent wurden mit Medikamenten durchgeführt.

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Ist die Pille danach nicht auch eine Form des Schwangerschaftsabbruchs?

Nein, die Pille danach, die seit 2015 in Deutschland in Apotheken rezeptfrei erhältlich ist, ist ein Verhütungsmittel. Der Grund: Wenn die Eizelle bereits befruchtet, also ein Embryo entstanden ist, wirkt sie nicht mehr. Die Hormone, die sie enthält (Gestagene, also synthetische Formen des im Körper natürlich vorkommenden Progesteron), sorgen vielmehr dafür, dass der Eisprung sich verzögert oder ganz ausbleibt (Ärzteblatt: Kothé, 2008). Frauen, die während ihrer fruchtbaren Phase, also im Zeitraum von sechs Tagen vor und einem Tag nach dem Eisprung, Sex ohne Verhütung hatten, können sie einnehmen. Die Pille danach ist sehr wirksam. Sie verringert die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden um bis zu 95 Prozent. Dabei gilt grob gesagt: Je früher man sie nimmt – am besten innerhalb von 24 bis 48 Stunden –, desto besser wirkt sie.

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Welches Verfahren sollte angewendet werden?

Das hängt davon ab, wie weit die Schwangerschaft schon fortgeschritten ist und was die Schwangere sich wünscht. Aber auch von der Anatomie der Frau und mitunter auch davon, welches Verfahren die behandelnde Ärztin oder der Arzt gut beherrscht. Bevor die Ärztin einen Abbruch vornimmt, prüft sie sorgsam mit Ultraschall und Bluttests, ob die Frau überhaupt schwanger ist. Generell können Medizinerinnen und Mediziner aber nur bis ungefähr zur 12. Schwangerschaftswoche operieren, denn danach ist der Embryo zu groß. Der Abbruch mit Medikamenten ist bis zum 63. Tag, also zur neunten Schwangerschaftswoche zugelassen. "Grundsätzlich kann er aber die ganze Schwangerschaft über erfolgen und auch zur Einleitung einer Geburt verwendet werden", erklärt Christian Fiala, der ärztliche Leiter des Gynmed-Ambulatoriums Wien, das sich auf Schwangerschaftsabbrüche und Familienplanung spezialisiert hat.

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Wie funktionieren die operativen Verfahren?

Dafür schabt die Ärztin entweder mit einem chirurgischen Werkzeug das embryonale Gewebe aus der Gebärmutter oder saugt es mit einem kleinen Plastikschlauch, in dem ein Unterdruck herrscht, heraus. Die Absaugmethode ist schonender, dabei entfernt die Ärztin meist auch den obersten Teil der Schleimhaut der Gebärmutter mit, die sonst bei der Regelblutung abgestoßen wird. Damit die Ärztin mit dem Schlauch gut in die Gebärmutter kommt, muss sie den Muttermund weiten: Entweder mit Stäbchen oder mit einem Medikament, das man auch bei der Schwangerschaftseinleitung nutzen kann, einem Prostaglandin. Die Schwangere bekommt außerdem wegen der Schmerzen eine Betäubung – je nach Wunsch entweder lokal am Gebärmutterhals oder aber eine kurze Vollnarkose. "Der Eingriff dauert wenige Minuten", erklärt Fiala. Vor allem aber seien die Risiken sehr gering: sehr selten kann es zu Infektionen kommen oder einer allergischen Reaktion auf die Narkosemittel. "Die Angst vor einer Unfruchtbarkeit ist unbegründet", sagt Fiala. "Sie stammt aus einer Zeit, in der Schwangerschaftsabbrüche streng verboten waren und unter schlechten hygienischen Bedingungen vorgenommen worden." Damals kam es eben zu Infektionen, die von der Gebärmutter in die Eileiter aufstiegen, diese verklebten und die Frauen damit unfruchtbar machten. Heute sei eher das Gegenteil der Fall: Viele Frauen unterschätzten, sagt Fiala, wie schnell sie nach einem Abbruch wieder schwanger werden können. Im Regelfall sind das nämlich nur zwei Wochen.

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Wie funktionieren die medikamentösen Verfahren?

Der weibliche Körper kontrolliert eine Schwangerschaft, indem er verändert, welche und wie viele Hormone ausgeschüttet werden. Vor allem das Hormon Progesteron sorgt dafür, dass die Schleimhaut und das ungeborene Leben, das darin nistet, nicht abgestoßen werden. Gebildet wird es zuerst vom Gelbkörper des Eierstocks und später vom kindlichen Anteil der Plazenta. Beim medikamentösen Schwangerschaftsabbruch hemmt der Arzt das Progesteron-Signal mit der Substanz Mifepriston. Dann muss die Frau ungefähr drei Tage warten, ehe sie ein zweites Präparat, ein Prostaglandin, einnimmt. Das führt dazu, dass sich die Gebärmutter zusammenzieht und der bereits abgestoßene Embryo in einer Blutung abgeht. Diese Abbruchblutung sei vollkommen identisch mit einer spontanen Fehlgeburt, erklärt Christian Fiala. "Es kann auch kein Arzt feststellen, ob ein spontaner oder ein eingeleiteter Abort vorliegt." Das gilt auch für die Nebenwirkungen: Die Frauen leiden unter mitunter starken Blutungen und krampfartigen Schmerzen. Ungefähr jede hundertste – genau wie bei einem natürlichen Schwangerschaftsabgang – muss deshalb ins Krankenhaus. Schwerwiegende Komplikationen sind aber selten.

Auch bei Spätabbrüchen, also ungefähr nach der 12. Schwangerschaftswoche, wird eine Form der medikamentösen Methode benutzt. Hier aber muss die Frau das noch nicht lebensfähige Kind, wie bei einer normalen Geburt, meist im Krankenhaus, zur Welt bringen. Sehr selten sind Abbrüche nach der 20. Schwangerschaftswoche, bei denen das Kind möglicherweise lebensfähig zur Welt kommen würde. Um das zu verhindern kann dem Kind über die Nabelschnurvene eine Kaliumchloridlösung injiziert werden, die zum Herzstillstand führt. Derartige Fälle sind in Deutschland aber sehr selten (2017: 592 Fälle) und werden oft im Ethikrat einer Klinik abgestimmt.

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Hat ein Abbruch psychische Probleme zur Folge?

Mit dieser Frage beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Forscher schon eine ganze Weile. Eines der Probleme: Die Studienlage zum Thema ist schlecht. Dort aber, wo es hochwertige Studien gibt, zeigen sie, dass Schwangerschaftsabbrüche – vor allem, wenn sie früh vorgenommen wurden und ein einmaliges Ereignis sind – nicht zu psychischen Problemen führen (American Psychological Association: Major et al., 2008; Academy of Medical Royal Colleges: Cantwell et al., 2011; New England Journal of Medicine: Munk-Olsen et al., 2011). In diesen Untersuchungen findet sich nicht einmal wieder, dass Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, oft unter großem sozialen Druck stehen, weil viele ihrer Mitmenschen den Eingriff verurteilen. Und eine Konfrontation mit derartigen Moralvorstellungen kann selbst   psychische Probleme auslösen.

Und was empfinden Frauen dann nach einem Abbruch? Das versuchte eine Studie des Familienplanungszentrums Hamburg herauszufinden. Das Fazit der Autorinnen: Die meisten Frauen waren "traurig und befreit zugleich." Das ist etwas, das Christian Fiala bestätigen kann. Frauen, die ungewollt schwanger sind, befänden sich ohnehin in einer Problemsituation ohne einfachen Ausweg. "Und unserer Erfahrung nach ist der Abbruch oft die beste Lösung – auch für die Psyche."

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Bis zu welcher Schwangerschaftswoche ist ein Abbruch erlaubt?

§218 Strafgesetzbuch besagt, dass ein Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich verboten ist. §218a aber regelt, unter welchen Umständen der Abbruch nicht strafbar ist. Das ist der Fall, wenn eine Ärztin oder ein Arzt den Eingriff vor der zwölften Schwangerschaftswoche vornimmt, nachdem sich die Schwangere in einer dafür anerkannten Beratungsstelle hat beraten lassen.

Nach der zwölften Woche sind Schwangerschaftsabbrüche nur noch dann erlaubt, wenn es die Mutter schwer psychisch oder körperlich belasten würde, das Kind zu behalten. Was genau das bedeutet, ist Auslegungssache. Typischerweise zählt dazu eine Lebensgefahr für die Schwangere oder eine schwere Behinderung des Kindes.

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An wen genau können sich Schwangere wenden, die ihr Kind nicht behalten wollen?

Gesetzlich anerkannte Beratungsstellen sind beispielsweise: Pro Familia, Das Diakonische Werk, Das Deutsche Rote Kreuz, Die Arbeiterwohlfahrt und donum vitae. Auch Frauenärztinnen und -ärzte bieten die Pflichtberatung an. Der Arzt, der den Eingriff vornimmt, darf jedoch nicht zuvor die Beratung durchgeführt haben. Zwischen dem Gespräch und dem Eingriff müssen drei Tage Bedenkzeit liegen. Gisela Hilgefort arbeitet in der Beratungsstelle von Pro Familia Mainz. Das Gesetz sieht vor, dass die Beratung einerseits "dem Schutz des ungeborenen Lebens" und nicht primär der Mutter dienen soll, andererseits aber auch ergebnisoffen sein soll. "Bei uns bekommen die Frauen praktische Informationen zu Hilfsangeboten, wenn sie sich entscheiden, die Schwangerschaft zu behalten, oder zu den Verfahren für einen Schwangerschaftsabbruch", sagt Hilgefort. Außerdem vermittle sie Ärzte. Sie beobachtet, dass sich eigentlich jede Frau mit der Entscheidung eine Schwangerschaft abzubrechen, schwertut. "Das liegt am gesellschaftlichen Klima und an dem Respekt vor dem werdenden Leben", sagt sie.

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Und wer bezahlt den Eingriff?

Im Regelfall die Frau selbst. Die Kosten belaufen sich auf mehrere Hundert Euro. Frauen, die jedoch weniger als momentan 1.179 Euro netto verdienen, können bei der Krankenkasse eine Kostenübernahme beantragen. Unpraktischerweise muss das jedoch vor dem Eingriff erfolgen.

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