Zufall führte zu einer der größten Entdeckungen der Medizingeschichte: 1928 geriet dem schottischen Mediziner und Bakteriologen Alexander Fleming ein Schimmelpilz in eine seiner Bakterienkulturen. Kurz darauf wuchsen die Bakterien nicht mehr – weil die Pilze Penicillin bildeten. Das erste Antibiotikum war gefunden.

Auch wenn Ärztinnen und Ärzte erst Jahre später begannen, bakterielle Infektionen mit Antibiotika zu behandeln, läutete Flemings Entdeckung eine neue Ära ein. Dutzende Antibiotika entstanden und zahlreiche Krankheiten verloren über die Jahrzehnte einen Gutteil ihres Schreckens. Nur noch selten starben Menschen, die – ansonsten gesund – an einer Wundrose, einer Mandel- oder Lungenentzündung erkrankten.

90 Jahre nach Flemings Entdeckung bröckelt diese Errungenschaft der modernen Medizin. Denn Bakterien werden zunehmend antibiotikaresistent. Fast 700.000 Menschen in Europa infizierten sich im Jahre 2015 mit multiresistenten Keimen, zwei Drittel davon in Krankenhäusern. Mehr als 33.000 starben an den Folgen einer solchen Infektion. Das zumindest hat ein Team der Europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC geschätzt. Die Studie ist nun im Fachblatt Lancet erschienen (Cassini et al., 2018). Nur zum Vergleich: Die Zahl der Todesfälle entspricht der Insassenzahl von rund 100 vollbesetzten Airbus A350. Bisherige Schätzungen waren von niedrigeren Fallzahlen ausgegangen. Die Europäische Kommission etwa ging von etwa 25.000 Toten aus.

Süd- und Südosteuropa sind besonders stark betroffen

Welche Folgen das hat, zeigt die Krankheitslast, die erstmals für Europa detailliert erhoben wurde. Es ist eine abstrakte Zahl, die beschreibt, wie viele Lebensjahre des Menschen eine Krankheit kostet, entweder durch einen frühzeitigen Tod oder eine Behinderung. Die Krankheitslast multiresistenter Keime in Europa ist laut der aktuellen Studie bereits heute so hoch wie die Krankheitslast von Virusgrippe, HIV und Tuberkulose zusammen.

Die Schätzung der ECDC-Studie basiert auf Labortests aus dem Jahr 2015. So zählten die Forscherinnen und Forscher alle Bluttests mit einem positiven Ergebnis auf multiresistente Keime. Diese multiplizierten sie mit einem Faktor x, um die Dunkelziffer und Infektionen abzudecken, die nicht ins Blut gestreut hatten. Das Ergebnis: Die europäischen Staaten sind unterschiedlich stark betroffen. Besonders schlecht ist es um Süd- und Südosteuropa bestellt (siehe Karte oben). In Italien etwa gab es fast 50-mal so viele Fälle von Menschen mit multiresistenten Keimen wie in Island. Ebenfalls auffallend hoch sind die Raten in Griechenland, Rumänien und Portugal. Skandinavien, Estland und die Niederlande hingegen verzeichneten vergleichsweise geringe Fallzahlen. Deutschland liegt im unteren Mittelfeld. Zwar gibt es hierzulande pro 100.000 Einwohner fast zehnmal so viele Fälle wie in Island – in Italien sind die Fallzahlen jedoch fünfmal so hoch wie in Deutschland. Besonders stark von den multiresistenten Keimen betroffen sind Kinder, die jünger als ein Jahr sind.

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671689 Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien gab es allein 2015 in Europa.

Auch die Zahl der Infektionen mit MRSA, methicillin-resistenten Staphylokokken, nahm trotz massiver Gegenmaßnahmen nicht ab. Ein weiterer beunruhigender Befund des ECDC-Berichts: Fast 40 Prozent der Krankheitslast entfiel auf Keime, die bereits gegen die letzten Reserveantibiotika resistent sind. Dazu zählen zum Beispiel Klebsiellen, gegen die Antibiotika der Carbapenem-Klasse nicht mehr wirken, oder Escherichia-coli-Stämme*, gegen die Colistin nicht mehr hilft. Überhaupt gingen die meisten Krankheitsfälle auf resistente E.-coli-Stämme zurück. E. Coli gehört zu den sogenannten gramnegativen Bakterien, die laut dem neuen Bericht die größte Krankheitslast verursachen.