Die chinesische Regierung will die Behauptung eines Wissenschaftlers zur Geburt genmanipulierter Babys prüfen lassen. Die Nationale Gesundheitskommission in Peking teilte mit, der Fall werde gemäß den gesetzlichen Vorgaben zum Grundsatz der Verantwortung für die Gesundheit der Menschen behandelt.

Am Vortag hatte der Forscher He Jiankui in einem Video die Geburt der weltweit ersten genmanipulierten Kinder verkündet: "Zwei wunderschöne kleine chinesische Mädchen namens Lulu und Nana kamen vor einigen Wochen weinend und so gesund wie jedes andere Baby zur Welt." He Jiankui, der als Privatdozent an der Southern University of Science and Technology arbeitet, gibt an, sieben Paaren für eine künstliche Befruchtung Spermien und Eizellen entnommen zu haben, um bei den Embryonen mit dem Genverfahren Crispr/Cas9 ein bestimmtes Gen zu entfernen. Nach eigenen Angaben habe er die Kinder durch die Genmanipulation resistent gegen HIV gemacht.

Ein chinesisches Studienregister verweist darauf, dass He derartige Versuche geplant hat. Sein Team soll mit ungewollt kinderlosen Paaren, bestehend aus einer gesunden Mutter und einem HIV-infizierten Vater, gearbeitet haben.

Einem Bericht der staatlichen Zeitung China Daily zufolge hatte der Wissenschaftler für seine Versuche in der südchinesischen Stadt Shenzhen keine Genehmigung bei den Behörden eingeholt. Auch sei die städtische Kommission für Familienplanung und Gesundheit nicht informiert worden, obwohl sie für ein derartiges Projekt eine ethische Bewertung abgeben müsste. Zuvor hatte bereits Hes Universität in Shenzhen mitgeteilt, nichts von den Versuchen gewusst zu haben. In einer Stellungnahme der Universität hieß es, das Experiment habe "akademische Verhaltenskodizes und ethische Richtlinien schwer verletzt".

Es gilt als umstritten, ob der chinesische Forscher die Wahrheit sagt. Eine geprüfte Publikation in einer Fachzeitschrift gibt es zu dem Experiment nicht. He betreibt neben seiner Arbeit als Forscher zwei Biotechfirmen. Ausgeschlossen ist es nicht, dass die Geschichte der Zwillingsmädchen ein Werbecoup ist.

"Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden"

Chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler reagierten mit Kritik auf Hes Bekanntmachung. "Direkte Versuche am Menschen können nur als verrückt beschrieben werden", hieß es in einem am Montag veröffentlichten Schreiben, das 122 Forscherinnen und Forscher unterzeichneten. Die Versuche seien ein "schwerer Schlag für die weltweite Reputation der chinesischen Wissenschaft". 

Auch der Deutsche Ethikrat verurteilte den Fall: "Bei den Experimenten handelt es sich um unverantwortliche Menschenversuche", sagte der Vorsitzende Peter Dabrock. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt müssten solche Ansätze aufs Schärfste kritisiert werden. In Dabrocks Augen ist die Grundlagenforschung zur Genschere Crispr/Cas weit entfernt vom Einsatz beim Menschen.

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