Es zeichnet sich ab, dass wirklich geschehen ist, was der Forscher He Jiankui aus China am Montag überraschend und ohne wissenschaftlich geprüfte Publikation verkündet hatte: Die ersten Babys, deren Erbgut vor der Geburt mithilfe einer gentechnischen Methode namens Crispr/Cas9 verändert wurde, sind geboren worden. Am Mittwoch teilte He auf einem Kongress in Hongkong außerdem mit, dass eine weitere Frau mit einem von ihm mit dieser Genschere veränderten Embryo schwanger sei. Die Wissenschaft müsse mehr tun, um Menschen mit Krankheiten zu helfen, sagte He. Forscherinnen und Forscher aus aller Welt kritisierten den Wissenschaftler heftig für diese ethische Grenzüberschreitung.

Auch Emmanuelle Charpentier, eine der Entdeckerinnen des Crispr/Cas9-Mechanismus, der hinter der Methode steckt, hat sich kritisch geäußert. Sie sei "sehr besorgt über diese Nachricht", die sie überraschend ereilt habe, sagte die Mikrobiologin in einem Statement, das ZEIT ONLINE vorliegt. "Obwohl wir bisher keinerlei wissenschaftliche Belege gesehen haben, etwa in Form eines veröffentlichten Fachartikels in einem Magazin, der das Peer-Review-Verfahren durchlaufen hätte, hat He Jiankui ganz klar eine rote Linie überschritten," teilte die Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin mit. Diese sei allein schon dadurch überschritten, dass He die Bedenken der internationalen Forschergemeinschaft ignoriert habe – mit Blick auf die Sicherheit einer solchen Technologie, wenn sie in der Keimbahn des Menschen angewandt wird.

Auch die anderen maßgeblichen Entwickler der Genschere haben sich von den Versuchen an Embryonen distanziert. Dazu zählen Charpentiers ehemalige Kollegin, die US-Forscherin Jennifer Doudna, sowie Feng Zhang, der sich mit den beiden Entdeckerinnen derzeit in einem Patentstreit um die Rechte an der Methode befindet.

Der Vortrag He Jiankuis auf dem Genomforscher-Kongress in Hongkong war der erste öffentliche Auftritt des bislang weitgehend unbekannten Forschers, seit er am Montag mit einem auf YouTube veröffentlichten Video unter Fachleuten für Entsetzen gesorgt hatte. Darin hatte er die Geburt der ersten genveränderten Babys Lulu und Nana verkündet. Er habe an den Embryonen Eingriffe mit der noch jungen Genschere Crispr/Cas9 vorgenommenen (in diesem Schwerpunkt erklärt ZEIT ONLINE die Crispr-Methode, ihre Anwendungsbereiche und ihre Folgen). Die genetische Veränderung sollte die Babys, deren Identität der Wissenschaftler geheim halten will, demnach resistent gegen den Aidserreger HIV machen. 

Eine Mehrheit führender Forscherinnen und Forscher bezweifelt den medizinischen Nutzen dieser Versuche, da die Übertragung von HIV auf Ungeborene mit anderen Verfahren bereits verhindert und die Infektion gut behandelt werden kann. Die Fachwelt verweist auf Risiken für die beiden Mädchen und ihre Nachkommen, die sich aus dem Eingriff in ihr Erbgut ergeben könnten. Inzwischen sagte He, er habe Forschungsunterlagen bei einer Fachzeitschrift eingereicht. Gleichzeitig gab er an, seine Forschung sei unerwartet an die Öffentlichkeit gedrungen. Dies ist umso erstaunlicher, als dass He die Nachricht in einer Ansprache über YouTube kurz vor Beginn des Kongresses selbst verbreitet hatte.

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Dort waren die Versuche das dominierende Thema. "He hat in einer großen Halle der Universität gesprochen, und die war bis auf den letzten Platz voll", sagte der Biochemiker Ernst-Ludwig Winnacker, der an dem Kongress teilnahm, der Deutschen Presse-Agentur. "Er machte einen gut vorbereiteten Eindruck und trat sehr selbstbewusst auf." Bei dem Vortrag wiederholte He, er habe mehrere kinderlose Paare aus gesunder Mutter und HIV-infiziertem Vater dazu gebracht, bei den Versuchen mitzumachen. Am Ende habe eines der Paare Zwillinge bekommen. "Auf diesen speziellen Fall bin ich wirklich stolz", sagte er.

He betonte, er habe zuvor erfolgreich Versuche an Mäusen und Affen durchführt. Bei den menschlichen Embryonen hatte er nach eigenen Angaben den sogenannten CCR5-Rezeptor von Zellen deaktiviert, das Haupteinfallstor für das HI-Virus. "Millionen Menschen" könne geholfen werden, wenn die Technologie schneller verfügbar gemacht werde, argumentierte He. Ihm gehe es nicht um die Schaffung von Designerbabys, sondern um Heilung von Krankheiten.

Auch Teilnehmer der Konferenz in Hongkong übten Kritik an He. "Die Stimmung war ausgesprochen negativ", berichtete Winnacker. "Ich habe niemanden getroffen, der die Versuche von He gut findet." Der US-Virologe und Nobelpreisträger David Baltimore sagte, die Arbeit des Chinesen sei unverantwortlich und medizinisch nicht notwendig. Der Fall zeige, dass "die Selbstregulierung der Wissenschaft" gescheitert sei.

Andere Forscher warfen He in Hongkong vor, mit seinen "intransparenten" Versuchen den Ruf der gesamten Genomforschung gefährdet zu haben. Der Forscher hatte offenbar weder die chinesischen Behörden noch seine Universität in der Stadt Shenzhen über seine Experimente informiert. Die chinesische Regierung hat nach eigenen Angaben eine Prüfung der Versuche angeordnet.