25 Neugeborene, denen mindestens eine Hand, ein Unterarm oder ganze Arme fehlen. Zur Welt gekommen innerhalb von 15 Jahren in Ain, Loire-Atlantique und Morbihan, drei der 101 Departements Frankreichs. Das klingt nach wenigen und zufälligen Einzelschicksalen und deckt sich eigentlich mit der normalen Fehlbildungsrate. Und doch spricht die französische Gesundheitsbehörde Santé publique France (SPF) nun von "statistisch auffälligen" Häufungen.

Der Grund: Alle Mütter der betroffenen Neugeborenen wohnten nah beieinander, in kleinen Dörfern auf dem Land. Deshalb wird jetzt, Jahre nach den ersten Anzeichen, nach Gründen gesucht: Was könnte Babys schon im Mutterleib geschädigt haben? Waren es womöglich Pestizide von den Feldern, giftige Rückstände aus der Nahrung oder unsichtbare Schadstoffe aus der Luft?

Frankreichs Gesundheitsministerin Agnès Buzyn hat den Verdacht, ein Umweltgift könne die Ursache sein, nun durch öffentliche Aussagen geschürt: Die hohe Anzahl von Kindern mit fehlenden Armen oder Händen könne möglicherweise mit Mitteln in der Landwirtschaft zusammenhängen. Auf der Suche nach der Ursache wolle man keine Richtung ausschließen. Möglicherweise sei die Spur in der Umwelt zu suchen. "Vielleicht liegt es an etwas, das die Schwangeren gegessen, getrunken oder eingeatmet haben," sagte die Ministerin. Zum jetzigen Zeitpunkt wisse man das nicht.

Niemand weiß genau, wo Fehlbildungen wie oft auftreten

Erst kürzlich war bekannt geworden, dass allein in einem Umkreis von 17 Kilometern um das westfranzösische Dorf Druillat im Departement Ain in den Jahren 2000 bis 2014 18 Kinder zur Welt gekommen waren, denen mindestens eine Hand oder ein Arm fehlte. Ein weiterer Verdachtsfall aus Ain, den die Zeitung Le Monde öffentlich gemacht hatte, wird nach Behördenangaben noch geprüft. Hinzu kommen vier Fälle aus der kleinen Bretagneregion Morbihan (dort kamen die Kinder in den Jahren 2011 bis 2013 zur Welt) und drei aus der benachbarten Region Loire-Atlantique, geboren 2007 und 2008. 

Bei dem Versuch, die aktuell bekannt gewordenen Fälle statistisch seriös einzuordnen, offenbart sich in Frankreich ein Problem, das in Deutschland ebenso besteht: Es fehlt eine landesweite zuverlässige und rasche Erfassung aller Neugeborenen mit Fehlbildungen. Nur mit so einem nationalen Register jedoch könnten bedenkliche Entwicklungen in bestimmten Regionen schneller entdeckt werden. Außerdem sind mögliche Schadstoffe in der Umwelt, die Föten im Mutterleib schädigen können, offenbar noch zu wenig erforscht.

Für den aktuellen Fall bedeutet das: Ganze zehn Jahre lang fiel den französischen Behörden die lokale Häufung der betroffenen Kinder nicht auf – bis ein Gynäkologe nach zwei Geburten von Säuglingen, denen Arme fehlten, das Registre des Malformations en Rhône-Alpes, kurz Remera, alarmierte. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses öffentlich finanzierten Registers für kindliche Fehlbildungen allein für das Département Ain hatten schon 2015 einen Bericht für die in Paris ansässige nationale Gesundheitsbehörde (SPF) über sieben registrierte Fehlbildungen verfasst. Darin stand: "Die wahrscheinlichste Hypothese ist, dass die betroffenen Schwangeren einer "Substanz in der Landwirtschaft oder der Tiermedizin" ausgesetzt wurden.

Ein Faktor, der bislang aber nicht untersucht wurde. Laut der betroffenen Eltern nahmen die Behörden nach der Geburt vor allem das Verhalten der Mütter unter die Lupe – etwa, welche Gesichtscremes sie während der Schwangerschaft benutzten, welche Putzmittel sie verwendeten und was sie gegessen hätten. Mögliche Schadstoffe aus der Umwelt seien zu wenig beachtet worden. "Wir fordern eine tiefergehende Untersuchung", sagte Isabelle Taymans-Grassin im französischen Radio. Sie ist die Mutter eines Mädchens, das ohne linken Unterarm geboren wurde.

Ihre Tochter ist inzwischen sieben Jahre alt. Bis heute hat der französische Staat ihrer Fehlbildung keine besondere Beachtung geschenkt. So wie ihr ging es mehreren Familien in Frankreich. Doch die Eltern fingen an, sich zu vernetzen. Im Laufe der Jahre lernten sich Väter und Mütter in den entsprechenden Kommunen kennen – in den betroffenen Dörfern leben nur wenige tausend Menschen. Und sie stellten fest: Viele Schwangere wohnten oder wohnen noch heute an Feldern, auf denen Raps oder Sonnenblumen angebaut wurden. Als die Regierung schließlich Kündigungsbriefe an die Mitarbeiter von Remera verschickte und das lokale Register in diesem Herbst aus Spargründen geschlossen werden sollte, wehrten sich die Eltern öffentlich, wandten sich an Zeitungen, das Radio und ans Fernsehen. Erst dadurch wurden ihre Kinder neu gezählt und registriert. Plötzlich fand die Gesundheitsbehörde SPF elf weitere Kinder mit Fehlbildungen in der Region Ain. Und schließlich wurde auch die Gesundheitsministerin Agnès Buzyn aktiv. "Es ist inakzeptabel für die Eltern und unser Land, nicht zu wissen, warum Babys ohne Arme und Beine geboren werden", hieß ihre neue Losung.