Unter den Europäern haben die Deutschen eine sehr geringe Lebenserwartung, nur die Osteuropäer schneiden schlechter ab. Zu diesem Befund kommt eine der größten Gesundheitsstudien weltweit, die Global Burden of Disease Study (PDF), deren Ergebnisse jetzt in der britischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurden. Dafür wurden alle weltweit verfügbaren Quellen zur Sterberate zusammengetragen und mehr als 8.200 Daten aus 195 Ländern ausgewertet.

Was genau sind die Ergebnisse der Studie?

Global betrachtet ist die Lebenserwartung zwischen 1950 und 2017 um fast 50 Prozent gestiegen. In Westeuropa beträgt die Lebenserwartung für Neugeborene mittlerweile im Schnitt 79,5 Jahre (männlich) und 84,2 Jahre (weiblich). Deutschland liegt den Angaben zufolge mit 78,2 und 83 Jahren deutlich darunter. Verglichen mit allen 22 westeuropäischen Nationen bilden die Deutschen bei der Lebenserwartung der Männer sogar das Schlusslicht. Bei den Frauen schneiden nur Großbritannien und Dänemark mit 82,7 Jahren schlechter ab. Und über beide Geschlechter betrachtet liegt Deutschland ebenfalls auf dem letzten Platz. 

Am längsten in Europa leben der Studie zufolge Männer in der Schweiz mit 82,1 Jahren und Frauen in Spanien mit 85,8 Jahren. Auch in der Kategorie "Lebenserwartung für derzeit 60-Jährige" bildet Deutschland zusammen mit Dänemark das westeuropäische Schlusslicht. Männer in diesem Alter haben hierzulande dann noch mit 21,6 Lebensjahren zu rechnen, Frauen mit 25,1 Jahren.

Besonders drastisch sind die Zahlen allerdings für Osteuropa. Dort haben männliche Neugeborene eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 66,5 Jahren, weibliche eine von 77,2 Jahren.

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Woran liegt es?

Vor allem an ihrem ungesunden Lebensstil, meint Pavel Grigoriev, Wissenschaftler beim Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Im Vergleich zu Mittelmeerländern wie Spanien oder Frankreich seien Herz-Kreislauf-Erkrankungen hierzulande deutlich stärker verbreitet. Das liege insbesondere an der Ernährung. Die Mittelmeerküche basiert nicht bloß auf vielen Fischgerichten, sie enthält auch deutlich mehr Gemüse, Salate, Hülsenfrüchte und Obst. In Deutschland dominieren dagegen kalorienreiche, fetthaltige Gerichte. Dazu kommen hoher Tabak- und Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, Übergewicht.

Dass die Deutschen dicker sind als der EU-Durchschnitt, betont auch die Demografie-Expertin Sabine Sütterlin, die beim Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung über die Lebenserwartung der Menschen geforscht hat. Laut der Statistikbehörde Eurostat liegt der Anteil adipöser Erwachsener hierzulande bei 16,9 Prozent. Der EU-Durchschnitt beträgt 15,9 Prozent. In Italien liegt die Quote der Fettleibigen bei gerade mal 10,7 Prozent. In Norwegen beträgt sie 13,1 und in den Niederlanden 13,3 Prozent. Übergewicht gilt als einer der größten Risikofaktoren für vorzeitige Todesfälle durch Herzinfarkt und Schlaganfall.

Wenn sich Griechen oder Spanier so ernähren würden wie die Deutschen, sähe es bei ihrer Lebenserwartung ganz anders aus, meint auch der Gesundheitsexperte und SPD-Politiker Karl Lauterbach. Dazu kommen aus der Sicht von Experten psychische Faktoren wie Lebenszufriedenheit, Gelassenheit – oder eben Hektik, Alltagsstress, belastendes Arbeitsleben. Doch was ist mit Nordeuropa, den Benelux-Staaten, den skandinavischen Ländern? Dort werde weit mehr Prävention und Vorbeugemedizin praktiziert, betont Lauterbach. Und eine wesentliche Rolle für die niedrigere Lebenserwartung hierzulande spiele auch die starke Kluft zwischen Wohlhabenden und Armen. Die deutlich niedrigere Lebenserwartung von Menschen in prekären Verhältnissen ziehe den gesamten Schnitt nach unten.

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Welche Rolle spielt die materielle Situation?

Eine sehr bedeutende. In der Eurozone sei das Vermögen nur noch in Litauen ungleicher verteilt als in der Bundesrepublik, berichtete die Hilfsorganisation Oxfam unter Verweis auf einen Bericht der Europäischen Zentralbank. Und nach einer Studie des Robert Koch-Instituts sterben Männer, die an der Armutsgrenze oder darunter leben, hierzulande im Schnitt um 10,8 Jahre früher als Wohlhabende. Männer, die in prekären Verhältnissen leben, haben demnach eine durchschnittliche Lebenserwartung von lediglich 70,1 Jahren, bei wohlhabenden beträgt sie dagegen 80,9 Jahre. Bei Frauen beträgt die Differenz rund acht Jahre – die armen kommen auf 76,9, die wohlhabenden auf 85,3 Jahre.

Als Hauptgrund für die immensen Unterschiede nennen Experten ein riskanteres Gesundheitsverhalten der materiell Benachteiligten. Dazu gehören Bewegungsmangel, schlechte Ernährung, mehr Alkohol und – vor allem – ein weit höherer Tabakkonsum. In bürgerlichen Kreisen werde kaum noch geraucht, sagt Lauterbach. In unteren Schichten dagegen neigten die Menschen zu gesundheitlichem Fatalismus.

Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Körper erkläre den Riesenunterschied bei der Lebenserwartung jedoch allenfalls zur Hälfte, gibt der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Rolf Rosenbrock, zu bedenken. Aus der Sicht des renommierten Gesundheitswissenschaftlers, der zehn Jahre lang im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen saß, sterben Einkommensschwache auch deutlich früher, "weil sich der psychische Druck durch die insgesamt beengte Lebenssituation und meist auch schlechteren Arbeitsbedingungen oder auch durch Arbeitslosigkeit negativ auf das eigene Leben und die Möglichkeiten der Teilhabe auswirkt".

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Senken die ostdeutschen Länder die Lebenserwartung?

Das ist nicht nachweisbar. Dem Statistischen Bundesamt zufolge kommen zwar die Bewohner von Sachsen-Anhalt mit durchschnittlich 79,38 Jahren auf die bundesweit niedrigste Lebenserwartung. Doch auf den weiteren Rängen folgen nicht etwa andere ostdeutsche Länder, sondern Bremen und das Saarland. Sachsen dagegen liegt mit 80,82 Jahren im vorderen Bereich. Der Spitzenreiter ist Baden-Württemberg mit 81,85 Jahren. Fakt ist allerdings, dass das nicht immer so war. Vor der Wende klafften Ost- und Westdeutschland bei der Lebenserwartung noch mächtig auseinander. Das hing mit Umweltbelastungen ebenso zusammen wie mit Ernährungsgewohnheiten. Wesentlich war zeitweise zudem der unterschiedliche Zugang zu medizinischem Fortschritt. So wurden Herz-Kreislauf-Erkrankungen seit den Siebzigerjahren im Westen plötzlich deutlich besser behandelbar. Ein Forschungssprung, der im Osten erst nach der Grenzöffnung richtig ankam.

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Unser Gesundheitssystem gilt als eines der besten. Wie passt das zusammen?

Hohe Gesundheitsausgaben und besonders viele Arztkontakte haben nicht per se eine hohe Lebenserwartung zur Folge. So werden US-Amerikaner im Schnitt nicht älter als Menschen in Kuba oder Costa Rica – obwohl sich ihr Land das teuerste Gesundheitssystem der Welt leistet. 17,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts fließen dort in die Gesundheit. Beim Altersrekordhalter Japan (Männer 81,1 Jahre; Frauen 87,2 Jahre) sind es gerade mal 10,2 Prozent. Im Übrigen sei die Behauptung, dass Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt habe, eher "politische Redefloskel" als Realität, sagt Lauterbach. In einigen Bereichen sei man zwar sehr gut, in anderen aber deutlich weniger.

Große Unterschiede gebe es hierzulande etwa bei der Versorgung in Städten und auf dem Land. Die Vorsorgemedizin sei miserabel – vor allem mit Blick auf Einkommensschwache. Und gerade im Kindesalter würden die wichtigsten Risikofaktoren kaum bekämpft: Zuckerkonsum und Bewegungsmangel. "Da bräuchten wir ganz anderes Engagement." Auch die Lebensmittelpolitik müsse sich ändern, meint Lauterbach. In Deutschland gibt es bisher weder verbindliche Vorgaben zur Reduktion von Zucker, Fett und Salz in Fertiggerichten noch die Pflicht zur einheitlichen Nährwertkennzeichnung. Von einer Zuckersteuer wie in Großbritannien gar nicht zu reden. Und Deutschland ist europaweit inzwischen auch das einzige Land, in dem noch Außenwerbung für Tabak erlaubt ist.  

*Dieser Text ist in ähnlicher Form im Tagesspiegel erschienen.

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