ZEIT ONLINE: Bleibt ein Grundproblem. Die größten Abnehmer sind nach wie vor die Industrienationen. Warum sollten Pharmaunternehmen überhaupt darüber nachdenken, ihre Medikamente in ärmeren Ländern zu vertreiben?

Iyer: Wir sehen, dass die Unternehmen auch aus ökonomischen Gründen neue Märkte erschließen müssen. Früher reichte es, ein paar teure, patentgeschützte Mittel, sogenannte Blockbuster, im Programm zu haben. Heute nicht mehr. Die Pharmaindustrie hat festgestellt, dass sie auch die wachsenden Märkte von Ländern mit mittlerem oder niedrigem Einkommensniveau braucht. Das sind unerschlossene Ressourcen. Schauen wir zum Beispiel nach Indien: Die Zahl der Patientinnen und Patienten, die bald zu zahlenden Kunden werden könnten, ist dort gewaltig. Aber wenn man all denen Medikamente verkaufen will, kann man keine hohen Preise dafür verlangen.

ZEIT ONLINE: Und wie unterscheiden Sie zwischen sogenannter corporate social responsibility, also den wohltätigen und wichtigen, gleichzeitig aber meist wenig nachhaltigen Initiativen vieler Pharmaunternehmen und echtem Umdenken? Ein Beispiel: Verschiedene Hersteller schenken der WHO bedingungslos Tausende von Antiwurmmitteln. Gleichzeitig verkaufen sie ihre Krebsmittel in Subsahara-Afrika aber weiterhin zu Preisen, die sich dort kaum jemand leisten kann.

Iyer: Was die Schenkungen angeht, muss man festhalten, dass es sich wirklich um langfristige Verpflichtungen handelt. Die WHO verlangt eigentlich, dass die Firmen so lange spenden, bis die Krankheiten ausradiert sind. Bei Erkrankungen wie Krebs sieht es leider anders aus. Da gehen die Spenden oft nur an einzelne Krankenhäuser oder Regionen. Man kann, denke ich, festhalten, dass auch die Unternehmen festgestellt haben, dass sie mehr machen müssen. Inzwischen beschäftigen die meisten eigene Teams, die sich ausschließlich um Fragen des Zugangs zu Medikamenten kümmern.

ZEIT ONLINE: Sie nannten auch die fehlende Innovation als Problem. Es lohnt sich finanziell oft mehr, bestehende Mittel leicht abzuwandeln, sie sich neu patentieren zu lassen und dann zu hohen Preisen zu verkaufen, als Neues zu entwickeln und unternehmerisch unbekanntes Terrain zu betreten.

Iyer: Ja, absolut. Das sehen wir beispielsweise in der Antibiotikaforschung. Die Anzahl der Zulassungen für neue Antibiotika ist viel zu niedrig. Und immer mehr Unternehmen verlassen den Antibiotikamarkt. Das ist ein schlechtes Signal. Dazu kommen Probleme in der Lieferkette. Viele Unternehmen sind abhängig von wenigen Betrieben, wo die Mittel erzeugt werden. Wenn es dann ein Problem gibt, beispielsweise in einer Fabrik in China, kommt es oft innerhalb von Tagen zu Lieferengpässen. Ein Beispiel: Bald schon könnte es einen handfesten Mangel an Penicillin geben. Was für ein Symbol!

ZEIT ONLINE: Glauben Sie denn wirklich, der Markt kann das alles regeln?

Iyer: In manchen Bereichen ja, in anderen sicher nicht. Im Bereich der Antibiotikaresistenzen zum Beispiel nicht. Wenn ein Unternehmen heute ein neues Antibiotikum herstellt, wird es erst einmal zum Reserveantibiotikum und deshalb kaum verschrieben. Der Umsatz ist also sehr gering – und das bei hohen Entwicklungskosten. Und auch in der Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten, HIV, Malaria oder Tuberkulose werden reine Marktmechanismen die Probleme nicht lösen. Hier braucht es eine Anschubfinanzierung für die Unternehmen. Aber auch Anreize. Der Markt muss geformt werden.

ZEIT ONLINE: Was genau meinen Sie damit?

Iyer: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel kann die Zulassung erleichtert werden. Oder große internationale Organisationen wie Unicef, die Panamerikanische Gesundheitsorganisation oder die Impfallianz (Gavi) vergeben eine sogenannte Marktgarantie. Dabei verpflichtet sich die Organisation, riesige Mengen eines Medikaments abzunehmen. Aber nur unter bestimmten Bedingungen: Der Impfstoff muss günstig sein und es muss eine ununterbrochene Lieferkette geben. Im Falle der Pneumokokkenimpfung ging dieses Konzept auf. Heute sind viele Millionen Kinder in Subsahara-Afrika gegen die Bakterien geimpft, die Lungenentzündungen verursachen.

ZEIT ONLINE: All das klingt gut. Eine Sache aber ist wenig überzeugend: Historisch gesehen scheinen es vor allem soziale Bewegungen gewesen zu sein, die dafür gesorgt haben, dass Millionen Menschen Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten bekommen haben. Die Bewegung Aids-Kranker etwa hat die Patente der sündhaft teuren HIV-Medikamente gekippt. Es war nicht die Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen, sondern die Konfrontation mit ihnen, die die Situation verbessert hat.

Iyer: Das ist kein Widerspruch. Aktivistinnen und Aktivisten, die sich für Menschenrechte einsetzen, spielen eine ebenso wichtige Rolle wie Pharmaunternehmen, die die Medikamente herstellen und verkaufen. Und manchmal, wenn sich Wirtschaft oder Politik einfach nicht bewegen, braucht es eine Konfrontation. Wir liefern die Daten, die die Zivilgesellschaft nutzen kann, um sinnvolle Forderungen zu stellen. Und die sind dann nicht mehr nur emotional, sondern faktenbasiert. Und damit viel stärker.