Am ersten Dezember jährte sich der Welt-Aids-Tag zum 30. Mal. ZEIT ONLINE nimmt das zum Anlass, an zwei außergewöhnliche Aidsforscher zu erinnern. Würden sie heute noch leben, wäre vieles vielleicht anders.

17. Juli 2014: An der Tragfläche, die in einem ukrainischen Kornfeld liegt, hängt noch ein Stück des Flugzeugrumpfs. Ein roter Trolley hat sich geöffnet und Kleidung auf den Boden gespuckt. Die Erde ist verkohlt. Keiner der 289 Flugzeuginsassen lebt mehr.

2. September 1998: Ein vollbesetztes Flugzeug, Modell McDonnell Douglas MD-11, stürzt in die St. Margaret's Bay südwestlich des kanadischen Halifax und geht unter. Auch hier sterben alle 229 Passagiere.

Vieles trennt die beiden Abstürze: 16 Jahre, Tausende von Kilometern und die Absturzursache. Während MH-17 wohl von pro-russischen Separatisten abgeschossen wurde*, stürzte Swiss-Air Flug 111 ab, weil Kurzschlüsse in der Bordelektronik ein Feuer entfachten. Und doch verbindet die zwei Unglücke etwas. An Bord beider Maschinen saßen weltweit führende Immunologen und Aktivisten. Mit MH-17 wollte der weltbekannte Arzt Joep Lange via Kuala Lumpur nach Melbourne, zur internationalen Aidskonferenz. An Bord von Swiss-Air 111 saß Jonathan Mann, Menschenrechtsaktivist und ehemaliger Direktor des Aidsprogramms der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

"Als Malaysia Airlines MH17 [...] abgeschossen wurde, fragte sich die Welt, ob eine Heilung für HIV vom Himmel gefallen war und zwischen dem brennenden Schrott verschwunden." So schreibt es Seema Yasmin in ihrem kürzlich erschienenen Buch The Impatient Dr. Lange (Deutsch: Der ungeduldige Dr. Lange). Doch wäre die Erde heute tatsächlich ein gesünderer Ort, hätten die Flugzeuge ihre Ziele nur heil erreicht?

Der Beginn der Aidsepidemie: ein großes Rätsel

Es ist reiner Zufall, dass die Leben zweier der bedeutendsten Kämpfer gegen Aids ähnlich endeten – und Zufälle haben in der Wissenschaft und dem Schreiben darüber eigentlich nichts verloren. Die Suche nach Antworten auf die Frage, wer und was genau bei den beiden Flugzeugabstürzen für die Aidsforschung verloren ging, fördert aber ein Bild zweier charismatischer Ärzte zutage, die im Kampf gegen Aids wohl Tausende Leben gerettet haben – und deren Geschichten es in jedem Fall verdienen, erzählt zu werden.

Am Anfang steht eine große Ratlosigkeit. In Notaufnahmen rund um die Welt schlagen in den frühen Achtzigerjahren junge Menschen auf, vor allem Männer, die an Fieber, Lungenentzündungen und Durchfällen leiden. Ihre Mundhöhlen tragen nicht selten den weißen Flaum einer Pilzinfektion, ihre Lymphknoten sind geschwollen, die Ärztinnen und Ärzte diagnostizieren ungewöhnliche Krebsgeschwüre der Haut, die von den Waden und Schienbeinen zu den Fußsohlen wandern.

Zwar finden die Ärzte oft genug Mittel, um die Infektionen zu lindern. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen aber kommen die Männer wieder, sie magern ab, fühlen sich schlapp und matt, bis sie schließlich sterben. Auch vor deren Gehirnen macht die seltsame Krankheit nicht halt: Junge Patienten werden so vergesslich und verwirrt, dass sie an demente Senioren erinnern. Die Mediziner wissen, dass aus rätselhaften Gründen das Immunsystem der jungen, meist homosexuellen Männer zerstört wird. Ansonsten aber bleibt die Erkrankung ein einziges Rätsel.

1983, zwei Jahre, nachdem Ärztinnen und Ärzte rund um die Welt ähnliche Fälle beschrieben haben (CDC: Morbidity and Mortality Weekly, 1981 ; New England Journal of Medicine: Durack, 1981), ändert sich das. Forschern gelingt es, das HI-Virus zu isolieren. Und so langsam beginnen Medizinerinnen, Immunologen und Virologinnen zu verstehen, dass der Erreger nach und nach die Immunantwort des Körpers zerstört, den er befallen hat. Und zwar indem er sich in den für die Abwehr von Eindringlingen so wichtigen T-Helferzellen versteckt und dazu führt, dass sie sterben. Genauso langsam stellt sich heraus: Das Virus wird nicht nur beim Sex zwischen Männern übertragen, es kann auch beim Sex zwischen Mann und Frau überspringen, durch verunreinigte Nadeln Drogenabhängiger, über Bluttransfusionen oder von der Mutter auf das Kind.