Ich bin liberal. Die Autonomie des Menschen ist eines der höchsten Güter überhaupt. Wenn der Staat in das Leben von Menschen eingreift, sollte daher immer besondere Vorsicht gelten. Als Mediziner bin ich überzeugt, dass nur Patientinnen und Patienten selbst darüber entscheiden sollten, was mit ihren Körpern geschieht. Würde eine Neuregelung zur Organspende daran etwas ändern?

Am Mittwoch hat der Bundestag debattiert, ob Deutschland die Widerspruchslösung einführen soll. Demnach gelte jeder Deutsche künftig als Organspender, wenn er nicht zu Lebzeiten widersprochen hat. Weil es in Deutschland seit Jahren einen chronischen Mangel an Spenderorganen gibt, hat sich Gesundheitsminister Jens Spahn dafür ausgesprochen.

Kritiker sehen in der Widerspruchslösung einen Eingriff in das Selbstverfügungsrecht über den eigenen Körper. Doch wer diese Haltung vertritt, stützt – ob gewollt oder ungewollt – ein System der Ignoranz. Die Haltung sorgt dafür, dass zahlreiche Menschen sich guten Gewissens ein Leben lang nicht mit der Organspende auseinandersetzen – und sich deshalb nie entscheiden, ob sie spenden wollen.

Ein untragbarer Status quo

Das wiederum erhält einen Status quo aufrecht, der paradox und untragbar ist: Mehr als 80 Prozent der Deutschen finden die Organspende gut, knapp 70 können sich vorstellen, selbst zu spenden. Gleichzeitig jedoch warten hierzulande mehr als 10.000 Patientinnen und Patienten auf ein Organ. Einer der Gründe: Die meisten Deutschen halten ihre Bereitschaft nirgendwo bindend fest (andere wichtige Gründe finden Sie hier).

Gedanken an den eigenen Tod mögen unbequem sein, gar ängstigen. Aber der Preis des Verdrängens ist groß: Kranke Menschen warten beispielsweise jahrelang auf eine neue Leber und leiden währenddessen unter Müdigkeit, schwächer werdenden Muskeln und Übelkeit. Eine Bekannte, deren Leber von Schwermetallen zerstört war, hat all das erlebt. Am Ende fiel sie ins Koma – Stunden, bevor sie gestorben wäre, erhielt sie eine Spenderleber und überlebte.

Was vielen unklar ist: Die Widerspruchslösung zwingt Menschen nicht dazu, Organe zu spenden. Sondern sie zwingt sie dazu, sich zu entscheiden, was dringend nötig ist. Das mag man für einen krassen staatlichen Eingriff halten, vor dem Hintergrund des eklatanten Spendermangels aber ist er gerechtfertigt.

Die Neuregelung würde zudem all jenen Raum lassen, die Bedenken haben. Es gibt genügend nachvollziehbare Gründe gegen eine Organspende: Manche möchten aus religiösen Gründen, dass ihr Körper nach dem Tod so unversehrt wie möglich bleibt, anderen behagt die Vorstellung nicht, dass tote Menschen noch Stunden an Maschinen hängen und ihre Körper für die Entnahme der Organe geöffnet werden. All das sollte eine Gesellschaft unbedingt tolerieren können. Auch sollten wir darüber sprechen. Denn die Geschichte der Medizin lehrt uns, dass es ein Problem ist, wenn das nicht mehr erlaubt ist.

Die Widerspruchslösung greift das Recht auf Selbstbestimmung nicht an

Wenn Staaten zu tief in das Selbstbestimmungsrecht des Individuums eingreifen, wird der menschliche Körper zu einem Objekt, über den Gewalt ausgeübt werden kann. Oft, wenn Regime Menschen die Selbstbestimmung über den eigenen Körper absprachen, folgten Verbrechen. Von der Eugenik mit ihren Zwangssterilisierungen in der Nazizeit bis hin zu Syphilis-Versuchen an einkommensschwachen schwarzen Menschen in den USA. Diese dauerten bis in die Siebzigerjahre an.

Aber die Widerspruchslösung ist mit solchen Eingriffen nicht vergleichbar. Denn sie greift das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper nicht an. Mit einer einfachen Unterschrift kann jede Bürgerin und jeder Bürger ausschließen, Organspender zu sein. Sie müssten lediglich in einem Ausweis, einer Patientenverfügung oder einer bislang nicht vorhandenen, neu zu entwickelnden Kartei festhalten, dass sie nicht spenden wollen.

Die Widerspruchslösung ist nicht die einzige Möglichkeit, um die Ignoranz zu durchbrechen. Momentan aber ist sie die naheliegendste Option, die sich in Nachbarländern zudem längst bewährt hat. Denn gilt sie, müssten auch Deutsche endlich eine Entscheidung treffen, egal ob für oder gegen die Organspende. Und Freunde, Familien und Arbeitskolleginnen würden beginnen, über ihre Position zu reden. So könnte die Gesellschaft das Problem der Organspende als Gemeinschaft lösen.