Fast jedes dritte Kind in Deutschland kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Die Zahlen sind seit Jahren stabil, die Methode ist gut erprobt. Unbestritten ist aber auch, dass Kaiserschnittkinder eher Asthma, Allergien, Darmerkrankungen und Immunschwächen haben als Babys, die auf natürlichem Weg geboren wurden (Pediatrics: Sevelsted et al, 2014). Und drei Viertel der Neugeborenen, die an Krankenhauskeimen erkrankten, sind Kaiserschnittkinder. Unklar ist, warum.

Eine aktuelle Vermutung: Weil sie nicht den Geburtskanal passieren, entgehen Kaiserschnittkindern stärkende Keime – vor allem Milchsäurebakterien – aus dem Vaginalbereich der Mutter, die sich bei dem Neugeborenen auf der Haut, in den Schleimhäuten und im Magen-Darm-Bereich ansiedeln. Der daraus folgende Trend: Bakterien der Mutter werden gezielt mit Tupfer oder Mullbinden in und auf das neugeborene Kind gesät, um die Bakterienflora positiv zu beeinflussen und das Immunsystem zu stärken. Vaginal Seeding heißt die Methode.

"Eltern fragen tatsächlich immer häufiger nach dem Verfahren und unter Hebammen ist es derzeit ein großes Thema, auch international", sagt die Biologin Susanne Steppat vom Deutschen Hebammenverband. Denn sollte die Vermutung stimmen, müssten Mediziner, Ärztinnen und Hebammen die Geburtshilfe grundlegend überdenken. Bislang aber weiß niemand zu sagen, ob die Bakteriensaat hilft, falls ja für wie lange, und ob sie nicht gar Risiken für das Kind birgt – zugleich werden schon jetzt immer mehr Kaiserschnittneugeborene in Vaginalsekret getränkt.

Unklar ist unter anderem, wie lange der Effekt anhält

Erste winzige Studien liefern zumindest Hinweise darauf, dass das Vaginal Seeding sich überhaupt auf die Bakterienflora des Kindes auswirkt. So sammelten Forscherinnen und Forscher beispielsweise Proben von 18 Neugeborenen und ihren Müttern, davon waren sieben Kinder vaginal geboren und elf nach geplanten Kaiserschnitten (Nature Medicine: Dominguez-Bello et al., 2016). Vier der Kaiserschnittbabys wurden nach der Geburt den vaginalen Flüssigkeiten der Mutter ausgesetzt. Einen Tag nach der Geburt ähnelte die Bakterienflora jener Babys, welche mit dem Vaginasekret benetzt wurden, deutlich der Flora der vaginal geborenen Kinder. Die Flora der Neugeborenen war anders zusammengesetzt. Auch nach einem Monat ließ sich der Unterschied noch feststellen.

Doch wie würde das Ergebnis mit einer belastbaren Zahl an untersuchten Neugeborenen ausfallen? Wie lange hält der Effekt an? Wirkt sich die Übertragung wirklich positiv auf die Gesundheit aus? All das ist fraglich.

Die Neugeborenen werden dabei keinem anderen Risiko ausgesetzt als Kinder, die auf natürliche Weise zur Welt kommen.
Matthias Wenderlein, Gynäkologe

In Deutschland gibt es dennoch Mediziner, die gegenüber der Methode schon jetzt aufgeschlossen sind. "Die Distanz der Fachgesellschaften ist für mich nicht nachvollziehbar", sagt etwa Matthias Wenderlein. Der Gynäkologe, heute im Ruhestand, lehrte und forschte 35 Jahre an den Frauenkliniken der Universitäten Erlangen und Ulm – in dieser Zeit hat er Tausende Geburten betreut. Aufgrund seiner Erfahrungen befürworte er das Vaginal Seeding, sagt Wenderlein: "Die Neugeborenen werden dabei keinem anderen Risiko ausgesetzt als Kinder, die auf natürliche Weise zur Welt kommen." Das Sekret der Mutter werde geprüft und überwacht übertragen.

Die Hebamme Susanne Steppat sieht es ähnlich. "Wenn die Eltern das gerne wollen und gut aufgeklärt sind, würde ich das Vaginal Seeding durchführen", sagt sie. Es obliege den Eltern, die Entscheidung zu treffen – "wir sollten sie vor allem gut beraten".