Vom 3. bis 14. Dezember diskutieren Politikerinnen und Staatsvertreter auf der UN-Klimakonferenz, wie sich das 1,5-Grad-Ziel erreichen lässt. Aus diesem Anlass fragt sich ZEIT ONLINE in einem Schwerpunkt, nicht nur welche Folgen der Klimawandel bereits hat, sondern auch: Ist die Erderwärmung noch zu begrenzen? Über schon heute spürbare Gesundheitsfolgen haben wir mit dem Epidemiologen Shakoor Hajat gesprochen.

ZEIT ONLINE: Ein kürzlich erschienener Bericht legt wieder einmal nahe, dass der Klimawandel auch ein Gesundheitsproblem ist (The Lancet: Watts et al., 2018). Was bedeutet das konkret und macht sich das schon heute bemerkbar?

Shakoor Hajat: Wir sehen die Auswirkungen des Klimawandels schon längst. Ungefähr seit den Siebzigerjahren steigt die Durchschnittstemperatur und wir beobachten, dass die Zahl der Todesfälle durch Hitze steigt. Neben solchen direkten Effekten – durch Hitze, aber auch durch Kälte und Extremwettereignisse wie Fluten oder Wirbelstürme – sehen wir auch indirekte Effekte. Die Pollensaison hat sich beispielsweise verändert, was Menschen spüren, die Heuschnupfen haben. Auch breiten sich Infektionskrankheiten, die von Mücken oder Zecken übertragen werden, wie zum Beispiel Dengue und Malaria, über größere Regionen aus. Auch Erkrankungen, die über Essen oder Trinkwasser übertragbar sind und Durchfälle auslösen, wie Cholera, Campylobacter und Salmonellen, könnten durch den Klimawandel häufiger werden. Und dann gibt es noch sehr indirekte Effekte wie Mangelernährung, die eine Folge von Dürren sein kann, aber auch Migration und gesellschaftliche Veränderungen wie politische Instabilität, die gesundheitliche Folgen haben.

Shakoor Hajat ist Privatdozent an der London School of Hygiene and Tropical Medicine und beschäftigt sich vor allem mit Umweltepidemiologie.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich in ihrer Arbeit intensiv mit den Folgen von Hitze und Kälte auf die Gesundheit auseinandergesetzt. Gerade für Kinder, ältere und ohnehin schon geschwächte Menschen ist das riskant.

Hajat: Das ist richtig. Menschen müssen eine Körperkerntemperatur von ungefähr 37 Grad Celsius aufrechterhalten. Sie schwitzen oder zittern deshalb, der Körper schickt mehr oder weniger Blut in die Gefäße bis hinein in Finger und Zehen. All das strengt den Kreislauf an. Bei anfälligen Menschen funktioniert das manchmal nicht oder nicht schnell genug. Das gilt für Menschen, die unter chronischen Krankheiten wie Herz- und Lungenkrankheiten leiden, und für Kinder. Vor allem aber auch für ältere Menschen. In alternden Bevölkerungen gibt es deshalb ein höheres Risiko für Hitze- und Kältetote sowie für Sterblichkeit bei Extremwettereignissen. Studien, die sich fragen, wie der Klimawandel sich auf die Gesundheit auswirkt, sollten deshalb unbedingt berücksichtigen, wie eine Gesellschaft altert.

ZEIT ONLINE: Für Großbritannien haben Sie versucht, den Effekt des Klimawandels auf die Sterblichkeit zu prognostizieren. Für Deutschland gibt es leider keine aktuellen Studien. Ihr Ergebnis: Bis 2050 könnte sich die Zahl der Hitzetoten mehr als verdreifachen (Journal of Epidemiology and Community Health: Hajat et al., 2014). Wie kommt man auf so eine Zahl?

Hajat: Zuerst habe ich nach Daten gesucht, die zeigen, wie viele Hitze- und Kältetote es bei den derzeitigen Temperaturverhältnissen gibt. Dafür habe ich aus historischen Daten die tägliche Zahl der Todesfälle in den verschiedenen Regionen Großbritanniens gesammelt und mit den Temperaturen in Verbindung gebracht. Daraus wiederum lässt sich – epidemiologisch –  eine Temperatur-Sterblichkeits-Funktion errechnen. In diese Funktionen habe ich anstatt der aktuellen die Temperatur aus Klimawandelprojektionen für 2020, 2050 und 2080 eingesetzt. Das Ergebnis ist die vorhergesagte Zahl der Hitze- und Kältetoten.

ZEIT ONLINE: Und wie präzise sind derartige Vorhersagen?

Hajat: Die Modelle beruhen auf einigen Annahmen: auf Projektionen darüber, wie sich die Temperatur verändern wird und vor allem, wie sich die Risikofunktion als solche verändert. Durch demografische Entwicklungen beispielsweise, aber auch durch Maßnahmen der Länder, wie zum Beispiel Hitzewarnsysteme. Dabei schicken Behörden während besonders heißer Wetterlagen etwa Verhaltenshinweise und Tipps aufs Handy. Alles in allem sind die Vorhersagen aber eine eher ungenaue Wissenschaft. Deshalb geben wir für unsere Schätzungen auch immer eine Bandbreite an.

ZEIT ONLINE: Inwieweit hängt denn die Temperatur, ab der es gesundheitsschädlich wird, mit dem Klimaschutzziel zusammen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen?

Hajat: Direkt hängen sie nicht zusammen. Aber um zu verstehen, wie groß der Effekt dieser vermeintlich kleinen Temperaturänderung wäre, hilft e,s sich die Schwellenwerte anzuschauen, ab der wir Effekte auf die Sterblichkeit oder Krankenhauseinweisungen sehen. Man kann diese Schwelle aus den Daten herauslesen. Sie liegt in London zum Beispiel bei 19 oder 20 Grad. Die moderat warmen Tage verursachen damit die größte Krankheitslast.