Migration stellt keine ernsthafte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit der Zielländer dar. Zu diesem Schluss kommt ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die jetzt einen umfassenden Bericht dazu im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht haben.

Die vom Lancet und dem University College London (UCL) gegründete Kommission für Migration und Gesundheit geht gezielt der Frage nach, ob und wie Fluchtbewegungen von Menschen sich auf die Gesundheit auswirken. Und zwar auf die der Flüchtenden und auf die Länder, in die sie flüchten. Anlass für den jetzt veröffentlichten Bericht ist die Verabschiedung des UN-Migrationspakts kommende Woche in Marrakesch.

Die Autorinnen und Autoren schreiben, ihre Ergebnisse widerlegten gängige Ängste und die Aussagen vieler populistischer Politiker, dass Migrantinnen und Migranten Infektionskrankheiten einschleppten und eine Belastung für die Gesundheitssysteme der Zielländer darstellten. 

Um zu ihrer Aussage zu gelangen, analysierten die 20 unabhängigen Expertinnen und Experten aus 13 Ländern, darunter Großbritannien, Deutschland und Kenia – mehr als 200 Studien und fassten deren Ergebnisse in zwei Metastudien zusammen. Sie untersuchten unter anderem, woran Migranten und Migrantinnen im Vergleich zur Bevölkerung der Zielländer sterben. Das Ergebnis: Weil sie durchschnittlich jünger waren, starben sie seltener an Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-, Nerven- und Atemwegserkrankungen: Und diese sind die häufigsten Todesursachen. Zwar starben sie statistisch gesehen häufiger an Tuberkulose, HIV und viraler Hepatitis (The Lancet: Aldridge et al., 2018) – doch alle drei sind in Europa sehr seltene Infektionen. Entsprechend wenig fallen sie ins Gewicht.

Kaum jemand im Zielland infiziere sich bei Migranten

Die Ergebnisse der Kommission zeigen, dass sich Zuwanderer vor allem während ihrer Reise mit Infektionskrankheiten anstecken, wenn sie auf engstem Raum längere Zeit miteinander verbringen müssen. Außerdem sind einige der Krankheiten in ihren Heimatländern stärker verbreitet als in den oftmals reicheren Zielländern. Zudem weisen die Daten darauf hin, dass sich die Allgemeinbevölkerung der Zielländer eher selten bei Migranten und Migrantinnen ansteckt. Die Krankheiten werden vielmehr in den Unterbringungen der Zugewanderten übertragen. Dazu schreiben die Forscher: "Das Stereotyp von Migranten als Krankheitsträger ist vielleicht eines der verbreitetsten und schädlichsten. Es gibt jedoch keinen systematischen Zusammenhang zwischen Migration und dem Import von Infektionskrankheiten." 

Unter anderem deshalb, schreiben die Autorinnen und Autoren des Berichts, sei es wichtig, dass die Aufnahmeländer eine bessere medizinische Versorgung gewährleisteten, als es momentan vielerorts der Fall ist. Dabei kritisieren sie Länder wie Australien, die Aufnahmeanträge ablehnen, wenn jemand beispielsweise angibt, HIV-positiv zu sein. Das führe dazu, dass bestimmte Krankheiten verschwiegen würden und deshalb nicht richtig behandelt werden.  

Es sei zwar korrekt, heißt es in dem Bericht, dass Geflüchtete aus Ländern mit einer schlechten Gesundheitsversorgung bei ihrer Ankunft in einigen Fällen medizinisch behandelt werden müssen. Diese Belastung der Gesundheitssysteme dürfe man jedoch nicht isoliert vom Nutzen der Zuwanderung betrachten, der weitaus höher ist. So schreiben die Autorinnen und Autoren: "Viele der Zuwanderer helfen bei der Gesundheitsversorgung und gleichen den Zuwachs an Patienten wieder aus. So betreuen sie zum Beispiel ältere Menschen oder arbeiten in unterbesetzten Krankenhäusern sowie Pflegeheimen."

In Großbritannien haben laut dem Bericht sogar 37 Prozent der praktizierenden Ärztinnen und Ärzte ihre medizinische Qualifikation in einem anderen Land erworben. "Es gibt keine Beweise dafür, dass Migranten eine Belastung für das britische nationale Gesundheitssystem darstellen. Sie machen vielmehr einen großen Teil des britischen Gesundheitspersonals aus", schreibt Ibrahim Abubakar*, Professor für Epidemiologie für Infektionskrankheiten des University College London und Mitautor des Berichts, in einem beigefügten Kommentar.

Außerdem tue Migration der Wirtschaft eines Landes gut, heißt es weiter: "In einer entwickelten Volkswirtschaft kann ein Anstieg der Migranten in der erwachsenen Bevölkerung das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um zwei Prozent erhöhen."

Ein weiterer Teil des Berichts widmet sich den gesundheitlichen Auswirkungen auf Kinder, die von ihren Eltern beim Auswandern zurückgelassen wurden (The Lancet: Fellmeth et al., 2018).

*Korrekturhinweis: In einer früheren Version stand hier ein falscher Name des Zitatgebers. Wir bitten um Entschuldigung. Die Stelle wurde korrigiert.