An welchen Orten dieser Welt ist es um die Gesundheit der Menschen am schlechtesten bestellt? Welche dieser Krisen nehmen wir nicht wahr? Und warum nicht? Florian Westphal weiß Antworten. Er hat lange als Journalist gearbeitet und ist seit 2014 Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland.

ZEIT ONLINE: Wo wird medizinische Nothilfe gerade am dringendsten benötigt?

Florian Westphal: In Ländern wie Jemen und Syrien etwa, aber auch im Südsudan oder dem Nordosten Nigerias.

ZEIT ONLINE: Während die meisten Menschen wissen, dass in Syrien und im Jemen Krieg herrscht, der viele Menschen in die Mangelernährung treibt, wird kaum über den Südsudan und Nigeria berichtet. Was passiert dort?

Florian Westphal ist seit 2014 Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen. Davor arbeitete er als Journalist und für das Rote Kreuz.

Westphal: Im Nordosten Nigerias herrscht seit mehr als zehn Jahren ein Konflikt zwischen Regierungstruppen und diversen bewaffneten Gruppen, die häufig im weitesten Sinne Boko Haram genannt werden. Mehr als 1,9 Millionen Menschen sind innerhalb Nigerias vertrieben. Sie leben oftmals in städtischen Gebieten, sind aber von einer Gesundheitsversorgung und von der Möglichkeit, geregelt Geld zu verdienen, abgeschnitten und deshalb von humanitärer Hilfe abhängig. Und die kommt oft nicht an, weil bewaffnete Gruppen und die Regierung den Zugang für Hilfsorganisationen stark einschränken. Also sterben vor Ort Menschen an Malaria und leicht behandelbaren Krankheiten. Zudem sind viele schwer traumatisiert und perspektivlos, ohne Hilfe zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Ist die Situation in Nigeria beispielhaft für andere Krisenregionen?

Westphal: Ja. 2018 war Ärzte ohne Grenzen etwa in der Demokratischen Republik Kongo, dem Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik sehr aktiv. Alles Länder, in denen die öffentliche Ordnung zusammengebrochen ist. Viele Menschen sind einer völligen Willkür von bewaffneten Männern ausgesetzt, die ihre Konflikte auf dem Rücken der Zivilbevölkerung austragen. Sie berauben und vertreiben Menschen und vergewaltigen Frauen. Manche dieser Männer sind Regierungssoldaten, manche werden Milizen genannt, manche Rebellen, manche Freiheitskämpfer, manche Terroristen – aber letztlich ist das egal. In den Medien kommen diese Krisen häufig nur als Zahlen vor: "Acht Millionen Menschen im Nordosten Nigerias brauchen humanitäre Hilfe" oder "eine Millionen Cholera-Verdachtsfälle im Jemen". Diese Zahlen sind einerseits beeindruckend, verdecken andererseits aber sehr konkrete Einzelschicksale.

ZEIT ONLINE: Bitte erklären Sie das.

Westphal: Selbst für humanitäre Akteure wie uns ist es kompliziert, an Menschen in Krisengebieten heranzukommen. Und für Journalisten ist es noch schwieriger; sie kommen oft gar nicht erst bis in die betroffene Region. Wie soll man dann das individuelle Leid der Menschen darstellen? Dabei wäre es so wichtig, weil die öffentliche Wahrnehmung sehr stark durch Bilder und Einzelschicksale beeinflusst wird.

ZEIT ONLINE: Sie meinen Bilder wie die des syrischen Jungen Alan Kurdi, der im Herbst 2015 ertrunken an einem türkischen Strand auf dem Bauch lag? Das Bild bewegte unter anderem den damaligen britischen Premierminister David Cameron dazu, anzukündigen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen.

Westphal: Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Bild eines furchtbaren Schicksals unglaubliche Auswirkungen haben kann. Häufiger ist es aber noch grundsätzlicher: Wir nehmen die Existenz einer Krise erst wahr, wenn es Bilder von ihr gibt. Deswegen wissen wir mehr über Waldbrände in Kalifornien als über Konfliktsituationen, die zahlenmäßig viel mehr Opfer fordern. Die Wichtigkeit von Bildern in der Berichterstattung ist wohl auch einer der Gründe, warum Naturkatastrophen mehr Beachtung finden, als andere humanitäre Krisen.