Ein bisschen Kiffen schadet doch nicht, heißt es oft. Doch wie sicher ist das?

Kaum eine Pflanze polarisiert so sehr wie Cannabis. Vereinfacht gesagt betont dabei die eine Seite die lindernde Wirkung für Schmerzpatienten und Erkrankte sowie die geringe Schädlichkeit – und demonstriert mit bunten Schildern für eine Legalisierung. Die andere Seite argumentiert mit möglicher Drogensucht und strengem Jugendschutz dagegen. Und während sich mehr und mehr Länder für einen regulierten Markt mit Hanf entscheiden, erscheinen neue wissenschaftliche Untersuchungen, die die Debatte um Nutzen und Schäden zusätzlich befeuern. Leider oft nicht konstruktiv, denn viele Studien zum Haschisch- und Marihuanakonsum sind fragwürdig.

Erst Anfang der Woche dürfte eine Studie viele aufgeschreckt haben. Demnach können bei 14-Jährigen schon nach einmaligem Kiffen Veränderungen im Gehirn auftreten. Das klingt beunruhigend – doch was bedeutet es, dass die Hirnscans einiger dieser Jugendlichen auffällig waren? Das weiß leider niemand genau. Denn nicht nur wurde nur eine kleine Gruppe von 46 Heranwachsenden untersucht – auch befragte das Forscherteam sie lediglich zu ihrem Cannabiskonsum (Journal of Neuroscience: Orr et al., 2018). Ob die Probanden und Probandinnen auch andere Drogen wie Alkohol probierten, erhoben die Studienautoren nicht. Auch Drogentests zogen sie nicht heran. Was bleibt, ist viel Aufregung und Ungewissheit: Gab es überhaupt Schäden (leicht vergrößerte Hirnregionen belegen das nicht zwingend) und wenn ja, was löste sie aus?

Dieses Beispiel zeigt ein grundsätzliches Problem: Cannabis ist längst nicht ausreichend erforscht; weder was seinen therapeutischen Nutzen angeht noch die möglichen Gefahren durchs Kiffen. Das liegt auch daran, dass der Konsum von Hanf erst seit rund einem Jahrzehnt etwa in den USA in einigen Bundestaaten reguliert worden ist. Dort dürfen Menschen Cannabis auch einfach nur zur Entspannung oder zum Spaß in gewissen Mengen rauchen oder dampfen, sich Teile der Pflanze ins Essen oder in Getränke mischen. Viele Länder sind dem Beispiel eines regulierten Marktes für die Droge gefolgt, einige waren sogar noch früher dran.

Viele Studien mit vielen Problemen

Wissenschaft und Medizin hatten bislang aber eher wenig Interesse am Hanf, und der Status als illegale psychoaktive Substanz erschwerte das Sammeln von Erkenntnissen über die Pflanze. Wie unsicher noch immer die Datenlage zu Hanf ist, belegt eindrücklich eine Auswertung eines Großteils aller relevanten Studien der vergangenen 20 Jahre, veröffentlicht von der nationalen Akademie der Wissenschaften in den USA (National Academy of Sciences, 2017). Zusammengefasst über viele Kapitel hinweg lautet das Fazit: Was man über Hanf weiß, ist meist unsicher, nicht ausreichend zu belegen, fraglich oder schlicht unbekannt.

Auf die Beliebtheit von Cannabis hat das allem Anschein nach kaum einen Einfluss – ganz gleich, ob illegal konsumiert oder legal gekifft wird. Mit Folgen, die sich noch kaum bewerten lassen. So hat sich die Zusammensetzung von Hasch und Marihuana über die Jahre deutlich verändert. Die beiden Hauptwirkstoffe der Cannabisblüten sind THC und CBD. THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) verursacht den Rausch, indem es sich an Rezeptoren in den Nervenzellen bindet und ihre Signalübertragung beeinflusst. CBD (Cannabidiol) wirkt dagegen vermutlich schmerzlindernd sowie angstlösend und findet sich deshalb auch in einigen Arzneimitteln (Booz, 2011).

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Während sich die Wirkstoffe im medizinischen Cannabis die Balance halten, hat sich der THC-Gehalt in Schwarzmarktprodukten in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt – zumindest im Großteil Europas. Das hat ein Forscherteam der University of Bath und des King's College London anhand von der Polizei beschlagnahmter Drogen herausgefunden. (Addiction: Freeman et al., 2016) Im Gegensatz dazu ist der CBD-Gehalt zurückgegangen – sprich, die Produkte werden immer potenter. Laut dem Forscherteam aus London haben die Nutzerinnen und Nutzer ihr Konsumverhalten auch nicht an das potentere Cannabis angepasst. Stattdessen kiffen sie ähnliche Mengen wie zuvor auch schon.

"Züchter und Händler sind daran interessiert, dass ihr Stoff ordentlich knallt. Denn das kaufen die Leute", sagt dazu Heino Stöver, Direktor des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt. Eine Entwicklung, die Suchtexperten, Präventionsforscher und Mediziner beschäftigen sollte. Gerade für Jugendliche sind mögliche Schäden wahrscheinlicher als unter Erwachsenen. Das Risiko für Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen und psychische Erkrankungen, die sich mitunter nicht mehr heilen lassen, ist höher in jungen Jahren (PNAS: Meier et al., 2012). Mit zwölf oder vierzehn Jahren ist das Gehirn längst noch nicht vollständig entwickelt.