Wie schön zu wissen, dass die Deutschen skeptisch sind gegenüber Essen, das zu viel Salz, Fett und Kalorien enthält. Wie schön zu wissen, dass sie gern weniger Zucker in Fertigprodukten hätten – wir wissen dies dank des aktuellen Ernährungsreports des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Was es bringt, darüber informiert zu sein? Herzlich wenig. Schlimmer noch: Die Umfrage erweckt gar den Eindruck, die Deutschen würden sich genügend Gedanken um ihr Essen machen, wären sich der Bedeutung gesunder Ernährung bewusst und würden ihr Essverhalten entsprechend verändern, um Übergewicht und Krankheiten vorzubeugen. All das stimmt aber nicht.

Jährlich gibt das BMEL einen Bericht heraus, für den Deutsche telefonisch befragt wurden, wie sie essen. Und mit großer Regelmäßigkeit liest sich die Pressemitteilung sehr positiv. Ein Beispiel: Im aktuellen Bericht 2019 wird betont, dass Obst und Gemüse gern gegessen werden. 62 Prozent der Männer, heißt es, essen täglich Obst oder Gemüse. Aber ist das wirklich so toll? Man könnte auch schreiben: 38 Prozent der deutschen Männer geben an, dass sie häufiger kein Stück Obst oder Gemüse pro Tag essen. Nicht ein einziges: keine Möhre, keine Tomate, keinen Apfel, nicht einmal eine kleine Weintraube. Diese Zahl ist schockierend und tatsächlich – das zeigen die Daten des europäischen Gesundheitssurveys – liegen deutsche Männer damit europaweit auf dem letzten Platz (Journal of Health Monitoring: Lange & Finger, 2017). Die Deutschen essen dafür vergleichsweise zu viel Fleisch und nehmen täglich zu viele Kalorien zu sich, als der Gesundheit zuträglich wäre. Auch trinken Deutsche deutlich mehr als der europäische Durchschnitt, wie zuletzt erneut ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation zeigte.

Die schlechte Ernährung der Deutschen ist einer der Hauptgründe, warum hierzulande zwei Drittel der Männer und die Hälfte der deutschen Frauen zu viel wiegen. Bedenkenswert ist auch, dass sich der Anteil der übergewichtigen Jungen und Mädchen in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht hat (Lancet: NCD Risk Factor Collaborations, 2017; Appendix). Mittlerweile liegt er seit einigen Jahren nahezu konstant bei den 5- bis 17-Jährigen bei mehr als einem Viertel (Journal of Health Monitoring: Schienkewitz et al., 2018). Die Folgen sind mannigfaltig: ein größeres Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle, Diabetes, bestimmte Krebssorten und Gelenkbeschwerden. All das belastet nicht nur die Menschen sondern auch das Gesundheitssystem (European Journal of Health Economics: Lehnert et al., 2015).

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29 Prozent der Deutschen essen nicht täglich Obst und Gemüse

Besseres Schulessen zu fordern, ist löblich, aber unzureichend

Das alles ist der Ministerin für Ernährung, Julia Klöckner, durchaus bewusst. Sie gab daher nicht allein den Bericht in Auftrag, sondern arbeitet auch an Maßnahmen zur Verbesserung. So sieht die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie beispielsweise vor, den Gehalt an Salz, Zucker und Fett in Fertigprodukten künftig zu mindern. Forschungseinrichtungen bekommen Gelder, um Ersatzstoffe für Salz und Zucker zu entwickeln, das Kita- und Schulessen soll besser werden und Informationskampagnen sollen helfen, Menschen eine gesündere Ernährung näherzubringen. Das ist löblich.

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58 Prozent der Deutschen schauen immer oder meistens, wie viel Zucker das Produkt enthält

An ganz entscheidender Stelle aber passiert kaum etwas: bei der Regulierung der Lebensmittelindustrie. Das BMEL setzt weiter auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Hersteller, obwohl diese Maßnahme wirkungslos ist. Eine große Übersichtsarbeit, die in der Fachzeitschrift The Lancet (Moodie et al., 2013) erschien, bringt es auf den Punkt: "Trotz häufigem Verlass auf Selbstregulationen der Industrie [...] gibt es keine Evidenz ihrer Effektivität oder Sicherheit. Öffentliche Regulierung und Marktinterventionen sind die einzigen Evidenz-basierten Mechanismen, um Schaden durch ungesunde Konsumwaren zu verhindern."

Eine Regierung – von der Kanzlerin über das Ernährungsministerium bis hin zum Wirtschaftsministerium –, die die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger gewährleisten will, muss die Lebensmittelindustrie regulieren. Sie muss Steuern einführen oder bestimmte Inhaltsstoffe wie besonders gefährliche Transfettsäuren bannen. Sie muss sorgsam festlegen, welche Art der Werbung für ungesunde Produkte erlaubt sein sollte; speziell auf Kinder ausgelegte Werbung für überzuckerte Limonade wäre dann ganz sicher verboten. Und eine Regierung, die die Gesundheit ihrer Bürger schützen will, sollte genau überlegen, wann und warum sie mit Vertretern einer Industrie spricht, deren erfolgreichste Produkte gesundheitsschädlich sind.

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32 Prozent der Männer achten darauf, dass ihr Essen wenig Kalorien hat. Bei den Frauen sind es 41 Prozent.

Doch die Verbindungen zwischen dem Ernährungsministerium und der Lebensmittelindustrie sind traditionell stark. Das Ärzteblatt berichtet unter Berufung auf eine Kleine Anfrage der Grünen, dass sich das BMEL bei der neuen Fertigprodukterichtlinie mit diversen Industrievertreterinnen und -vertretern traf – und zwar deutlich häufiger als mit Ärzteverbänden und Verbraucherorganisationen. Eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke, wie erst kürzlich in Großbritannien eingeführt, wurde hingegen trotz Votum der Kinderärzte abgelehnt. Eine Lebensmittelampel war nicht mehrheitsfähig.

Das Wirtschaftssystem formt, wie gesund Menschen sind

Damit ignorieren die Politikerinnen und Politiker, dass unser Umfeld maßgeblich darüber entscheidet, wie wir essen. Und dass ein Wirtschaftssystem elementar formt, wie gesund Menschen sind (Lancet: Kickbusch et al., 2016). Wer will, dass Menschen gesund sind, muss deshalb eingreifen.

Wie das geht, hat der Kampf gegen die Tabakindustrie, Big Tobacco, gezeigt. Werbeverbote, die Verweigerung mit Lobbyisten zu sprechen und hohe Steuern haben die Zahl der Raucherinnen und Raucher in Deutschland und in vielen westlichen Ländern drastisch reduziert – auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt. Jetzt sollten Big Soda und Big Food – beides Industrien, die Milliarden an Umsatz machen – dran sein. Manchmal helfen eben nur Markteingriffe, um die Gesundheit der Bürger zu verbessern.