Noch nie waren so viele Menschen pflegebedürftig wie heute: 3,5 Millionen Menschen sind es in Deutschland, zwei Drittel von ihnen werden zu Hause versorgt. Doch warum reden Kolleginnen und Freunde über den Kitaplatzmangel, aber nicht darüber, wie schwer ein gutes Pflegeheim zu finden ist? Was hindert Eltern und ihre erwachsenen Kinder daran, ehrlich über ihre Erwartungen zu sprechen?

Im Schwerpunkt "Sprechen wir über Pflege" widmen wir uns auf ZEIT ONLINE diesen und weiteren Fragen: Wie es sich anfühlt, über die Zukunft der Mutter zu entscheiden. Was die Belastung der Pflege mit einer Beziehung macht. Und was körperliche Nähe bedeutet, wenn man selbst gepflegt wird.

Frau Peters* Stimme klingt schon am Telefon so kraftlos, dass Thomas Hahnraths sofort klar ist: Irgendetwas stimmt nicht mit ihrem Ehemann. Hahnraths ist Pflegetrainer, er unterstützt pflegende Angehörige. Noch am gleichen Tag fährt er bei Familie Peters vorbei. Herr Peters liegt in einem großen Ehebett auf dem Rücken und scheint zu schlafen. Er ist unrasiert, die Lippen sind rissig und das Gesicht wirkt noch eingefallener, als Hahnraths es in Erinnerung hat. Hanraths fallen schwere Pflegemängel auf: Das Bett ist ungeeignet, die Liegeposition bereitet dem Kranken Schmerzen. Ein Handtuch als Inkontinenzunterlage ist unzulänglich, eigentlich bräuchte es in dieser Situation einen Urinbeutel. Auf dem Nachttisch neben dem Bett steht ein unbenutztes Glas. Hahnraths macht sich Notizen: "Herr Peters ist tiefgehend exsikkiert" – ausgetrocknet.

Herr Peters habe seit fünf Tagen nichts mehr gegessen und seit zwei Tagen nichts getrunken, sagt seine Frau. Er habe ihr gesagt, er wolle jetzt zu Hause sterben und sie hätte seinen Wunsch respektiert. Aus der Unwissenheit, wie sie ihren Mann bei diesem Wunsch wirklich unterstützen könne, entstand eine Vernachlässigung. Hahnraths zeigt Frau Peters, wie sie ihren Ehemann richtig bettet, damit sich die Wunde am Rücken nicht verschlechtert. Sie verabreden sich zu einem gemeinsamen Termin in der Ambulanz des Krankenhauses, aus dem Herr Peters kurz vorher entlassen wurde. Doch dazu kommt es nicht. Zwei Tage nach Hahnraths' Besuch stirbt der 72-Jährige an seinem Blasenkrebs.

Die Beschreibung des Falls, die ZEIT ONLINE vorliegt, ist Teil einer Sammlung, die von Katharina Gröning wissenschaftlich ausgewertet wurde. Der Fall des Ehepaars Peters ist durchaus typisch. "Menschen, die im Sterben liegen, sind besonders gefährdet, unterversorgt zu werden", erklärt Gröning, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld. Seit 14 Jahren untersucht sie die Pflege im familiären Bereich in einem großen Forschungsprojekt. "Pflegende Angehörige sind oftmals erstaunt, wie lange das Sterben dauert und wie aufwendig die Pflege ist. Das führt zu Vernachlässigung und Unterversorgung", sagt Gröning.

Beleidigungen, blaue Flecken, eine abgeschlossene Tür

Gewalt in der Pflege – in der professionellen genau wie in der familiären – geschieht aber nicht nur in den letzten Tagen vor dem Tod, sie ist ein alltägliches Phänomen. Beleidigungen, blaue Flecken, Um-sich-Treten, eine abgeschlossene Tür. Mal geht Gewalt von Pflegebedürftigen aus, mal von Pflegenden. In einer Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege von 2018 gaben 47 Prozent der befragten Pflegenden an, von Gewalt durch pflegebedürftige Angehörige betroffen zu sein. 40 Prozent berichteten, selbst schon einmal gewalttätig geworden zu sein. In den meisten Fällen ist die Gewalt psychisch: eine Beleidigung, eine Einschüchterung oder eine Drohung. Doch auch körperliche Gewalt, Vernachlässigung und Freiheitsentzug kommen vor. 

Meistens jedoch, sagt Gröning, sei die Schädigung nicht beabsichtigt. Die Angehörigen wüssten häufig gar nicht, was sie den Pflegebedürftigen antun. Kann man dann überhaupt von Gewalt sprechen? Gröning sagt Nein. Sie spricht nur dann von Gewalt, wenn eine Schädigungsabsicht besteht. Wenn jemand absichtlich und wiederholt zuschlägt oder die Pflegebedürftige einsperrt. Gewalt in der Pflege, wie Gröning sie definiert, ist strafbar. Und kommt selten vor.

Das zeigen auch Zahlen: Bei einer Befragung des Bundesfamilienministeriums zur Gewalterfahrung älterer Menschen gaben nur 1,2 Prozent der Pflegenden an, ihre Angehörigen physisch misshandelt zu haben, während fast 50 Prozent von pflegerischer Vernachlässigung berichteten. Ein Sonderfall ist die Demenz. Zu dem Schluss ist auch Katharina Gröning in ihrer Forschung gekommen: "Wenn sich Menschen mit Demenz bedroht fühlen, schlagen sie auch mal zur Abwehr um sich." Die Schnelligkeit, mit der die Pflegebedürftigen oft behandelt, beispielsweise entkleidet werden, erzeuge gerade bei Menschen mit Demenz Angst.

*Name von der Redaktion geändert