Es ist ein seltsamer Streit, den sich Mediziner da gerade um die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub und um den Sinn und Unsinn von Fahrverboten leisten. Die einen warnen seit Jahren davor, dass Luftverschmutzung eine unterschätzte Gefahr sei und fordern strengere Grenzwerte. Die anderen um den emeritierten Professor Dieter Köhler gingen an die Öffentlichkeit und verkündeten, schon die jetzigen in der EU gültigen Grenzwerte seien wissenschaftlich betrachtet Unsinn. Was ist von diesem Streit zu halten? Die Kurzantwort: Nur scheinbar wird auf Augenhöhe gestritten: Zwischen den Disziplinen und unter den Lungenspezialisten. Und nur scheinbar ist es ein rein wissenschaftlicher Disput. In Wirklichkeit steckt weit mehr dahinter. Und auch wenn die Initiatoren die Debatte mit ihrem Vorstoß vielleicht nur versachlichen wollten, haben sie womöglich das Gegenteil erreicht.

Der Streit hat eine Vorgeschichte – er schwelte schon lange, bevor Dieter Köhler, selbst einst Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), Anfang der Woche in der ARD-Sendung Hart aber fair die Fahrverbote als Unsinn bezeichnete und das von ihm initiierte Statement der Pneumologen veröffentlicht wurde. Schon im vergangenen Jahr kritisierte Köhler in Fernsehsendungen und in einem Artikel im Ärzteblatt das Zustandekommen der Grenzwerte (Ärzteblatt, 2018). Ein Experte widersprach (Ärzteblatt: Hermann, 2018). Die mediale Aufmerksamkeit damals: minimal.

Diesmal ist es ganz anders: Köhler, emeritierter Professor für Lungenheilkunde, veröffentlichte am Mittwoch eine Stellungnahme, in der es heißt, man sehe derzeit "keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und NOx". Dieser Position haben sich mehr als 100 Ärztinnen und Ärzte angeschlossen, viele von ihnen ebenfalls Pneumologen. Es dauerte nicht lange, bis die Zweifel weit gestreut waren. Spätestens als Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) verlauten ließ, der Vorstoß bringe "Sachlichkeit und Fakten in die Dieseldebatte", hatte ein regelrechter Zirkus begonnen. Binnen Stunden schienen sich – mitunter wissenschaftsferne – Menschen eine Meinung zu einem Thema gebildet zu haben, für das es weltweit Experten gibt, zu denen nicht nur Lungenspezialisten zählen: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diverser Disziplinen, die in Studien verschiedenster Machart seit Jahrzehnten Erkenntnisse zusammentragen, wie Feinstaub, Stickoxide und andere Stoffe, die unsere Luft verschmutzen, mit Krankheit und Tod zusammenhängen (Einen Überblick über den Forschungsstand können Sie hier lesen).

"Wissenschaftliche Methoden werden durch Ideologien ersetzt"

Und genau an diesem Punkt fängt die Debatte an, rätselhaft zu werden. In einem Schreiben an die Mitglieder der DGP, in dem Köhler seine Stellungnahme ankündigte, schrieb er: Bei der Grenzwertsetzung würden "leider zunehmend die wissenschaftlichen Methoden [...] verlassen und durch Ideologien ersetzt". Auf Nachfrage erklärt Köhler ZEIT ONLINE, er habe den Eindruck, viele Wissenschaftler würden sich in ihrem "eigenen Forschungsbereich vergraben und nicht nach rechts oder links" schauen. Er beobachte einen "Hypothesenverlust" in der Wissenschaft. So falsifiziere das Beispiel der Raucher eigentlich die epidemiologischen Studien. Denn Raucher nehmen eine Unmenge mehr an Feinstaub zu sich, als in der Umgebungsluft zu finden ist – und fallen trotzdem nicht binnen weniger Wochen tot um. Das Argument hatte Barbara Hoffmann, Professorin für Umweltepidemiologie und Expertin auf dem Feld, jedoch schon vor Wochen adressiert. In einem Interview mit ZEIT ONLINE sagte sie, "der Vergleich hinkt auf allen Ebenen". Denn die Krankheitsfolgen von Rauchen seien viel höher. Außerdem habe beim Rauchen die Schleimhaut immer wieder Erholungspausen. Feinstaub aus der Luft hingegen sind wir 24 Stunden am Tag ausgesetzt – ob wir wollen oder nicht.

Anstatt seine Zweifel und seine Kritik aber in wissenschaftlichen Fachkreisen, also in einer Fachzeitschrift, in der sie einer Überprüfung von Kolleginnen und Kollegen standhalten muss, zu veröffentlichen oder diesen Streit zunächst auf Fachkonferenzen zu platzieren und damit zu einem wirklichen wissenschaftlichen Austausch beizutragen, geht er erneut an die Öffentlichkeit. Und indem er das tut, sorgt er für genau das, was er wie es scheint verhindern wollte: Dass eine wissenschaftliche Debatte ideologisiert wird und von denen benutzt wird, die aus ganz anderen Gründen gegen Fahrverbote sind. Verkehrsminister Scheuer zum Beispiel.

Letztlich kann bei der Leserin oder dem Fernsehzuschauer sogar der Eindruck entstehen, zwei ähnlich große und gleichsam qualifizierte Parteien stünden sich in dieser Debatte gegenüber und lieferten sich einen Streit um die Auslegung der Forschungsdaten. Doch von den mehr als 4.000 Mitgliedern der DGP hat nur ein Bruchteil die Stellungnahme Köhlers unterzeichnet. Und auch der Bundesverband der Pneumologen, der andere große Berufsverband der Lungenmediziner, widersprach indirekt. So sagte dessen Vorsitzender, Frank Heimann, gestern: "Eine Bagatellisierung der Auswirkungen von Luftschadstoffen gefährdet die Bemühungen, Risiken und Gefahren von Luftverschmutzung zu minimieren!"