Köhler schreibt über sich, er sei einer "der wenigen Experten in diesem Bereich". Das mag für die Aerosolforschung, also das Verhalten von Schwebeteilchen, zu denen auch Feinstaub gehört, gelten. Hierzu hat er sich habilitiert. Und die Erkenntnisse der Aerosolforschung sind für die Einschätzung der Wirkung von Feinstaub und Stickoxiden in der Lunge natürlich von Bedeutung. In der Umweltepidemiologie hingegen hat er nie publiziert, dem Fachgebiet also, das versucht abzuschätzen, wie Umwelteinflüsse auf die Gesundheit wirken. Seine Argumentation in diesem Bereich steht also fachlich nicht auf demselben Fundament wie die jener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die seit Jahrzehnten Risikoabschätzungen vornehmen. Dem Urteil des Institute of Health Metrics (IHME) zum Beispiel, das an der University of Washington angesiedelt ist.

Das IHME schätzt, dass die Luftverschmutzung auf der Liste der Umweltrisikofaktoren der Deutschen nach dem Rauchen, Bluthochdruck und anderen an Platz neun kommt. Um es noch einmal zu betonen: Derartige Ergebnisse und die Methodik hinter ihnen dürfen und sollen unbedingt hinterfragt werden und das ausdrücklich auch aus fachfremden Disziplinen. Das ist das Wesen der Wissenschaft und wichtig, um Ergebnisse zu verifizieren, falsifizieren und wichtige Ansätze in die Debatte hineinzutragen. Aber, wie oben erwähnt, gibt es dafür eigene Kanäle.

Die Kritik Köhlers scheint darüber hinaus – auch wenn es schließlich wiederum Fachleuten obliegt, das zu bewerten – vielfach unterkomplex. Stetig wiederholt er, eine Korrelation sei keine Kausalität. Dass Menschen, die an vielbefahrenen Straßen wohnen, häufiger Herzkreislauferkrankungen bekommen, erweise nicht, dass die Luftschadstoffe der Grund dafür seien. Damit hat Köhler natürlich vollkommen recht. Allerdings behauptet auch niemand dieses Gegenteil, dem Köhler hier so vehement widerspricht. Wie die DGP erklärt (Luftschadstoffe in Deutschland: Schulz et al., 2018; S.33), müssten verschiedene Dinge zusammenkommen, um eine Kausalität anzunehmen (nicht zu beweisen, wohlgemerkt):

  • Die Gesundheitseffekte müssen in verschiedenen, voneinander unabhängigen Studien beobachtet worden sein.
  • Es müssen unterschiedliche Methoden genutzt worden sein, also zum Beispiel Beobachtungsstudien und Tierversuche.
  • Und es muss einen plausiblen Mechanismus geben, zum Beispiel: Feinstaub fördert Entzündungsprozesse in der Lunge, was Lungenkrankheiten begünstigen kann.

Alle diese Punkte, da sind sich Experten weitestgehend einig, liegen bei Feinstaub und bei Stickoxiden vor. Und wenn sich all das letztlich durch weitere Studien und Untersuchungen – oder eine Neuinterpretation – doch als falsch herausstellen sollte und die Mehrheit der Forscherinnen und Forscher ihre derzeitige Ansicht revidiert, so hätte man zumindest mit dem Vorsorgeprinzip gearbeitet: Wenn es um die Gesundheit geht, ist es immer eine gute Idee, lieber zu vorsichtig zu sein und Grenzwerte für Schadstoffe, denen alle Menschen täglich ausgesetzt sind, im Zweifel zu niedrig anzusetzen. 

Zeigt die Praxis der Lungenärzte das ganze Bild?

Womöglich zeigt sich in der Kritik an den Grenzwerten zum Thema Luftverschmutzung aber noch etwas anderes: Die epidemiologischen Studien zu den Gesundheitseffekten von Feinstaub und Stickoxiden haben oft Tausende Teilnehmerinnen und Teilnehmer (zum Beispiel New England Journal of Medicine: Pope et al., 2009; Lancet: Cohen et al., 2017) und viele Hundert Variablen und benutzen hochkomplexe statistische Modelle – all das hat der Fortschritt in der digitalen Datenverarbeitung in den letzten Jahrzehnten möglich gemacht.

Trotz allen Potenzials bringt diese Entwicklung Probleme mit sich: Ärztinnen und Ärzte, aber auch Bürgerinnen und Bürger, kommen mit der Weiterentwicklung wissenschaftlicher Methoden an manchen Stellen nicht mehr mit. Exemplarisch zeigt das ein Satz aus der am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme: "Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken diese Todesfälle an COPD und Lungenkrebs täglich; jedoch Tote durch Feinstaub und NOx (Stickoxid, Anmerkung der Redaktion), auch bei sorgfältiger Anamnese, nie." Man will darauf antworten: Ja, natürlich nicht. Die gesundheitlichen Auswirkungen von Stickoxiden und Feinstaub – so stellt es sich die Wissenschaft vor – sind subtiler. Bei komplexen Erkrankungen wie einem Herzinfarkt lässt sich bei einem einzelnen Patienten nur selten ausmachen, welcher Umwelteinfluss und welches Verhalten welchen Anteil daran hatte. Nur weil man etwas nicht sieht, heißt es also nicht, dass es nicht existieren kann.

Vielleicht zeigt das, dass aufwendige Analysen sowohl innerhalb der Forschungswelt als auch nach außen besser erklärt werden müssen. Mit Sachverstand hinterfragt werden müssen sie ohnehin. Denn sie sind – gerade, wenn Daten etwa nicht sehr sauber sind – fehleranfällig. Trotzdem ist es gut, sie zu haben. Denn sie machen es möglich, nicht nur die Dinge, die einen exorbitanten Einfluss auf die Gesundheit von Menschen haben, Rauchen oder Übergewicht zum Beispiel, zu identifizieren, sondern auch Einflüsse, die weniger stark, aber vielleicht über lange Zeit und in ihrem Zusammenspiel wirken. Sie zu kennen, kann viele Menschenleben retten.

Letztlich kann der aufgeflammte Streit also auch eine Chance sein, sich noch einmal darüber zu verständigen, was wir heute sicher über die Schädlichkeit von Abgasen wissen – und was nicht. Der wissenschaftliche Streit sollte sich genau darum drehen. In der Öffentlichkeit hat er dabei wenig verloren. Die Debatte, was man aus dem wissenschaftlichen Konsens macht, die Debatte um Grenzwerte, hingegen schon. Denn, wenn es um Grenzwerte geht, stehen wir – die Gesellschaft und jeder Einzelne – am Ende, egal ob Glyphosat, Dioxin in der Umwelt oder eben Stickoxide und Feinstäube in der Luft, vor der Grundsatzfrage: Wie weit sind wir bereit zu gehen, um Risiken zu minimieren? Wir alle brauchen Strom, wollen bezahlbare aber gesunde Lebensmittel, möchten mobil sein, vielleicht auch Rauchen oder Alkohol trinken. Aber: Zu welchem Preis? Bei dieser Frage wird es dann zwangsläufig politisch. Vorher am besten nicht.

Welche Daten und Studien gibt es bisher über Schadstoffe wie Stickoxide und Feinstaub in der Luft? Einen Überblick dazu lesen Sie hier: Was weiß die Wissenschaft recht genau, wo gibt es noch Forschungsbedarf?