Was wir ein Drittel unseres Lebens machen? Schlafen! Jedenfalls wenn's gut läuft. Warum tut der Mensch es überhaupt, wie viele Stunden sind genug und was hilft, wenn wir abends nicht einschlafen können und morgens wie gerädert aufwachen? Diesen und weiteren Fragen widmet ZEIT ONLINE den Schwerpunkt "Besser schlafen".

Ich bin der langweiligste Durchmacher von Berlin. Während in gläsernen Hochhäusern wichtig wirkende Businessmenschen wichtig wirkende Geschäfte mit Peking machen, sich im Berghain Feiernde schwitzend aneinanderreiben und in WG-Küchen über die Weltrevolution diskutiert wird, sitze ich auf meinem Sofa und versuche möglichst schnell eine Taste zu drücken, sobald sich mein Laptopbildschirm blau färbt. Nachts um drei. Mein Gehirn und meine Finger arbeiten immer langsamer.

Es ist der gleiche Test, den Sie als Leserin oder Leser unter diesem Absatz mit dem ZEIT-ONLINE-Reaktionstool machen können. Das soll Ihnen ein Gefühl dafür geben, wie sich Ihr Gehirn verlangsamt, wenn Sie nicht schlafen. Weil ich eine Nacht durchgemacht habe, können Sie sich mit meinem übermüdeten Ich vergleichen. Ich hoffe, sie freuen sich, wenn Sie mich schlagen:

Augen zu, zack, eingeschlafen

Nicht-Schlafen ist nicht gerade das, womit mich Freunde verbinden würden. Schlafen gehört zu meinen Kernkompetenzen. Ich muss nur die Augen zumachen, zack, eingeschlafen. Als Beifahrer im Auto? Ich schlafe sofort. Die Bahn muss keine zehn Minuten fahren, schon hänge ich sabbernd am Zugfenster. In Bussen noch früher. Schlafen hat eine lange Tradition in meiner Familie, mein Vater ist der Meister des im Sitzenschlafens und ich bin sein stolzer Erbe.

Und doch interessiert mich, was mit mir passiert, wenn ich nicht schlafe. Chronischer Schlafmangel macht krank. Er begünstigt Herzkreislauferkrankungen, Depressionen und schwächt das Immunsystem. Aber als junger Mensch erscheint mir das sehr weit weg. Und so suche ich nach einer anderen Möglichkeit, die Wirkung von Schlafentzug auf meinen Körper zu objektivieren. Schlafentzug verringert die Reaktionszeit, das weiß ich (Perceptual and Motor Skills: van den Berg/Neely, 2006). Warum nicht wach bleiben und beobachten, was mit meiner Reaktionszeit geschieht? Ich spreche mit Kollegen und entschließe mich, 72 Stunden lang wach zu bleiben und fortwährend meine Reaktionszeiten zu testen. Sie sollen zum Gradmesser dafür werden, was Schlaflosigkeit mit meinem Körper anstellt.

Einige Tage später ruft mich eine meiner Chefinnen zu sich. Sie habe von meinem Selbstversuch gehört und 72 Stunden: Das gehe nicht. Es gebe Leute, die seien durch so einen Versuch langfristig aggressiv oder depressiv geworden. Meine Chefin erzählt mir die Geschichte des letzten Wachbleib-Guiness-Weltrekordhalters – aus gesundheitlichen Bedenken registriert das Rekordbuch Schlafentzug nicht mehr. Randy Gardner hatte, einfach um den Rekord zu brechen, 11 Tage nicht geschlafen. Der damals Jugendliche hatte das recht locker weggesteckt – mit über 60 konnte er aber plötzlich gar nicht mehr schlafen und lag Nacht für Nacht wach. Ob das wirklich an seinem Rekordversuch lag, lässt sich nur schwer nachweisen.

Der Ehrgeiz ist geweckt

Damit dem Arbeitsschutz genüge getan wird, einigen wir uns auf einen Kompromiss: Ich mache nur eine Nacht durch – denn das passiert ja vielen ständig. Die gute Party, die schreienden Kinder oder ein Nachtdienst im Krankenhaus. Dabei will ich meine Reaktionszeit stündlich messen. Ich benutze dafür jedes Mal dasselbe Gerät an einem ähnlichen Ort – ich will möglichst viele Einflussfaktoren ausschließen. Ich nehme den Job ernst.

Mein Ehrgeiz ist also geweckt. Um besonders fit zu sein und besonders gute Zeiten zu schaffen, gehe ich am Abend vor dem Experiment besonders früh ins Bett. Leider kann ich nicht einschlafen und so bin ich schon am Morgen des Versuches hundemüde. Draußen ist es dunkel, es regnet und ich mache verschlafen den ersten Reaktionstest. Die Ergebnisse sind schlecht: 352 Millisekunden. Ich fahre ins Büro, ein normaler Arbeitstag beginnt. Meine Reaktionszeit pendelt sich bei ungefähr 300 Millisekunden ein, weder nach dem Mittagessen (viele Kohlenhydrate) noch zum Feierabend (viele Durchhaltewünsche von Kollegen) wird sie deutlich schlechter. Ich bin fest entschlossen, wach zu bleiben.