Internationale Lungenfachärzte haben in einer gemeinsamen Stellungnahme die in Deutschland geltenden Feinstaub- und Stickoxidgrenzwerte verteidigt. Das Forum der Internationalen Lungengesellschaften (FIRS) stimme den nationalen deutschen Standards, den europäischen Standards und denen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nachdrücklich zu, heißt es in einer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Stellungnahme.

Die Expertinnen und Experten begründeten ihre Einschätzung damit, dass die Schadstoffbelastung der Luft nicht nur die Lunge, sondern auch andere Organe schädige. Zudem verschlechtere sie chronische Erkrankungen. Die Grenzwerte seien so gewählt, dass selbst für chronisch Kranke wesentliche negative Effekte auf die Gesundheit ausgeschlossen werden können. "FIRS unterstützt deshalb nachdrücklich internationale Standards. Jede Aktivität für eine saubere Luft fördert die Gesundheit", heißt es in der Stellungnahme.

Das FIRS ist ein Zusammenschluss verschiedener internationaler pneumologischer Fachverbände. Angeführt wird es derzeit von Professor Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover.  

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen sich damit explizit gegen die Einschätzung der Gruppe von mehr als 100 Lungenfachärzten, die vergangene Woche eine neue Debatte um den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen Schadstoffgrenzwerte angestoßen hatten. Die Lungenspezialisten um Dieter Köhler, den ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) sehen keine ausreichende wissenschaftliche Begründung für die aktuell geltenden Werte. Die Grenzwerte sind Grundlage für Dieselfahrverbote in mehreren deutschen Städten.

Unterdessen äußerte sich auch der Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner (BdP) kritisch zu der Debatte. Die Position der Gruppe um Köhler stehe in wesentlichen Teilen in deutlichem Widerspruch zu den von pneumologischen Fachgesellschaften und Berufsverbänden publizierten Stellungnahmen zur Relevanz von Luftschadstoffen für die Gesundheit, hieß es. Die Einwände der 106 Pneumologen – aus einer Befragung von über 4.000 Mitgliedern der DGP – repräsentierten keineswegs die Meinung der Mehrheit der deutschen Lungenärzte.

Recht auf möglichst schadstoffarme Luft

Laut einer aktuellen Onlineumfrage des Verbandes sehen mehr als drei Viertel der antwortenden Mitglieder in Stickoxiden einen Marker für schlechte Luft, der stellvertretend auch für die übrigen, oft wesentlich gefährlicheren Schadstoffe stehe. Ein Großteil der Befragten sei zudem der Ansicht, dass eine Diskussion über die Methodik von Studien nicht zu einer Bagatellisierung der Auswirkungen von Luftverschmutzung führen dürfe, teilte der BdP mit. Vielmehr müsse die umstrittene Beweislage zu verbesserten Beweisen führen.

Jeder müsse ein Recht auf möglichst schadstoffarme Luft haben, schließlich sei ein freiwilliger Verzicht, anders als etwa bei Zigaretten, nicht möglich, hieß es vom BdP weiter. "Verstörend ist es, wenn Ärzte nicht eindeutig für saubere Luft für Patienten und Gesunde eintreten."

Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) äußerte sich in der Süddeutschen Zeitung kritisch zu der Debatte über die Grenzwerte. "Es trägt nicht zur Versachlichung und erst recht nicht zur Lösung von Problemen bei, wenn wir jetzt bei jedem einzelnen Debattenbeitrag die Grenzwerte grundsätzlich infrage stellen", sagte Schulze.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hingegen hat sich dafür ausgesprochen, die Feinstaubgrenzwerte im EU-Verkehrsministerrat zu thematisieren. Der Aufruf der Lungenärzte, die die Grenzwerte in Zweifel gezogen hatten, müsse dazu führen, "dass die Umsetzung der Grenzwerte hinterfragt und gegebenenfalls verändert wird". Als Erstes müsse aber "die masochistische Debatte beendet werden, wie wir uns in Deutschland mit immer schärferen Grenzwerten selbst schaden und belasten können. Vor allem werden jetzt die Messstellen überprüft", sagte Scheuer der Bild am Sonntag.

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