Flucht und Migration wirken sich auf Körper und Psyche aus. Welche Folgen gibt es genau? Wie ist die Hilfe in Europa organisiert und was muss sich ändern? Erstmals geht ein Bericht des Europaregionalbüros der Weltgesundheitsorganisation WHO, der diesen Montag erschienen ist, systematisch der Frage nach, wie es um die Gesundheit von Migranten und Geflüchteten in Europa bestellt ist. Wir haben die wesentlichen Erkenntnisse des Berichts zusammengefasst.

Warum ist das Thema wichtig?

Zehn Prozent der Menschen in der WHO-Europaregion, die neben der EU auch Russland, Zentralasien, Osteuropa und den Balkan umfasst, sind Migranten. Das entspricht 90,7 Millionen Menschen und ist mehr als ein Drittel der Migranten und Migrantinnen weltweit. Der heute veröffentlichte WHO-Report ist der erste, der einen umfassenden Blick auf ihre Gesundheit verspricht. Und noch etwas spielt eine Rolle: Der Umgang mit Migranten wird immer mehr zum Politikum. Während es notwendig ist, über Migrationspolitik, Grenzsicherung und Fluchtursachenbekämpfung zu reden, widerspricht es den Menschenrechten, Migranten zur politischen Konkursmasse zu machen. Geflüchtete und Migranten haben ebenso ein Recht auf Gesundheit wie Menschen, die ihr Heimatland nie verlassen haben. 

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Wie wurde der Bericht erstellt?

Für den Report wurden mehr als 13.000 Dokumente der Mitgliedsländer analysiert sowie zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen. Dabei zeigten sich Probleme, die für das Forschungsfeld typisch sind: Zur Einschätzung der Gesundheit von Migrantinnen und Migranten fehlt es an weltweiten Standards und Indikatoren, um sie vergleichen zu können – und ganz generell an Daten. Viele der WHO-Euroländer sammeln keine Informationen über den Gesundheitszustand der Migranten und Geflüchteten, die bei ihnen leben. Dass die Menschen sich oftmals nicht lange an einem Ort aufhalten, erschwert es, Daten über einen längeren Zeitraum zusammenzutragen.

Ein Problem bereiten außerdem die Begrifflichkeiten. Denn es gebe, so der Bericht, keine international geltenden Definitionen von "Migrant". Vereinfacht gesagt kann man darunter alle Menschen verstehen, die innerhalb eines Landes oder über Grenzen hinweg dauerhaft umziehen. Eindeutiger ist der Begriff "Geflüchteter" definiert, nämlich als ein Mensch, der aus Angst vor Krieg oder Verfolgung aus einem Land flieht, in das er vorerst nicht zurückkehren kann.

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Sind Migranten gesünder als die Menschen in den Ländern, in denen sie ankommen?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil es von verschiedenen Faktoren abhängt. Um einige zu nennen: Wie gesund Migranten sind, hängt maßgeblich davon ab, woher sie stammen und wie sie an ihr Ziel gelangt sind, ob etwa monatelang auf der Balkanroute oder mit Visum per Flugzeug; Migranten entstammen oft anderen Ethnien, ihr genetisches Risiko und das Risiko, das sie durch den Lebensstil und die Gesundheitsversorgung in ihren Heimatländern für verschiedene Erkrankungen angesammelt haben, ist deshalb ein anderes als das der Menschen in den Zielländern; Migranten sind außerdem im Schnitt jünger – und damit tendenziell gesünder – als die Menschen in den Ländern, in denen sie ankommen.

Trotzdem lassen sich einige elementare Unterschiede beobachten:

  • Kinder, die migrieren, sind seltener geimpft, weil die Flucht oft in die Phase fällt, in der sie ihre Impfungen bekommen sollten. In Deutschland waren Migrantenkinder dreimal so häufig nicht gegen Masern geimpft wie Kinder, die hier bereits leben. Durch die mitunter schlechten Impfquoten registrierten verschiedene Länder Fälle von Erkrankungen, die hierzulande selten geworden sind. So wurden in zwölf europäischen Ländern, darunter Deutschland, zwischen 2009 und 2014 insgesamt 142 Diphtheriefälle registriert. Theoretisch, heißt es im Bericht, ist das auch ein Risiko für die Bevölkerung der Länder, in denen die Migrantinnen und Migranten ankamen. Trotzdem hat der Großteil der WHO-Euroländer keine speziellen Impfprogramme für Geflüchtete, auch Deutschland nicht. Doch: Je länger Menschen bleiben, desto mehr gleichen sich die Impfquoten an.
  • Die Sterberate von Migrantinnen und Migranten ist im Allgemeinen niedriger als die der Menschen, die aus dem Land stammt. Das dürfte unter anderem mit dem Alter der Migranten zu tun haben. Schaut man sich die Sterblichkeit durch einzelne Erkrankungen an, fällt auf, dass Migranten seltener an Krebs, Unfällen, Darmerkrankungen, Stoffwechselstörungen wie Diabetes, aber häufiger an Blutkrankheiten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben. An Infektionen starben sie sogar zwei- bis viereinhalbmal so oft.
  • In EU-Staaten entfällt ein überproportional großer Teil der neu diagnostizierten Tuberkulosefälle – ungefähr ein Drittel – auf Menschen, die in anderen Ländern geboren wurden. In Deutschland ist der Anteil noch deutlich höher, er liegt bei ungefähr drei Vierteln, auch wenn die absolute Zahl neuer Diagnosen mit knapp 5.500 recht überschaubar ist (Robert Koch-Institut, 2018). Schaut man sich die gesamte WHO-Euroregion, also auch Russland, den Balkan und Osteuropa an, verschwindet der Effekt weitestgehend.
  • Ähnliches scheint für HIV zu gelten. 40 Prozent der neuen Fälle in der EU entfallen auf Migranten. Eines der Probleme ist, dass Migrantinnen tendenziell spät diagnostiziert werden, was der Bericht kritisiert. Das ist schlecht für ihre Gesundheit, denn je später die Therapie begonnen wird, desto stärker hat das Immunsystem der Infizierten bereits gelitten. Problematisch ist es auch für die öffentliche Gesundheit: Wer nicht behandelt wird, steckt öfter andere mit HIV an.
  • Geflüchtete und Asylbewerber leiden häufiger unter Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Der Bericht bezieht sich dabei unter anderem auf eine ältere Metastudie, die berichtet, dass bis zu neun Prozent der Geflüchteten in westlichen Ländern unter PTBS litten – zehnmal so viele wie in der Grundbevölkerung (Lancet: Fazel et al., 2005). Außerdem zeigt sich, dass geflüchtete Menschen, die besonders lange auf einen Asylbescheid warten müssen und unter schlechten sozioökonomischen Bedingungen leben, häufiger Angststörungen und Depressionen entwickeln. Das deckt sich weitestgehend mit dem, was auch aus Deutschland berichtet wird. Hierzulande leidet womöglich mehr als jeder fünfte Geflüchtete unter einer psychischen Erkrankung.
  • Besonders betroffen von psychischen Problemen sind Flüchtlingskinder und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (European Child & Adolescent Psychiatry: Belhadj et al., 2014). Letztere sind nicht nur oft traumatisiert, depressiv und haben eine Angststörung, sondern sind besonders gefährdet, entführt, ausgebeutet und zum Opfer von Menschenhandel zu werden.
  • Die Studienautoren weisen darauf hin, dass Flüchtlinge häufig während ihrer Flucht und auch nach der Ankunft Opfer von sexueller Gewalt werden. Das gelte nicht nur für Frauen, sondern auch für Kinder und Männer. Auch die Genitalverstümmelung sei ein wichtiges Thema. Was auffällt: Je länger Migrantinnen und Migranten hier leben, desto häufiger sind die ohnehin wenigen, die einmal dafür waren, gegen die Praxis.

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Wie gut wird den Migranten geholfen?

Hier kommt der Bericht zu keinem eindeutigen Ergebnis: Je nachdem, in welchem Land sie am Ende ankommen, würden die Migranten besser oder schlechter versorgt, heißt es. Die Autorinnen und Autoren betonen: "Zwar wurden die besonderen Gesundheitsbedürfnisse von Geflüchteten und Migranten zunehmend anerkannt, gleichzeitig wurden aber in bestimmten Mitgliedsländern politische Maßnahmen durchgesetzt, die ihr Recht auf Gesundheit einschränken." Dort, wo Flüchtlinge nicht in die Regelversorgung aufgenommen werden, kümmern sich oftmals Nichtregierungsorganisationen um ihre Gesundheit.

Auch in Deutschland, kann man argumentieren, gelten solche Beschränkungen – ein Umstand, der immer wieder kritisiert wird. Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht nämlich vor, dass Asylbewerber in den ersten 15 Monaten nur bei "akuten Krankheiten und Schmerzzuständen" behandelt werden. Andere Leistungen solle es nur "im Einzelfall zur Sicherung des Lebensunterhalts oder der Gesundheit" geben. In vielen Bundesländern wird das zwar anders gehandhabt und viele Asylbewerber in Deutschland werden recht gut versorgt. Trotzdem stehen ihnen laut Studien weniger Leistungen zu als anerkannten Flüchtlingen oder Hartz-IV-Empfängern (Global Social Policy: Razum & Bozorgmehr, 2016). Dass auch hierzulande Nichtregierungsorganisationen helfen, Geflüchtete zu versorgen, ist deshalb dringend notwendig.

Der Bericht benennt aber noch andere typische Hürden für eine gute Gesundheitsversorgung in Europa:

  • Fehlendes Wissen darüber, wie und wo sich Geflüchtete registrieren müssen und was ihnen überhaupt zusteht. Es heißt im WHO-Report, für viele Migranten sei es schwerer, sich durch die Regularien der Gesundheitsversorgung zu manövrieren, als eine Steuererklärung zu machen.
  • ein eklatanter Mangel an Übersetzerinnen und Übersetzern und Rechtsbeistand
  • Angst vor teuren Arzt- und Krankenhausrechnungen
  • Sorge, den Behörden gemeldet und danach abgeschoben zu werden – vor allem bei Menschen mit unklarem Status
  • vielerorts ein großer Mangel an Ressourcen, zum Beispiel bei Untersuchungen und Screenings direkt nach der Ankunft der Migranten

Besonders schlecht stünden Menschen da, die zum Beispiel aufgrund drohender Abschiebung, teilweise aber auch ohne zwingenden Grund, inhaftiert werden. Und das seien viel zu viele, kritisiert der Bericht. Geflüchtete einzusperren, teilweise in Lagern, sei noch immer gängige Praxis, obwohl europäisches Recht vorsehe, dass es die Ultima Ratio sein soll, heißt es, und weiter: "Eine Inhaftierung hat bekanntlichermaßen einen negativen Effekt auf die Gesundheit, vor allem für vulnerable Gruppen wie Kinder, und die Gesundheitsversorgung während der Internierung ist sehr beschränkt."

Auch Diskriminierung sei ein Problem. Diese sei – auch in Deutschland – häufig und führe zu Stress, der wiederum körperliche und psychische Probleme mit sich bringen könne (Psychological Bulletin: Pascoe & Richman, 2009).

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Was muss anders werden?

Bereits 2016, also kurz nachdem rund 890.000 Menschen nach Deutschland gekommen waren, legte die WHO Europa – nach Beratung mit den Mitgliedsstaaten – einen Plan für die Versorgung vor. Zentraler Punkt ist ein verstärktes Screening, das nicht stigmatisierend und diskriminierend ist. Damit ließen sich beispielsweise feststellen:

  • akute Infektionen wie Durchfallerkrankungen oder Augeninfektionen
  • Tuberkulose und andere Erkrankungen, die, weil sie ansteckend sind, für die öffentliche Gesundheit von Bedeutung sind
  • Krankheiten, denen durch Impfungen vorgebeugt werden kann, wie Diphtherie oder Masern
  • Hauterkrankungen
  • Schwangerschaftsprobleme
  • Folgen psychischer oder körperlicher Gewalt
  • psychische Krankheiten wie eine Posttraumatische Belastungsstörung oder Depression

Außerdem sollen Notfallpläne für die Ankunft einer großen Menge an Flüchtlingen erarbeitet werden, die Mitgliedsstaaten sollen ihre Gesundheitssysteme stärken und besser auf Geflüchtete ausrichten, zum Beispiel mit Dolmetschern und Mediatorinnen, die geschult darin sind, interkulturelle Konflikte zu lösen. Außerdem sollen bessere Daten über den Gesundheitsstatus von Migranten gesammelt und mit der WHO geteilt werden.

Der momentan vielleicht wichtigste Punkt des Aktionsplans aber ist wie folgt überschrieben: "Strategisches Handlungsfeld 2: Eintreten für das Recht von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten auf Gesundheit". Das betrifft Ärztinnen und Helfer, Wissenschaftlerinnen und Politiker sowie die Gesellschaft gleichermaßen.

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