Stellen Sie sich vor, Ihre Mutter, Ihre Frau oder Ihre Schwester sagt an einem Samstagnachmittag auf einmal, sie fühle sich ganz komisch, irgendwie zittrig. Ihr sei übel, sie bekomme schlecht Luft, habe starke Bauchschmerzen. Sie will erst nicht ins Krankenhaus. Dann bringen Sie sie doch in die überfüllte Notaufnahme. Der Arzt stellt ein paar Fragen, verschreibt Ruhe und Tabletten gegen die Übelkeit: Kommen Sie wieder, wenn es nicht besser wird.

Nachts findet die Kranke keinen Schlaf. Also fahren Sie frühmorgens wieder mit ihr zum Krankenhaus. Die Ärztin, die jetzt Dienst hat, ist sofort besorgt: Der Blutdruck ist viel zu hoch. Hastig werden EKG-Elektroden aufgeklebt. Der Verdacht der Ärztin bestätigt sich: ein Herzinfarkt.

Diese Situation ist fiktiv, natürlich. Sie könnte aber genau so passiert sein. Denn nach einem Herzinfarkt, das zeigen Daten aus den USA, sterben Frauen noch immer häufiger als Männer (AHA Scientifc Statements: Mehta et al., 2016). Die Sterblichkeit hängt noch dazu davon ab, wer sie behandelt. Werden Frauen – das zeigt eine kürzlich erschienene Studie – von einer Ärztin behandelt, überleben sie deutlich häufiger (PNAS: Greenwood et al., 2018).

Der Mann galt bis vor Kurzem als Standard

Wenn ein Mann in die Notaufnahme kommt und über stechende Schmerzen in der Brust klagt, ist sofort klar: Er schwebt in Lebensgefahr. Frauen jedoch sprechen zunächst oft eher von unspezifischen Beschwerden. "Erst auf Nachfrage bestätigen viele Patientinnen dann ein Druck- oder Engegefühl in der Brust", sagt die Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek, die an der Charité Berlin das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin leitet.

"Der Herzinfarkt wird gerne als eindrückliches Beispiel genommen: Wenn der Arzt oder die Ärztin den Unterschied der Symptome zwischen Mann und Frau nicht beachtet, stirbt ein Mensch", sagt Vera Regitz-Zagrosek. "Aber es gibt in allen Bereichen der Medizin Beispiele dafür, dass eine geschlechterspezifische Behandlung wichtig wäre – und nicht der Standard ist."

Bis vor Kurzem galt der Mann als Standard. Die Medizin machte sich wenig Mühe, in ihre Studien ausdrücklich Frauen einzuschließen. Nachdem in den Sechzigerjahren Tausende Frauen, die in der Schwangerschaft das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan genommen hatten, Kinder mit Fehlbildungen zur Welt gebracht hatten, wurden Frauen gar kategorisch von klinischen Medikamentenstudien ausgeschlossen. Zu groß war die Angst, sie könnten während der Studie schwanger werden und ein Kind mit Behinderung zur Welt bringen. Doch Anfang der Neunzigerjahre häuften sich Berichte, dass Medikamente bei Patientinnen anders wirken als bei Patienten, zum Beispiel Aspirin (Thrombosis Research: Buchanan et al., 1983). Zudem zeigten Studien, dass etwa Frauen mit Herzerkrankungen im Krankenhaus nicht genauso gut behandelt wurden wie Männer (New England Journal of Medicine: Steingart et al., 1991). 1994 ruderte man deshalb zurück: Erstmals wurden in den USA medizinische Richtlinien veröffentlicht, die verlangten, auch weibliche Probandinnen in klinischen Studien zu testen.