Die Diagnose Krebs ist für jeden Menschen ein Schock. Ab sofort ist das Leben geprägt von der Angst vor dem Tod. Und der Alltag weicht Aufenthalten im Krankenhaus – mit Operationen und der Einnahme von starken Medikamenten mit oft vielen Nebenwirkungen. Krebs ist die Krankheit, vor der sich die Deutschen am meisten fürchten (forsa-Umfrage, PDF). Und sie scheint immer mehr Menschen zu treffen. "Eine komplett krebsfreie Familie", sagte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach in einem Interview mit der ZEIT, "wird in Zukunft die Ausnahme sein." Etwas, das auch Ulrich Keilholz, Direktor des Charité Comprehensive Cancer Center in Berlin bestätigt: "Krebs ist den meisten viel gegenwärtiger als früher."

Bestätigen das die Statistiken? Tatsächlich steigt die Zahl der Krebsneuerkrankungen pro Jahr. Lag sie 1999 in Deutschland noch bei unter 400.000, waren 2014 475.000 Menschen betroffen, schätzt das Robert Koch-Institut. Und im Jahr 2030, prognostiziert das Deutsche Krebsforschungszentrum, könnten es 600.000 sein.

Allerdings sind solche Statistiken mit Vorsicht zu betrachten. Denn je älter ein Mensch ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass er an Krebs erkrankt. Um die Entwicklung der Krebszahlen zu verstehen, muss man das  berücksichtigen, am besten indem man verschiedenen Krebserkrankungen in einer statistischen Analyse mehr oder weniger Gewicht zurechnet. Das nennt sich Altersstandardisierung und erlaubt, Krebsraten zwischen verschiedenen Altersgruppen oder zu verschiedenen Zeiten zu vergleichen. Weil Deutschland altert, nimmt die absolute Zahl der Krebsneuerkrankungen zu, die altersstandardisierte Rate aber seit Jahren ab. Nehmen wir das Beispiel Prostatakrebs: Rechnet man die Überalterung der Deutschen heraus, sterben statistisch gesehen immer weniger Menschen an dieser Tumorart. Doch weil es so viele alte Menschen gibt, sterben doppelt so viele Männer an Prostatakrebs als vor 40 Jahren (Zentrum für Krebsregisterdaten, Barnes et al., 2016, PDF).

Krebs nimmt zu, wenn der Mensch anderes überlebt

In seinem Buch Der König aller Krankheiten. Krebs – eine Biografie beschreibt der Onkologe Siddhartha Mukherjee, wie Krebs in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung gewann: Infektionen wie Tuberkulose, Pocken und Typhus konnten nun durch Hygiene verhindert und mit Antibiotika behandelt werden, sodass Patienten länger lebten. Ein Effekt, den der medizinische Fortschritt verstärkt, zum Beispiel durch Impfungen und durch den jüngsten Rückgang von Schlaganfällen und Herzinfarkten, an denen heute nur noch halb so viele Menschen sterben wie noch 1990 (Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, 2017, PDF). Und wenn mehr Menschen viele Erkrankungen gar nicht erst bekommen oder sie überleben, können später mehr an Krebs erkranken. Indessen gehe der medizinische Fortschritt auch in der Onkologie nicht langsamer voran als in anderen Bereichen, sagt der Arzt und Epidemiologe Volker Arndt vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Aber es gebe ja nicht den einen Krebs, "sondern viele verschiedene Tumorerkrankungen. Die neuen zielgerichteten Therapien greifen in spezifische Stoffwechselprozesse unterschiedlicher Tumore ein." So gebe es zwar viele einzelne Erfolge, aber keinen allgemeinen Durchbruch in der Krebsforschung.

Das Auftreten unterschiedlicher Krebsarten hängt überdies von mannigfaltigen Faktoren ab, die nicht immer klar sind. Bei Leukämien wissen Wissenschaftler nicht, warum sie mittlerweile immer häufiger vorkommen. Die Zunahme von Lungenkrebsfällen ist hingegen vor allem durch das Rauchverhalten der Frauen zu erklären. So nahm, während die Zahl der rauchenden Männer längst abnahm, die Zahl der rauchenden Frauen in den späten Neunzigern und den frühen Zweitausendern noch einmal deutlich zu. Trotz Überalterung der Deutschen gibt es jedoch nicht bei allen Krebsarten mehr Erkrankungen als früher. An Darmkrebs erkranken weniger Menschen, seit mithilfe von Darmspiegelungen Vorstufen des Tumors gefunden und behandelt werden können (ganzer Absatz: Zentrum für Krebsregisterdaten, Barnes et al., 2016, PDF).