Im Januar und Februar tourte Dieter Köhler durch deutsche Talkshows und Fernsehsendungen. Mitunter unwidersprochen verbreitete er wochenlang eine These, die konservativen Verkehrspolitikern und der Autolobby wie ein Gottesgeschenk vorgekommen sein müssen: Es gebe keine "wissenschaftliche Begründung" für die geltenden Feinstaub- und Stickoxidgrenzwerte. Rund 100 Lungenärzte – und ein ehemaliger Daimler-Motorenentwickler unterstützten ihn. Wissenschaftler, die anderer Ansicht waren, bezeichnete er mit verschwörerischem Unterton als Angehörige einer mächtigen Gruppe, die so lange rechneten, bis sie die gewünschten Ergebnisse bekommen.

Nun stellt sich heraus: Köhler hat sich verrechnet. Mehrfach. Das gab der emeritierte Professor für Lungenheilkunde gegenüber der taz.die tageszeitung zu. Und anstatt sich nun von seinen Positionen zu verabschieden oder zumindest zerknirscht zu sein, so berichtet es die taz, lobte er den Reporter: "Sie hängen sich ja richtig rein." Dabei hatte der das gemacht, was eigentlich Köhlers Aufgabe gewesen wäre: vorsichtshalber lieber dreimal nachrechnen (etwas, das auch der Autor dieses Artikels frühzeitig hätte machen sollen, weil die Daten nicht in einem geprüften Fachmagazin erschienen sind).

Eines der Mantras Köhlers war, dass Raucher (eine Packung/Tag) durch Zigaretten in weniger als zwei Monaten die gleiche Dosis Stickoxid (NOx) aufnehmen wie Nichtraucher in einem ganzen Leben. Wäre NOx also wirklich so schädlich, sagte Köhler, müsste ein Raucher nach dem anderen tot umfallen. Nur stimmt das nicht. Denn die Menge NOx, die Menschen, die normal verschmutzte Luft atmen, in 80 Jahren zu sich nehmen, ist viel höher. Sie entspricht, wie die taz vorrechnet, je nach Vorannahme der von sechs bis 32 Jahren Rauchen.

Köhler hat sich niemals wirklich wissenschaftlich und längerfristig mit der Wirkung oder Epidemiologie von Luftschadstoffen beschäftigt. Von Anfang an war er fachlich isoliert – das zeigen die vielen Entgegnungen nationaler und internationaler Experten und der Fakt, dass von den knapp 4.000 Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie gerade einmal gut 100 sein Pamphlet unterzeichnen wollten. Der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene und Professor am Public Health Institut in Basel, Nino Künzli, beispielsweise sagte schon im Januar, das Positionspapier entbehre "jeglicher wissenschaftlicher Grundlage und argumentativer Kohärenz". Den Verfassern fehle die "Einsicht über die Grenzen der eigenen Kompetenzen". 

Ein Professor, der seinen Titel missbraucht

Köhlers Position war von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern also schon hinreichend widerlegt. Der Umstand aber, dass er sich auch noch mehrfach verrechnet hat, ist so absurd wie schockierend. Denn er zeigt, dass Köhler die große Bühne suchte, ohne seine eigene Datengrundlage auch nur ansatzweise zu überprüfen. Darauf angesprochen, sagte er der taz, er sei nun einmal verrentet, ganz allein und habe keine Sekretärin, die die Zahlen hätte prüfen können. Für jede Wissenschaftlerin und jeden Wissenschaftler, der nach der Wahrheit sucht und ordentlich seine oder ihre Arbeit macht, muss das ein Schlag ins Gesicht sein. Wissenschaft lebt von absoluter Genauigkeit.

Dieter Köhler war im Januar zu Gast bei Anne Will im Ersten Deutschen Fernsehen. © Jürgen Heinrich/imago

Die Episode darf wütend machen. Köhler hat seine Autorität missbraucht. Wäre er nicht der "Lungenarzt" und "Professor", der er ist, wer hätte ihm dann schon zugehört. Die meisten Bürgerinnen und Bürger können nicht zwischen einem echten Experten und jemandem wie Köhler unterscheiden. Es ist auch nicht ihre Aufgabe. Sie sollten sich daher darauf verlassen können, dass Menschen, die einen Professorentitel tragen, sich der Verantwortung dieser Rolle bewusst sind – wie meistens der Fall.

Professoren verkörpern die Wissenschaft. Wenn sie wie Köhler traditionelle wissenschaftliche Wege umgehen – etwa Fachzeitschriften, in denen ihre Argumente von Kollegen geprüft werden, bevor sie veröffentlicht werden –, ohne ernsthafte Grundlage Paradigmen und dabei auch noch die Seriosität anderer Wissenschaftler infrage stellen, richten sie schweren Schaden an. Sie schaden dem Ansehen der Wissenschaft und all denen, die ernsthaft nach Erkenntnis streben. Sie schwächen das Vertrauen in die Wissenschaft und damit einen wichtigen Teil des Fundaments unserer Gesellschaft.  

Wem das hilft? Nur denen, die die Wissenschaft als politisches Instrument missbrauchen wollen. Leuten, die behaupten, dass die Wahrheit immer eine Frage der Sichtweise ist. Köhler hat es ihnen mit seiner Verantwortungslosigkeit leichter gemacht.

Ausführliche Informationen zum Thema Dieselabgase, Feinstaub und Fahrverbote finden Sie auf unserer Themenseite. Wie viele Lebensjahre Luftverschmutzung in Deutschland jährlich kostet, können Sie hier erfahren. Warum der Vorstoß der Lungenärzte um Dieter Köhler die Grenzwertdebatte politisiert hat, lesen Sie hier. Wieso ein pensionierter Lungenarzt so viel Verwirrung stiften konnte, erfahren Sie hier.