Gehört die Frage, wann eine Schwangere ihr Kind austrägt und wie Ärzte Frauen in Not helfen dürfen, ins Strafgesetzbuch? Schützt das bestehende Gesetz das ungeborene Leben genug? Der Streit um diese Fragen wird weitergehen. Auch wenn der Bundestag am Mittwoch den nun gefundenen Kompromiss der Koalition zu Paragraf 219a StGB wie geplant verabschiedet. Der sieht vor, dass Ärzte, die Abbrüche vornehmen, darüber künftig straffrei informieren dürfen. Details zu Kosten, Methoden und Risiken sollen nur offizielle Stellen bereitstellen dürfen.

Und noch etwas steht in dem von der Koalition ausgehandelten Gesetzentwurf: Eine Studie im Auftrag der Regierung (siehe Infobox) soll erforschen, welche Auswirkungen Schwangerschaftsabbrüche auf die Psyche betroffener Frauen haben. Dafür hat das Kabinett dem Gesundheitsministerium bis zum Jahr 2023 bereits fünf Millionen Euro bewilligt – über den normalen Haushalt des Ministeriums hinaus. Während Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine neue umfassende Studie für unabdingbar hält, bezeichnen andere sie als unnötig. Schließlich werde dazu seit Jahren geforscht, psychische Probleme nach einem Abbruch seien demnach auch stark auf die Stigmatisierung der Frauen zurückzuführen, sagte etwa Familienministerin Franziska Giffey (SPD). Wie sinnvoll ist es also aus Sicht von Wissenschaftlerinnen und angesichts der bestehenden Studienlage, so viel Geld für weitere Forschung auszugeben? Und wenn, wie müsste sie aussehen?

Es gibt viele Studien, aber auch viele schlechte

Richtig ist: Seit Jahrzehnten gehen Forscherinnen und Forscher weltweit den Ursachen und Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen nach. Eine der bekanntesten und häufig zitierten Metaanalysen veröffentlichte die Psychologin Priscilla Coleman im Jahr 2011 im British Journal of Psychiatry. In diese Auswertung aus Großbritannien flossen Daten von 877.181 Patientinnen ein, von denen 163.831 einen Abbruch erlebt hatten.

Allerdings kritisiert das National Collaborating Centre for Mental Health (NCCMH) – eine Arbeitsgruppe des Royal College of Psychiatrists und des University College London, die Forschungsleitlinien formuliert und Studien prüft –, dass hier auch zweifelhafte Arbeiten berücksichtigt wurden. Aufbau und Fragestellung seien in einigen der herangezogenen Studien mangelhaft. Zudem sei nicht untersucht worden, ob die Frauen vorher schon psychische Probleme hatten. Dabei wäre genau das wichtig gewesen, um zwischen einem direkten Einfluss des Schwangerschaftsabbruchs und einer allgemeinen Neigung, etwa zu Angststörungen oder Depressionen, zu unterscheiden.

Die Fachleute des NCCMH sind sogar der Auffassung, dass sich aus einer vorherigen psychischen Krankheit am besten vorhersagen lässt, ob Frauen nach einem Abbruch psychische Probleme bekommen werden. Im Gegensatz zu den körperlichen Risiken gäbe es "weniger Gewissheit, wie sich der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft auf die mentale Gesundheit auswirkt", schreiben sie (Academy of Medical Royal Colleges: Cantwell et al., 2011).

Sowohl bei der Art der Fragestellung als auch bei der Zusammenstellung der Gruppen weisen eine ganze Reihe von Studien Mängel auf, die an der Aussagekraft der Ergebnisse zweifeln lassen. So wurden zum Teil Gesundheitsdaten von Frauen mitberücksichtigt, die sich gegen ihr Ungeborenes entschieden hatten, nachdem Ärzte im Rahmen der Pränataldiagnostik eine wahrscheinliche Erkrankung oder Behinderung beim Fötus festgestellt hatten – etwa einen genetischen Defekt. Nun ist es aber ein großer Unterschied, ob eine Frau nach so einer schwerwiegenden Diagnose einen Abbruch vornehmen lässt oder ein voraussichtlich gesundes Kind nicht bekommt, weil sie ungewollt schwanger geworden war.

Vor diesem Hintergrund lässt sich also festhalten: Weitere Forschung, die all dies systematisch berücksichtigt, wäre sinnvoll.

Die Fragestellung darf nicht tendenziös sein

Eine neue Studie – oder eine Kombination aus mehreren – müsste sauber geplant und langfristig durchgeführt werden und versuchen, Folgendes zu beantworten: Welche Frauen bekommen nach einem Schwangerschaftsabbruch seelische Probleme? Wie entscheidend sind psychische Vorerkrankungen, wie wichtig ist die Lebenssituation? Wie wirkt sich die Stigmatisierung aus? Und wie lassen sich Frauen, die eine Schwangerschaft abgebrochen haben, am besten unterstützen?

Ob die vom Ministerium geplante Studie das so leisten wird, ist unklar. Gesundheitsminister Spahn will nach eigenen Angaben etwas erforschen lassen, das es laut wissenschaftlichem Konsens gar nicht gibt: das Post-Abortion-Syndrom. Dieser Ausdruck suggeriert, Frauen hätten nach einem Abbruch regelhaft zahlreiche Symptome, darunter auch psychische Probleme. So eine Annahme wäre bereits tendenziös – zunächst einmal müsste erfasst werden, woran Frauen im Einzelnen nach Abbrüchen leiden, was selten, was häufig und was in Kombination auftritt. Generell wäre es einseitig, nur der Frage nachzugehen, wie traumatisierend ein Abbruch für das weitere Leben einer Frau ist – wenn man dies nicht mit den möglichen seelischen Folgen der anderen Optionen vergleicht: etwa der Belastung, die entstehen kann, wenn ein ungewolltes Kind zur Welt kommt.

Auch braucht es keine weitere Studie, die herausfinden soll, wie sich Frauen direkt nach einem Abbruch fühlen, weil das weitgehend bekannt ist. Ein Beispiel: Forscherinnen, die dies für das Familienplanungszentrum Hamburg bereits untersucht haben. Ihr Fazit: Die meisten Frauen waren "traurig und befreit zugleich".