Die besseren unter den bereits durchgeführten Studien kommen zu dem vorläufigen Schluss: Der größte Stressfaktor für die psychische Gesundheit von Frauen ist die ungewollte Schwangerschaft als solche. So schreiben es die Autoren des NCCMH nach gründlicher Auswertung. Frauen, die sie beenden, scheint ein Abbruch nicht stärker zuzusetzen als solchen, die das Kind bekommen. 

Druck von außen hat negative Folgen

Zu beachten sei allerdings, dass Frauen, die Schwangerschaftsabbrüche kritisch sehen und dennoch durchführen lassen, wiederum eher zu späteren psychischen Problemen neigen als andere. Ebenso Frauen, die von ihren Männern dazu gedrängt werden. Das wiederum zeigt: Der Druck von anderen setzt Frauen in dieser Belastungssituation zusätzlich zu.

Ausschlaggebend für dieses Fazit sind vor allem drei Arbeiten aus Großbritannien und Dänemark. Bereits vor knapp 25 Jahren hatten Psychiaterinnen und Psychiater in einer Untersuchung mit mehr als 13.000 Frauen, die ungewollt schwanger wurden, festgestellt, dass die, die abgetrieben hatten, später nicht öfter psychische Probleme bekamen als die, die sich für das Kind entschieden (The British Journal of Psychiatry: Gilchrist et al., 1995). Andere Forscherinnen und Forscher kamen 2008 und 2011 zu demselben Ergebnis, ebenso ein dänisches Wissenschaftlerteam (Contraception: Charles et al., 2008; American Psychological Association: Major et al., 2011; New England Journal of Medicine: Munk-Olsen et al., 2011).

Gleichzeitig sehen alle Beteiligten weiteren Forschungsbedarf. Das Team des NCCMH fordert unter anderem explizit Langzeituntersuchungen, weil viele der bisherigen Studien den Zustand von Frauen nur kurz nach dem Abbruch untersucht haben.

Wie belastend ist es, das ungewollte Kind zu bekommen?

Zugleich fehlt Grundsätzliches. Wer hinterfragt, welche psychischen Folgen ein Schwangerschaftsabbruch haben kann, darf eine wesentliche Frage nicht außer Acht lassen: Wie belastend ist es für die Mutter, das Baby zu bekommen?

Bisherige Forschung deutet darauf hin, dass Frauen, die ungewollt einen Sohn oder eine Tochter zur Welt bringen, anschließend öfter sozioökonomische Probleme haben als solche, die einen Abbruch vornehmen lassen. Sie leben beispielsweise häufiger in Armut, wie Daten aus der sogenannten Turnaway-Studie zeigen. Die beteiligten Forscherinnen befragten dazu rund 1.000 Frauen in den USA, die einen Abbruch in einem von 21 Zentren geplant hatten. Einige ließen ihn durchführen, anderen wurde er verweigert, weil der dafür zulässige Termin überschritten war. Für die Studie wurden all diese Frauen direkt acht Tage später befragt als auch über fünf Jahre lang hinweg regelmäßig. Nicht nur den Frauen, denen ein Abbruch versagt blieb, ging es im Vergleich schlechter, auch auf ihre Kinder wirkte sich die ungewollte Geburt ihrer Mütter negativ aus (The Journal of Pediatrics: Foster et al., 2019, PDF).

Eine der wichtigsten Erkenntnisse auch aus dieser Studie: Wie es Frauen nach einer ungewollten Schwangerschaft geht, hängt stark davon ab, welche Unterstützung sie seelisch und praktisch bekommen. Und zwar egal, für welchen Weg sie sich letztlich entscheiden. Wenn nun also fünf Millionen Euro für die weitere Erforschung solcher Fragen ausgegeben werden, sollte eine der Hauptfragestellungen sein: Wie sieht optimale Unterstützung für Frauen aus, die ungewollt oder in einer schweren Lebenssituation ein Kind erwarten? Und wie lassen sich psychische Traumata minimieren – für diejenigen, die einen Abbruch wählen, und für diejenigen, die das Kind zur Welt bringen?

Sie sind schwanger, haben deswegen Ängste und Sorgen und wollen sich beraten lassen? Verschiedene Stellen unterstützen Frauen zu Beginn einer Schwangerschaft sowie nach einem Schwangerschaftsabbruch. Kostenlose Hilfe bieten etwa Pro Familia, Verbänden wie Donum Vitae, der Humanistische Verband Deutschland oder die Caritas. In diesem Übersichtsartikel erfahren Sie, bis zu welchem Monat ein Abbruch erlaubt ist, wie ein Schwangerschaftsabbruch abläuft, wie sich die Verfahren unterscheiden und welche Risiken es gibt.