Die Folgen des Passivtrinkens für Babys werden unterschätzt. Im Fachmagazin "BMC Medicine" berichteten Forscher kürzlich, dass jährlich in Deutschland weiterhin Tausende Neugeborene mit einer Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) zur Welt kommen. Darunter knapp 3.000 mit einem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS), der vollen Ausprägung der Störung. Heike Wolter behandelt als Kinder- und Jugendpsychiaterin am Sozialpädiatrischen Zentrum der Jugendpsychiatrie der Berliner Charité solche Kinder.

ZEIT ONLINE: Frau Wolter, dass Alkohol Ungeborene schädigt, weiß doch jeder, oder nicht?

Heike Wolter: Das sollte man meinen, wobei sich einige Mythen halten. Von Eltern höre ich immer wieder: "Na ja, der Gynäkologe hat gesagt, ab und zu ein Glas schade nicht."

ZEIT ONLINE: Warum ist Alkohol für das Ungeborene so schädlich?

Wolter: Das größte Problem ist, dass das Gehirn während seiner Entwicklung geschädigt wird. Über welche Mechanismen das genau passiert, weiß man noch nicht, aber es gibt Hinweise, dass die Vernetzung der Nervenzellen sowie die Zellteilung gestört sind.

ZEIT ONLINE: Und wie gelangt der Alkohol in den Kreislauf des Babys?

Wolter: Über das mütterliche Blut – also über die Plazenta und über die Nabelschnur. Das Ungeborene ist also mindestens dem Alkoholwert ausgesetzt, den die Mutter im Blut hat – mit dem Nachteil, dass der Organismus des Ungeborenen den Alkohol nicht selber abbauen kann. Dadurch ist das Baby im Bauch der Alkoholkonzentration wesentlich länger ausgesetzt.

ZEIT ONLINE: Wenn Kinder sichtbare oder spürbare Schädigungen infolge von Alkohol während der Schwangerschaft ihrer Mütter haben, sprechen Medizinerinnen und Mediziner von einer Fetalen Alkoholspektrumstörung mit der englischen Abkürzung FASD. Was zählt alles dazu?

Wolter: FASD ist der medizinische Oberbegriff, der die verschiedenen Diagnosen umfasst. Liegt das volle Krankheitsbild vor, spricht man vom Fetalen Alkoholsyndrom (FAS). Zu dessen Merkmalen zählen nicht nur Einschränkungen bei der Konzentration, dem Gedächtnis und der Lernfähigkeit der Kinder, sondern äußere Stigmata wie Wachstumsstörungen und Auffälligkeiten im Gesicht, etwa eine schmale Oberlippe, ein verstrichenes Philtrum – das ist die Falte über der Oberlippe – und verkürzte Lidspalten.

ZEIT ONLINE: Und in Abgrenzung dazu?

Wolter: Davon unterscheiden Medizinerinnen und Mediziner das Partielle Fetale Alkoholsyndrom (PFAS), zu dem teilweise erkennbare sichtbare Fehlbildungen und beeinträchtigte kognitive Fähigkeiten gehören. Wenn Menschen keine äußerlichen Auffälligkeiten zeigen, aber unter strukturellen oder funktionellen Beeinträchtigungen des Gehirns leiden, spricht man von alkoholbedingten entwicklungsneurologischen Schädigungen, auf Englisch Alcohol-Related Neurodevelopmental Disorder (ARND).

ZEIT ONLINE: Nun sagen einige Mütter: Ja, auch ich habe mal ein Glas Wein getrunken, als ich schwanger war, und mein Baby ist gesund. Wovon hängt es also ab, ob wirklich eine Schädigung eintritt?

Wolter: Das ist nicht abschließend erforscht. Sicher ist aber, dass auch genetische Voraussetzungen des Ungeborenen eine Rolle spielen. Es gibt unter Zwillingen Fälle, in denen der eine stärker betroffen ist als der andere, obwohl sie im Mutterleib derselben Menge Alkohol ausgesetzt waren. Und es gibt Kinder von Müttern, die getrunken haben, die nach der Geburt keine Auffälligkeiten zeigen – oder zumindest keine, mit denen die Eltern ärztlichen Rat suchen. Diese Fälle sind auch für die Forschung nicht dokumentiert. Vorsorglich empfehlen wir ganz generell: Kein Alkohol in der Schwangerschaft!

ZEIT ONLINE: Nimmt der Grad der Schädigung denn mit der Menge an Alkohol zu?

Wolter: Man kann davon ausgehen: Je mehr getrunken wird, desto größer die Schädigung. Meist sind die Angaben dazu, wie viel Mütter wann getrunken haben, aber ungenau. Sie können sich oft nicht genau an die Mengen erinnern oder daran, wie oft sie etwas getrunken haben.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt der Zeitpunkt der Schwangerschaft?

Wolter: Gerade zu Beginn ist der Embryo für Fehlbildungen besonders empfindlich – obwohl zu beachten ist, dass die Menge und Häufigkeit des Alkoholkonsums eine wichtigere Rolle spielt. Egal zu welchem Zeitpunkt: Man sollte Schwangere stets dabei unterstützen, nicht zu trinken.

ZEIT ONLINE: Regelmäßig ein Gläschen oder einmalig ein Vollrausch – macht das am Ende einen Unterschied?

Wolter: Es gibt Hinweise, dass ein plötzlicher, sehr starker Anstieg an Alkohol im Blut der Schwangeren schädigender ist als geringe Mengen über einen längeren Zeitraum. Beim Thema Alkohol in der Schwangerschaft wird immer wieder gefragt: Wie viel darf man trinken, ohne das Ungeborene zu schädigen? Bei anderen Substanzen, die das Ungeborene schädigen, sind wir viel strenger. Niemand würde fragen, wie viel Radioaktivität für Schwangere okay ist. Auch das Umfeld signalisiert zu häufig: Ach, das eine Glas kannst du doch mittrinken!

ZEIT ONLINE: Es gibt aber auch Frauen, die sind alkoholkrank. Wer an einer Suchterkrankung leidet, wird es kaum allein schaffen, auf einmal trocken zu werden. Weiß man, wie viele der Betroffenen letztlich Kinder von Alkoholikerinnen sind?

Wolter: Nein, da wir wenig über die Mütter wissen und die Alkoholerkrankung oft nicht bekannt ist oder diagnostiziert wird. Für alkoholkranke Frauen gibt es leider bislang kein mir bekanntes verlässlich hilfreiches Konzept. Wir haben es immer wieder mit alkoholkranken Müttern zu tun, die es auch beim fünften und sechsten Kind nicht schaffen, den Alkoholkonsum einzustellen und sich jeder Hilfe entziehen. Alkohol hat in der Gesellschaft einen zu hohen Stellenwert. Dabei ist es eine gefährliche Droge, die auch noch frei und billig erworben werden kann.

ZEIT ONLINE: Welche Hilfsangebote gibt es für Frauen, die merken: Ich will und darf nicht trinken, weil ich schwanger bin, schaffe es aber nicht allein?

Wolter: Hier in Berlin gibt es die Einrichtung Wigwam Connect, die sich die Betreuung dieser Frauen zur Aufgabe gemacht hat. Außerdem gibt es an der Charité in der Klinik für Geburtsmedizin im Virchow-Klinikum eine Ambulanz, die sich um substanzabhängige Schwangere kümmert. Wichtig ist zudem, dass das Umfeld von Schwangeren Alkohol nicht akzeptiert und den Frauen hilft, die Abstinenz durchzuhalten. Auch werdende Väter oder Freunde sollten nicht mit Bier abends neben der Frau sitzen und auf einer Party aus Solidarität auch mal nur Saft oder Wasser trinken. Solange Schwangere, die keinen Tropfen anrühren, als Spaßverweigerinnen dastehen, werden viele schwach.