Kiffen wirkt sich auf die Psyche aus, das ist keine Neuigkeit. Wegen seiner psychoaktiven Wirkung konsumieren Menschen schließlich Cannabis. Viele kennen auch unerwünschte Nebenwirkungen. Seit Längerem steht der Stoff unter Verdacht, Psychosen verstärken oder gar auslösen zu können. Genau zu dieser Frage ist im Medizinmagazin The Lancet Psychiatry (Di Forti et al., 2019) jetzt eine neue Studie erschienen. Darin kommen Forscherinnen und Forscher erneut zu dem Schluss, dass Psychosen unter Menschen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, häufiger sind als unter jenen, die nie kiffen. Und: Je stärker der THC-Gehalt, desto höher das Risiko.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Cannabis mit einer hohen THC-Konzentration einen schädlicheren Effekt auf psychische Gesundheit hat als schwächere Formen des Stoffes", erklärte Marta Di Forti, Psychiaterin am King's College in London und federführende Autorin der Studie. THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) ist einer der beiden Hauptwirkstoffe der Cannabisblüte und verursacht den Rausch, indem es die Signalübertragung von Nervenzellen im Gehirn beeinflusst.

Das Team um Di Forti befragte 901 Menschen, die erstmals an einer Psychose erkrankt waren, zu ihrem bisherigen Konsum von Cannabis und anderen Freizeitdrogen und verglich die Aussagen mit denen einer gesunden Kontrollgruppe. Menschen aus elf Orten Europas und einem in Brasilien nahmen teil. Das Ergebnis: Diejenigen, die täglich Cannabis nahmen, hatten im Vergleich zu anderen ein dreimal so großes Risiko, an einer Psychose zu erkranken. Und umgekehrt: Knapp 30 Prozent der Befragten mit Psychose gaben an, jeden Tag Cannabis zu konsumieren. In der gesunden Kontrollgruppe waren es nur knapp sieben Prozent. "Dies ist eine sehr sorgfältig durchgeführte Studie, die versucht zu erklären, warum die Inzidenz der Psychosen (Anm. der Red.: das meint die Zahl der Neuerkrankungen in einem bestimmten Zeitraum) europaweit so sehr variiert", sagte Dieter J. Meyerhoff, Biomediziner an der Universität von Kalifornien in San Francisco, auf Anfrage von Journalisten des deutschen Science Media Centers (siehe Kasten).

Im Vergleich zeigten sich in den europäischen Ländern nämlich teils deutliche Unterschiede. Am stärksten sichtbar wurde der Zusammenhang in London und Amsterdam. Dies liege auch daran, dass dort üblicherweise hochpotentes Cannabis erhältlich sei, also solches mit einem THC-Gehalt von mehr als zehn Prozent. In den Niederlanden sei sogar Gras mit bis zu 67 Prozent im Umlauf. Die Auswertung beschlagnahmter Drogen ergab zuletzt, dass sich der THC-Gehalt in den auf dem Schwarzmarkt erhältlichen Produkten im Großteil Europas in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat (Addiction: Freeman et al., 2016).

Die Daten basieren auf Selbstauskünften

Allerdings hat die Studie auch Schwächen. Eine Limitation ist, "dass die Potenz von Cannabisprodukten nicht direkt erfasst werden konnte, sondern aus den Selbstaussagen von Patienten und Daten der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle geschätzt wurde", sagte Eva Hoch, Leiterin der Forschungsgruppe Cannabinoide am Klinikum der Universität München. Ein Aspekt, auf den auch die Autoren in The Lancet Psychiatrie hinweisen. Dieser Schätzwert gibt nur einen groben Anhaltspunkt für die Stärke des Cannabisproduktes.

Auch wenn die Ergebnisse ins bisherige Bild passen, konnten die Forscher auch diesmal nicht beweisen, dass die Versuchspersonen infolge des Kiffens psychisch krank geworden sind. Eine Auswertung eines Großteils aller relevanten Forschungsarbeiten der vergangenen 20 Jahre kam vereinfacht gesagt zu dem Ergebnis: Was man über Hanf und die Folgen der Cannabinoide weiß, ist meist unsicher, nicht ausreichend zu belegen, fraglich oder schlicht unbekannt (National Academy of Sciences, 2017). "Bei einer observativen Studie wie dieser ist es nicht auszuschließen, dass einige der Befragten Symptome einer Psychose hatten, bevor sie das erste Mal Cannabis konsumierten", sagte Suzi Gage, Psychologin an der University of Liverpool. Sie wies darauf hin, dass es einen wechselseitigen Zusammenhang geben könnte: Menschen mit Psychosen könnten aufgrund ihrer Krankheit dazu geneigt sein, Cannabis zu konsumieren. Gleichzeitig könnte regelmäßiges Kiffen die Symptome verschlimmern.

Andere Faktoren, die das Psychoserisiko zusätzlich erhöhen können, hätten die Autorinnen und Autoren der Studie aber "sehr sorgfältig ausgeschlossen", sagte der kalifornische Mediziner Meyerhoff. "So untersuchten sie die Unterschiede zwischen den Patienten und Kontrollgruppen bezüglich anderen legalen und illegalen Drogenkonsums (Alkohol, Tabak, Kokain und Weitere) sowie Bildungs- und Beschäftigungsstatus. Sie zeigten, dass einige dieser Faktoren offenbar auch das Psychoserisiko erhöhen, dass jedoch speziell der tägliche Cannabisgebrauch und/oder der übliche Gebrauch von Cannabis mit hohen THC-Konzentrationen eindeutig zusätzlich das Risiko erhöhen."

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