Ihre Gentechnikmethode hat vermutlich die ersten Designerbabys ermöglicht. Nun richten sich die Entdecker und Entdeckerinnen der Genschere Crispr an die Welt: "Erlasst ein Moratorium für genome editing." Gemeint sind Veränderungen der DNA in Spermien, Eizellen oder Embryonen, um genetisch modifizierte Kinder zu schaffen. Alle Nationen sollten sich freiwillig dazu verpflichten, schreiben die Autoren. Bis es ein internationales Regelwerk zum Umgang mit solchen Technologien gäbe, seien jegliche klinischen Versuche einzustellen.

Es herrscht kein Zweifel, dass diese längst stattfinden. Doch zu welchem Preis? Wenn Genetikerinnen und Genetiker in die fundamentale Biologie des Menschen eingreifen wollen, bringt das große gesellschaftliche, ethische und moralische Bedenken mit sich. Die Crispr-Entdecker machen deutlich: Einmal bearbeitet und zur Welt gebracht, würden derlei Babys die Menschheit für immer verändern. Es droht die absolute Optimierung von Individuen auf Kosten all jener, denen die Technologie nicht zur Verfügung steht. Kinder, die vorab verbessert zur Welt kommen und beispielsweise ein äußerst geringes bis gar kein Risiko haben, an Diabetes, Brustkrebs oder Schizophrenie zu erkranken. Kinder, die klüger, stärker, schneller sind. "Genetische Erweiterungen könnten Menschen sogar in Unterarten teilen", mahnen die Autoren.

Insgesamt 18 Forscherinnen und Forscher aus sieben Ländern haben den Aufruf unterschrieben. Veröffentlicht wurde er als Kommentar im Fachmagazin Nature (Lander et al., 2019). Zu den Unterzeichnern gehören der Bioingenieur Feng Zhang und die Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier, die in dem aktuellen Schreiben ebenso vehement für ein Verbot plädieren, wie sie sich seit Jahren vor Gericht um die Patentrechte an dem weltverändernden Genwerkzeug Crispr streiten. Sowohl Charpentier als auch Zhang behaupten, den entscheidenden Mechanismus entdeckt zu haben. Sie sind gewissermaßen die Eltern des wohl chancenreichsten wie auch gefährlichsten Werkzeuges unserer Zeit.

Modifizierte Menschen aus dem Labor

Wer dies alarmistisch findet, verkennt die Macht von Crispr-Cas9, kurz Crispr. Die Methode ermöglicht es, Erbgutabschnitte gezielt zu entfernen und auszutauschen (siehe Video unten). Das Molekül Cas9 dient dabei als Schere und transportiert die neuen DNA-Schnipsel. Zugespitzt formuliert lässt sich daher sagen: Mit Crispr kann sich der Mensch die Welt von morgen selbst schaffen, sei es, um Saatgut zu optimieren, Schädlinge zu bekämpfen oder neue Organismen zu kreieren – und nicht zuletzt eben auch Menschen passender zu machen. Wie auch immer das definiert ist.

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

Das Schreiben in Nature ist nicht der erste Aufruf dieser Art. Doch selten waren die Forderungen so explizit, die Warnungen so dramatisch formuliert. Die Autoren drängen vehement auf weltweite Restriktion, weil die Crispr-Technologie in den vergangenen drei Jahren aus der Kontrolle geraten zu sein scheint.

Schon in den Jahren 2015, 2017 und 2018 beispielsweise war etwa vom Bioethik-Ausschuss der Unesco und in offiziellen Statements von Humangenetikern zu lesen, dass jegliche klinische Anwendung von Genomveränderungen noch unverantwortlich sei. Die Gründe: Zu ungenau sei das Werkzeug für diese Art von Experimenten, zu unsicher, ob die Methode wirklich effizient sei, und überhaupt habe die Gesellschaft nicht entschieden, ob derlei Menschenversuche angemessen, gar nötig seien.

Mindestens der chinesische Forscher He Jiankui allerdings hatte zum Entsetzen von Wissenschaft und Öffentlichkeit beschlossen, sich darüber hinwegzusetzen. Im November 2018 berichtete er, es seien Zwillinge zur Welt gekommen, bei denen er im Embryonalstadium gezielt ein Gen ausgeschaltet habe. Die Neuigkeit verkündete er kurz vor genau jenem internationalen Humangenetik-Kongress, dessen Organisationskomitee ebenfalls solche Versuche verurteilt hatte. Bereits vor He hatten Forscherinnen und Forscher mit Crispr in das Genom von Embryonen eingegriffen. Diese waren aber immer in einem frühen Zellstadium verblieben und wurden dann vernichtet.