Es klingt erst einmal selbstverständlich: Eine Frau sollte selbst entscheiden können, mit wem sie schläft, mit welchem Mann sie wann Kinder bekommt und wie viele. Frauen sollten Zugang haben zu dem Verhütungsmittel, das sie nehmen möchten, und behandelt werden, wenn sie sich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit anstecken. Und sie sollten Zugang zu einer guten Versorgung haben, wenn sie schwanger sind. All das sind laut den Vereinten Nationen elementare Rechte von Frauen. Doch in weiten Teilen der Welt ist sexuelle Selbstbestimmung noch nicht selbstverständlich.

Hunderte Millionen Frauen erleben immer noch Gewalt in der Beziehung, haben nur selten Verhütungsmittel zur Verfügung oder werden zwangsverheiratet. Das geht aus dem Weltbevölkerungsbericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) hervor, der nun veröffentlicht wurde (UNFPA-Weltbevölkerungsbericht 2019). Die Zahlen des Berichts verdeutlichen, dass sich die Situation in den vergangenen 50 Jahren – so lange gibt es den UNFPA bereits – zwar deutlich verbessert hat. Um die nachhaltigen Entwicklungsziele zu erreichen, auf die sich die Vereinten Nationen geeinigt haben, müsse sich aber noch viel tun. Die Ergebnisse im Überblick:

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214 Millionen Frauen und Mädchen haben weltweit keinen Zugang zu modernen Verhütungsmitteln.

In Entwicklungsländern hat etwa jede vierte Frau im gebärfähigen Alter keinen Zugang zu wirksamen Verhütungsmitteln wie der Pille, der Hormonspirale oder Kondomen. Renate Bähr, Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, dem deutschen Partner des UNFPA für den Weltbevölkerungsbericht, fordert, dass sich das ändern müsse. Immerhin hat sich die Situation in den vergangenen 50 Jahren schon deutlich verbessert: 1969 hatten nur knapp zwei Prozent der Frauen in Entwicklungsländern einen guten Zugang zu Verhütungsmitteln.

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Um 44 Prozent hat die Müttersterblichkeit zwischen 1990 und 2015 weltweit abgenommen.

Positiv ist auch, dass die Müttersterblichkeit zurückgeht. Immer weniger Frauen sterben an den Folgen einer Entbindung. Allein zwischen 1994 und 2015 nahm die Sterblichkeit von Müttern pro 100.000 Lebendgeburten deutlich ab, von 832 auf 436. Zum Vergleich: In den am stärksten entwickelten Regionen sank die Anzahl der Tode von 22 auf zwölf pro 100.000 Lebendgeburten. Der Bericht weist allerdings auch darauf hin, dass zwar in allen untersuchten Regionen Fortschritte verzeichnet wurden, doch von diesen haben vielerorts einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen deutlich weniger profitiert als der Rest der Bevölkerung.

Täglich sterben noch mehr als 800 Frauen an den Folgen einer Schwangerschaft oder Geburt. "Wir müssen uns gegen diejenigen Kräfte zur Wehr setzen, die uns in eine Zeit zurück katapultieren wollen, in der Frauen bei reproduktiven Entscheidungen und auch in allen sonstigen Lebensbereichen kaum Mitspracherecht hatten", sagt Natalia Kanem, die Geschäftsführerin von UNFPA. Dazu gehört hierzulande zum Beispiel auch die Zeit, bevor der Gleichberechtigungsartikel Teil des Grundgesetzes wurde.

Ein entscheidende Faktor, der die Müttersterblichkeit beeinflusst, ist, ob Schwangere und Frauen direkt nach der Geburt von ausgebildetem Fachpersonal wie Hebammen, Geburtsschwestern oder Ärztinnen und Ärzten betreut werden. In vielen Entwicklungsländern, vor allem im ländlichen Raum, geschieht das oftmals auch nicht, weil ausgebildetes Personal fehlt. 

Der Bericht zeigt jedoch auch, dass zwischen 2010 und 2015 viele Regierungen dieser Welt in die Ausbildung von Medizinpersonal investierten, auch wenn die Maßnahmen stark ortsabhängig waren. Abgesehen von Gesundheitspersonal förderten die meisten Regierungen dieser Welt auch weitere Maßnahmen wie den Zugang zu Verhütungsmitteln oder zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch (siehe Grafik).

In Europa wurden zwischen 2010 und 2015 vergleichsweise weniger neue Maßnahmen ergriffen. Das liege daran, dass es in den Industrienationen bereits 2010 eine gute Versorgung für Schwangere sowie Aufklärung gegeben habe, schreiben die Autoren des Berichts.

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Etwa 35 Millionen Frauen, Mädchen und Jugendliche benötigen alleine im Jahr 2019 lebensrettende Dienste der sexuellen und reproduktiven Gesundheit sowie Programme zur Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt.

Unter dem Begriff sexuelle Gewalt werden körperliche Handlungen zusammengefasst, die ohne das Einverständnis der Betroffenen ablaufen. Dazu gehören unter anderem Vergewaltigungen, Nötigung oder auch der sexuelle Missbrauch von Kindern. In Kriegs- oder Katastrophengebieten ist das besonders problematisch. Millionen von Frauen haben dort weder die Möglichkeit, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern, noch sicher zu entbinden. 

Das Ziel des Bevölkerungsfonds UNFPA ist, dass alle Menschen der Welt Zugang zu Verhütungsmitteln haben, dass die vermeidbare Müttersterblichkeit bei Null liegt und dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen verschwindet. Um dem näherzukommen, schreiben die Experten, braucht es jedoch mehr Geld – zum Beispiel im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit der Industrienationen.