Zum Streiten waren die drei Professoren der Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften, nicht zur Bundespressekonferenz gekommen. Auch eine öffentliche Bloßstellung des Lungenfacharztes Dieter Köhler gab es nicht. Ihn kann man als Auslöser für das von der Bundeskanzlerin in Auftrag gegebene Gutachten zu Luftschadstoffen bezeichnen, das die drei Experten nun präsentierten. Alle, die gern weitergestritten hätten, mag das ärgern. Alle, die sich gern auf dem sicheren Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse bewegen, dürfen sich freuen. Denn endlich, so darf man zumindest hoffen, kommt mit dem Gutachten der Leopoldina wieder Wissenschaftlichkeit und Menschenverstand in eine Debatte, die gehörig entgleist ist.

Beginnen wir von vorne: Dieter Köhler hatte im Januar dieses Jahres in einem fragwürdigen und unterkomplexen Statement, das rund 100 Ärzte unterschrieben hatten, versucht darzulegen, dass Feinstaub und Stickoxid für die Gesundheit nicht so gefährlich seien, wie gemeinhin behauptet. Und die Grenzwerte und Fahrverbote in deutschen Innenstädten heillos übertrieben. Köhler – selbst kein Experte im Bereich Luftschadstoffe und Epidemiologie – tat nicht weniger, als die Fachdisziplin der Epidemiologie als aufgeblasen und unwissenschaftlich hinzustellen. Ein Großteil der Fachwelt widersprach vehement und ordnete Köhlers Vorstoß als das ein, was er war: ein wissenschaftlich kaum ernstzunehmendes Pamphlet (später stellte sich sogar heraus, dass Köhler sich verrechnet hatte).

Und doch – sicher, weil viele Fachleute zu lange schwiegen, weil viele Menschen sich durch die Fahrverbote in ihrer Freiheit eingeschränkt sehen und weil Talkshows und Zeitungen Köhler viel Platz einräumten – wurde aus seinem Vorstoß ein Debatte. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer beispielsweise forderte von der EU-Kommission eine Neubewertung der Feinstaub- und Stickoxidgrenzwerte, der FDP-Vorsitzende Christian Lindner forderte gar ein "Moratorium" für Stickoxidgrenzwerte. Eine wissenschaftliche Randposition, die keinem kritischen Blick der Fachöffentlichkeit standhalten musste, weil Köhler nie versuchte, sie in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen, gab also jenen Auftrieb, die aus ganz anderen Gründen gegen Fahrverbote sind. Das Ergebnis war die gefährliche Vermischung einer wissenschaftlichen und einer politisch-ideologischen Debatte, die letztlich vor allem der Wissenschaft geschadet haben dürfte.

Saubere Luft ist ein hoher Wert

Umso heilsamer ist, dass sich die Leopoldina darauf überhaupt nicht einließ. Die drei aus der Arbeitsgruppe Luftschadstoffe entsandten Professoren, Martin Lohse, Wissenschaftlicher Vorstand des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin, Manfred Hennecke, ehemaliger Präsident der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, und Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie, zumindest sagten recht wenig und eher Versöhnliches zur Person Köhler. Sein Vorstoß sei in mancherlei Hinsicht sicher sogar "sinnvoll" gewesen, weil er zu einer Debatte geführt habe, hieß es. Bei Teilen seiner Kritik aber habe Köhler sich "vergaloppiert". Den Großteil der Zeit nutzten die drei, um deutlich zu machen, was die Wissenschaft darüber weiß, wie sich Luftschadstoffe auf die Gesundheit auswirken, wo noch Forschungsbedarf besteht und was die Politik nun tun sollte.

Über allem schwebt in dem Gutachten, dass wir als Gesellschaft uns wieder klarmachen sollten, was für ein hoher Wert eine saubere Luft ist. Manfred Hennecke sagte, es gebe in der Wissenschaft eine "völlige Einigkeit" darüber, dass Emissionen, also die CO2-, Feinstaub- und Stickoxidwerte, weiter sinken müssten. Es müsse aber auch klar sein, dass das Hauptproblem in der Luft das Treibhausgas CO2 sei, das den Klimawandel anheize, gefolgt von Feinstaub, der gravierende Gesundheitsfolgen wie Lungenkrebs und Atemwegserkrankungen haben könne. Erst dann kämen die Stickoxide, die auch schädlich für die Gesundheit sind, aber bei Weitem nicht so schädlich wie Feinstaub. Trotzdem werde über Stickoxid (NO2) – finden Lohse, Hennecke und Lelieveld von der Leopoldina – verhältnismäßig viel zu viel gesprochen.

Die Leopoldina schreibt deshalb, eine Verschärfung der NO2-Grenzwerte sei "aus wissenschaftlicher Sicht nicht vordringlich", eine weitere Absenkung der Feinstaubgrenzwerte hingegen schon. Zusätzlich brauche es mehr Forschung, zum Beispiel wenn es darum gehe, wie genau Stickoxide und ultrafeine Partikel wirken.

Ein Schlichtungsspruch zwischen zwei wissenschaftlich ungleichen Lagern

Das alles sei aber nicht durch kleinräumige Fahrverbote zu erreichen, sondern nur durch eine nachhaltige Verkehrswende hin zu emissionsarmer Mobilität. Außerdem müssten sich verschiedene Ministerien miteinander abstimmen. Denn letztlich kommt eben nur ein Teil des Feinstaubs und der Stickoxide aus den Auspuffen. Ein Gutteil entsteht auch durch Reifenabrieb, in Kraftwerken, in der Landwirtschaft und wenn Menschen mit Holz heizen.

All diese Punkte sind freilich weder neu noch überraschend. Aber dass sie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kommen, die mit der Köhler-Debatte nichts zu tun hatten, macht das Gutachten der Leopoldina zu einer Art Schlichtungsspruch zwischen zwei – wenn auch aus wissenschaftlicher Sicht reichlich ungleichen – Lagern: den Unterstützern Köhlers und denjenigen, die ihm widersprochen hatten. Die Chance dieses Schlichtungsspruchs ist, dass Politik und Gesellschaft nun wieder zu einer wissenschaftlich fundierten Debatte zurückkehren können. Und die aufgeregte Debatte der vergangenen Wochen möglichst schnell aus ihrem Gedächtnis verbannen.

Ausführliche Informationen zum Thema Dieselabgase, Feinstaub und Fahrverbote finden Sie auf unserer Themenseite. Wie viele Lebensjahre Luftverschmutzung in Deutschland jährlich kostet, können Sie hier erfahren. Warum der Vorstoß der Lungenärzte um Dieter Köhler die Grenzwertdebatte politisiert hat, lesen Sie hier. Wieso ein pensionierter Lungenarzt so viel Verwirrung stiften konnte, erfahren Sie hier.