Ganz am Ende seiner Isolation, als er abgeführt worden war und von der Rückbank eines Polizeiautos durch das schmutzige Fenster in eine Kamera blickte, sah Julian Assange ein wenig aus wie ein Geist: blass, erschöpft, die Augen nur halb geöffnet. Seine Haare und sein Bart waren lang und ungepflegt. Sieben Jahre hat Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London verbracht: Er lebte in einem kleinen Raum ohne Sonnenlicht. Hätte er die Botschaft verlassen, er wäre umgehend verhaftet worden. Seine Verbindung zur Außenwelt waren das Botschaftspersonal, das Internet und Besuche von Freunden und Unterstützerinnen, von denen niemand weiß, wie häufig sie waren. Im vergangenen Jahr kappte ihm die Botschaft sogar über Monate den Internetzugang und untersagte Besuche weitestgehend.

Die Festnahme Assanges und seine mögliche Auslieferung in die USA sind zuallererst ein politischer Fall, am Mittwoch wird in London weiter über das Auslieferungsgesuch verhandelt. Der Fall Assange hat gleichzeitig aber eine psychologische Dimension. Was genau geschieht mit Menschen, die in scheinbarer Ausweglosigkeit dauerhaft eingesperrt sind? Was haben die sieben Jahre in der Botschaft mit Assange gemacht? Erklären sie die vermeintlichen Eskapaden in der Botschaft – er soll dort Skateboard gefahren sein und Fußball gespielt, die Sicherheitskameras gehackt und seinen Kot an die Wände seines Zimmers geschmiert haben? Haben sie seine Psyche, seine Wahrnehmung und sein Denken verändert? Und ist das vermeintliche "schwere psychologische Trauma", das der UN-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, nach einem Besuch bei Assange im Gefängnis beschrieb, wirklich auf seine Isolation zurückzuführen?

Ob und wie der Aufenthalt in der Botschaft Assanges Psyche verändert hat, ist trotz Melzers Aussage nicht bekannt. Letztlich kann das nur eine Psychiaterin oder eine Psychotherapeutin beurteilen, die mit Assange spricht. Sie müsste auch berücksichtigen, dass Assange schon vor seiner Zeit in der Botschaft als besonderer Charakter bekannt war: Er glaubte, unglaublich wichtig zu sein, und konnte sehr wütend und ausfallend werden, wenn jemand ihn vermeintlich respektlos behandelte. Sein ehemaliger WikiLeaks-Weggefährte Daniel Domscheit-Berg beschreibt ihn in seinem Buch Inside WikiLeaks als "sehr paranoid" und "einsamen Wolf".

Fast jeder bekommt in Isolationshaft psychische Probleme

Erkenntnisse dazu, wie extreme Isolation auf die Psyche wirkt, stammen vor allem von Insassen der Isolationshaft und vor allem aus den USA (Grassian, 2006). In der Supermax-Verwahrung, der extremsten Form der Isolationshaft, leben die Häftlinge in einer Zelle, die sieben Quadratmeter groß ist. Sie ist schallisoliert, die Möbel sind aus Beton gegossen. Darin verbringen die Häftlinge täglich 22 bis 23 Stunden. Und sie werden rund um die Uhr videoüberwacht. Ihr einziger persönlicher Kontakt sind die Wärterinnen und Wärter.

Die Folgen sind dramatisch: Praktisch jeder Insasse bekommt durch die Isolation handfeste psychische Probleme, wie eine Übersichtsarbeit zeigt (Crime & Delinquency: Haney, 2003). Die Häftlinge leiden unter Schlafstörungen, Appetitverlust, Panik, sie bekommen Wutanfälle, verstümmeln sich selbst, hegen Suizidgedanken, bekommen Wahnvorstellungen und werden lethargisch. Außerdem haben sie das Gefühl, kurz vor dem Nervenzusammenbruch zu stehen, viele beschreiben eine gesteigerte Sensitivität gegenüber jedweden Reizen, seien es Töne, Farben und Gerüche. Sie neigen zu endlosem Grübeln. All das erinnere an die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, schreibt der Autor und Sozialpsychologe Craig Haney.

Nun wurde Assange nicht verurteilt, sondern er hat sich freiwillig in die Isolation begeben. Mit Isolationshaft lasse sich seine Situation daher nur schwer vergleichen, sagt Julia Schellong, die mit Menschen arbeitet, die in Isolationshaft waren. Schellong ist leitende Oberärztin für Psychiatrie am Uniklinikum Dresden und leitet das Fachreferat Psychotraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Der Zugang zur Welt durch das Internet, den Assange die meiste Zeit gehabt habe, sei eine große psychologische Ressource. "Es ist nicht zu unterschätzen, wie viel Realität ein virtueller Kontakt mit der Welt bedeutet", sagt sie. Dazu dürften noch die gelegentlichen Besuche und der Kontakt mit den Botschaftsmitarbeitern kommen. Die massive Einschränkung des Bewegungsradius, die Assange hinnehmen musste, sei trotzdem eine immense Belastung. "Je größer die Einschränkung, desto schlimmer sind meist die Folgen."

"Das Gefühl, die Zelle fährt"

In absoluter Isolation, abgeschottet von äußeren Reizen, sagt Schellong, könne sich die Wahrnehmung verändern. Denn Menschen brauchen andere Menschen, um das, was sie wahrnehmen, abgleichen und bestätigen zu können. Entweder explizit, indem sie andere fragen ("Was liegt denn da auf der Straße?", oder, "Hast Du das auch gehört?"). Oder implizit, zum Beispiel dadurch, dass sie sich an dem Verhalten anderer orientieren. Das ist nötig, um Realität von Fantasie zu unterscheiden. Wenn Menschen in Isolation das nicht können, droht die Grenze zwischen dem Realen und dem Eingebildeten zu verschwimmen.

Das beschrieb etwa die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, die nach ihrer Verhaftung mehrere Jahre in strenger Isolationshaft verbrachte. In einem Brief aus ihrer Zelle im Gefängnis in Stammheim heißt es: "Das Gefühl, die Zelle fährt (…); nachmittags, wenn die Sonne reinscheint, bleibt sie plötzlich stehen. Man kann das Gefühl des Fahrens nicht absetzen. (…) Das Gefühl, Zeit und Raum sind ineinander verschachtelt. Das Gefühl, sich in einem Verzerrspiegelraum zu befinden."