"Wir sehen Abhängige als Patienten, die medizinische Versorgung benötigen. Wir wollen ihnen helfen, nicht ihre Krankheit bestrafen", sagt Manuel Cardoso, Mediziner, Experte im Gesundheitswesen und stellvertretender Generaldirektor der nationalen Suchtpräventionsbehörde Sicad. Dieser Ansatz basiert auf den zwei Grundsätzen der portugiesischen Drogenpolitik: Humanismus und Pragmatismus. Ersteres, weil Sucht eine äußerst menschliche Eigenart ist. Und Letzteres, weil die Kriminalisierung eher selten den Konsum unterbindet. "Die Drogen verschwinden nicht, nur weil man sie verbietet", sagt Cardoso.

Mit der Reform machte Portugal Besitz und Konsum von Drogen zum Thema des Gesundheitswesens. Zuvor war es den Ressorts Justiz und Inneres zugeordnet, wo Fälle heute erst landen, wenn vom Handel ausgegangen wird: Etwa wenn jemand mehr als zehn Tagesdosen bei sich trägt. Kritikerinnen und Kritiker behaupten, die Entkriminalisierung würde Händlern Tür und Tor öffnen, doch in Portugal haben Polizei und Justiz nach der Reform mehr Ressourcen, um sich mit den Dealern zu beschäftigen. Auch deshalb gibt es hier immer weniger Drogenkriminalität. "Sobald uns die Statistik zeigt, dass unser Ansatz nicht erfolgreich ist, ändern wir die Strategie. Doch die wissenschaftlichen Belege sprechen für sich", sagt Cardoso. Ein 95-prozentiger Rückgang der HIV-Neuinfektionen, 85 Prozent weniger Tote durch Überdosen, 75 Prozent weniger registrierte Drogenfälle insgesamt bezeugen den Erfolg der portugiesischen Reform. Im europaweiten Vergleich hat Portugal außerdem wenig konsumierende Jugendliche. "Wenn es nicht mehr verboten ist, ist der Reiz weg", erklärt der Mediziner.

Wirtschaftliche Probleme führen häufig dazu, dass Menschen auf der Straße landen. © Gonçalo Fonseca

Doch Wunder bewirkt auch die Entkriminalisierung nicht, vor allem dann nicht, wenn wirtschaftliche Probleme Menschen den Willen für ein drogenfreies Leben nehmen. "Die häufigste Ursache für den Konsum ist die Wohnungslosigkeit", erklärt der Streetworker Rui. Die Bürgerinnen und Bürger bekommen zwar finanzielle Unterstützung vom Sozialamt, allerdings beträgt die nur 250 Euro – das ist weniger, als ein Zimmer in Lissabon kostet. "Die meisten Probleme ließen sich durch Housing-First-Initiativen lösen, bei denen direkt Wohnungen vermittelt werden", sagt Marta, anstelle der Massenunterkünfte, in denen alkoholisierte Obdachlose gar nicht erst eingelassen werden, um keine Unruhe zu stiften. "Die meisten möchten einfach nur duschen und sich ausschlafen", sagt Rui.