Seit fünf Jahren arbeitet der Mann bei Crescer. Er macht seinen Job aus Überzeugung. Als Rui acht Jahre alt war, musste er seine Mutter zum Putzen begleiten, manchmal begann der Arbeitstag um fünf Uhr in der Früh und endete erst um elf Uhr spät abends. "Meinen ersten Joint habe ich mit zehn Jahren geraucht", sagt er. Mit 14 trat er einer Heavy-Metal-Band bei und blieb seiner Familie von da an so oft es ging fern, weil er sich daheim nicht akzeptiert fühlte. Mit 16 fing er mit den harten Drogen an. Vor neun Jahren konnte man ihn noch auf Lissabons Straßen antreffen, wo er sich regelmäßig Heroin spritzte. Daneben konsumierte er Kokain, Pillen und Alkohol.

"Manchmal sterben die Menschen leider, bevor ihr Moment kommt", sagt Rui Coelho, der selbst früher drogenabhängig war. © Gonçalo Fonseca

Die Drogen bekam er häufig auf der Casal Ventoso, der Straße im Zentrum Lissabons, die vor wenigen Jahrzehnten noch der bekannteste europäische Drogenumschlagplatz war. Auf ihr wurde skrupellos gedealt, am helllichten Tage konsumiert. Gelegentlich kam die Polizei genau dann, wenn Rui den Dealer bezahlt, aber noch keinen Stoff bekommen hatte. Dann musste er zwei bis drei Stunden warten. Bis dahin hatte der Händler sein Gesicht vergessen. Einmal sah er beim Warten, wie eine Süchtige neben ihm ein Kind gebar – mitten auf der Casal Ventoso.

Die berüchtigte Straße ist nicht weit von Crescers Zentrale entfernt. Dort findet die Einrichtung auch heute noch die meisten Klientinnen. Dort begegneten die Sozialarbeiter vor einigen Jahren auch Rui, versorgten ihn lange Zeit mit sauberen Nadeln und hörten ihm zu. Es hat vier gescheiterte Rehabilitationsversuche gebraucht, bis er beim fünften Mal clean wurde. Seine Familie und Freunde hatten da schon aufgegeben. Er möchte einfach nicht aufhören, dachten sie.

"Jeder hat seine Zeit", sagt Rui. "Manchmal sterben die Menschen leider, bevor ihr Moment kommt. Aber ich bin überzeugt davon, dass alle es schaffen können." Sieben Jahre lebte er auf der Straße. Sieben Jahre ist er nun clean. Seit wenigen Monaten macht er wieder Musik. "Dieser Job ist nicht für alle geeignet", sagt Marta, "man muss schon sehr gut mit Frust umgehen können." Rui hat Geduld mit den Menschen auf der anderen Seite, da stand er schließlich selbst einmal. Er kennt die Hölle, aus der er ihnen raushelfen will. Und er möchte für sie ein Vorbild sein, jemand, der es aus den Tiefen der Sucht, trotz mehrfachen Scheiterns, schaffte. Ohne die Helferinnen von Crescer wäre er wohl schon längst tot, mutmaßt er. Rui hat verstanden: "Das Wichtigste ist, die Menschen nicht einfach so aufzugeben."