ZEIT ONLINE: Viele Menschen mit Magersucht haben den Wunsch, regelrecht zu verschwinden. Besonders Frauen wollen bloß nicht als weiblich oder generell als "zu viel" wahrgenommen zu werden. Haben auch Kinder schon solche Gedanken?

Herpertz-Dahlmann: Menschen, die derart hungern, verändern sich auch in ihrem Wesen. Häufig bekommen sie schwerste Depressionen. Das kann dazu führen, dass sie sagen: "Ich will eigentlich gar nicht mehr existieren." Der Wunsch zu verschwinden ist also eher eine Folge als eine Ursache.

ZEIT ONLINE: Wie wirkt sich Magersucht auf die Gesundheit der Kinder aus?

Herpertz-Dahlmann: Die körperlichen Folgen sind bei jungen Menschen häufig gravierender als bei einem älteren Organismus. Magersüchtige Kinder zeigen eine deutliche Wachstumsverzögerung. Einige werden niemals ihre normale Größe erreichen, weil Wachstumshormone unterdrückt werden. Wenn diese Hormone und weibliche Sexualhormone fehlen, ist das zudem problematisch für die Entwicklung der Knochen und kann später zu Osteoporose führen. Manche Mädchen bekommen zudem ihre Periode nicht. Viele haben eine permanent niedrige Körpertemperatur. Selbst, wenn es heiß ist, frieren sie die ganze Zeit.

ZEIT ONLINE: Macht das extreme Hungern auch etwas mit dem Gehirn?

Herpertz-Dahlmann: Ja, es kann sich nicht normal weiterentwickeln und verliert an Volumen. Mitunter verlangsamt und verändert sich das Denken dabei extrem. Wird die Magersucht frühzeitig erkannt, geht die Veränderung in den meisten Fällen folgenlos zurück. Aber je länger die Krankheit anhält, desto schlimmer. Eine Magersucht kann sogar chronisch werden.

ZEIT ONLINE: Und ab welchem Zeitpunkt entstehen bleibende Schäden?

Herpertz-Dahlmann: Drei Jahre sind eine kritische Schwelle. Zum Glück erreichen wir diese aber selten, denn die Kinder kommen schneller in ärztliche Behandlung als Jugendliche, einfach weil sich die Eltern der sehr jungen Patientinnen oft noch besser durchsetzen können.

ZEIT ONLINE: Der Umgang mit der Krankheit ist aber dennoch sehr schwierig?

Herpertz-Dahlmann: Ja. Wir kennen uns mit der kindlichen Magersucht noch nicht so gut aus, es gibt kaum wissenschaftliche Untersuchungen dazu und die therapeutischen Möglichkeiten bei Kindern sind weniger gut getestet. Zwei Probleme aber sind sehr deutlich: Weil Kinder über eine deutlich geringere Fettmasse verfügen, wird die Krankheit schneller lebensbedrohlich. Außerdem können sie noch viel schlechter beschreiben, was sie fühlen. Deshalb arbeiten wir sehr intensiv mit den Eltern zusammen.

ZEIT ONLINE: In der Klinik sind die Kinder aber allein.

Herpertz-Dahlmann: Die Eltern kommen mittwochs, samstags und sonntags und nehmen an den Therapien teil. Wenn die Kinder zu Beginn der Behandlung großes Heimweh haben, können die Eltern auch täglich kommen.

ZEIT ONLINE: Und wie sieht die Therapie aus?

Herpertz-Dahlmann: Die Kinder bekommen einen Essensplan, auf dem steht, wie viel sie zu welchen Zeiten essen müssen. Bei den Mahlzeiten ist immer jemand von uns dabei, der ihnen dabei hilft. Da geht es zum Beispiel darum, die Portionsgrößen für die Kinder zu portionieren oder aufzupassen, dass sie nicht zu viel krümeln, weil sie hoffen, dadurch Kalorien einsparen zu können. Auch Ermutigen, Trösten und gutes Zureden gehören dazu. Viele Betroffene können vor lauter Angst nicht mehr vor anderen essen.

ZEIT ONLINE: Gehört auch Bewegung zur Therapie?

Herpertz-Dahlmann: Wenn die Kinder ein bisschen zugenommen haben, fangen wir mit einem ganz leichten Training der Muskulatur, mit Ergo- und Musiktherapie an. Die Kinder werden einzeln – und wenn es ihnen guttut – auch in der Gruppe psychotherapeutisch betreut. So früh es geht, lassen wir die Patientinnen und Patienten am Wochenende zu Hause übernachten. Wenn es ihnen irgendwann noch besser geht, besuchen sie die klinikeigene Schule, denn natürlich versuchen wir, einen kindgerechten Alltag aufzubauen. Nach einer ungefähr achtwöchigen Behandlung geht es in vielen Fällen zu Hause weiter.