Immer öfter werden schon Kinder magersüchtig. Wieso das so ist, erklärt die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Beate Herpertz-Dahlmann.

ZEIT ONLINE: Frau Herpertz-Dahlmann, Magersucht tritt vor allem bei jugendlichen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren zum ersten Mal auf. Die Menschen, die sie behandeln, sind aber sogar noch jünger. Steigt die Zahl der magersüchtigen Kinder?

Beate Herpertz-Dahlmann: Ja. Magersucht im Kindes- und frühen Jugendalter, also etwa zwischen zehn und dreizehn Jahren, ist insgesamt zwar eine seltene Erkrankung. Aber wir haben immer mehr Patientinnen und Patienten. Die Fallzahlen und die Zahl der stationären Aufnahmen steigen, in Deutschland bei den unter 14-Jährigen von sechs pro 100.000 Einwohner auf mehr als das Doppelte. Das deckt sich mit dem, was ein Forscherteam aus Oxford beobachtet hat (Journal of the Royal Society of Medicine: Holland et al., 2015). Aber vermutlich wird die Krankheit auch schneller erkannt, denn die Kinderärztinnen und -ärzte haben Essstörungen eher auf dem Radar als vor zehn oder fünfzehn Jahren. Im Kindesalter sind zudem noch mehr Jungen betroffen als später. Generell werden aber auch in diesem Alter mehr Mädchen magersüchtig.

Beate Herpertz-Dahlmann ist Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik der RWTH Aachen. Sie ist Co-Autorin der Leitlinien zur Behandlung von Essstörungen. © Susanne Fern

ZEIT ONLINE: Die Magersucht ist komplex, die Auslöser sind vielfältig und individuell. Dennoch sind die Gründe in der Risikogruppe der Mädchen ab etwa 15 Jahren einigermaßen gut verstanden. Dazu gehören neben den pubertätsbedingten hormonellen Veränderungen auch Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem sich in der Pubertät verändernden Körper sowie Angst vor den altersentsprechenden höheren Anforderungen. Doch warum werden Kinder schon vor Beginn der Pubertät magersüchtig?

Herpertz-Dahlmann: Viele haben bereits eine Körperschemastörung, sehen ihren Körper also verzerrt oder nehmen sich im Spiegel dicker wahr, als sie wirklich sind. Sie haben ähnliche Ängste wie ältere Magersüchtige: Ich habe aktuell eine Patientin, die sehr große Angst davor hat, dass sich ihre Oberschenkel berühren könnten. Außerdem betreiben die meisten Kinder, die so eine Essstörung entwickeln, Leistungssport. Sie glauben, dass ihr sportlicher Erfolg von ihrem Gewicht abhängig ist. Die Kinder wollen ganz besonders gut sein, nicht nur im Sport, sondern auch in der Schule. Und in Schulklassen ist Gewicht oft ein Thema: Wer wiegt wie viel, wer ist der oder die Dünnste?

ZEIT ONLINE: Warum beschäftigt das schon Kinder so stark?

Herpertz-Dahlmann: Viele der Kinder haben ein sehr, sehr niedriges Selbstwertgefühl, auch schon vor der Krankheit. Bestimmte Charaktermerkmale unterstützen die Krankheit: So waren viele der betroffenen Kinder schon immer eher ängstlich, haben sich beispielsweise lange nicht getraut, bei einer Freundin zu übernachten. Und letztlich gibt es genetische Ursachen. Man weiß aus Familienuntersuchungen und neuesten Studien am Genom (American Journal of Psychiatry: Duncan et al., 2017), dass ein Teil des Risikos für Magersucht vererbt wird.

ZEIT ONLINE: Wer magersüchtig ist, zählt typischerweise zwanghaft Kalorien. Machen das Kinder auch?

Herpertz-Dahlmann: Eher nicht. Aber auch wenn sie nicht bei jeder Mahlzeit errechnen, wie viele Kalorien das Essen enthält, ist eines in ihrem Kopf tief verankert: dass Essen dick macht. Sie sind oft schon fixiert auf das sogenannte gesunde Essen und akzeptieren nur noch Obst, Gemüse und Vollkornbrot. Fast immer fängt die Magersucht damit an, dass Kinder alle Süßigkeiten weglassen. Nach und nach folgen die Hauptmahlzeiten, bis nur noch ein Müsli am Tag überbleibt.

ZEIT ONLINE: Was assoziieren die Kinder mit dem Essen?

Herpertz-Dahlmann: Sie haben Angst. Und werden von massiven Schuldgefühlen gepeinigt: Warum hast du das gegessen, warum warst du so schwach? Warum hast du dich verführen lassen?

ZEIT ONLINE: Viele Jugendliche mit Essstörungen verletzen sich beispielsweise durch Ritzen zusätzlich selber, um sich für diese vermeintliche Schwäche zu bestrafen (Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie: Salbach-Andrae et al., 2007). Kommt das auch bei Kindern schon vor?

Herpertz-Dahlmann: Extrem selten. Das tritt typischerweise bei älteren Jugendlichen auf, die eine psychische Erkrankung haben. Magersüchtige Kinder quälen sich eher durch extremen Sport. Auch, wenn sie schon überhaupt nicht mehr können, machen sie Sit-ups und liegen dabei auf dem harten Boden, sodass die Wirbelsäule mit blauen Flecken übersät ist. Auch das ist eine Form der Selbstverletzung.

ZEIT ONLINE: Welche Techniken nutzen die Kinder denn, um abzunehmen? Gehört dazu auch Erbrechen? Dies ist ja ein typisches Merkmal der Bulimie, also der Ess-Brech-Sucht, kommt aber durchaus auch bei der Magersucht vor.

Herpertz-Dahlmann: Manchmal. Aber sie versuchen vor allem, über Sport abzunehmen. Er ist nur noch Zwang, etwas, das sie tun müssen, ohne darauf Einfluss zu nehmen. Das hat nichts mehr mit Freude an Bewegung zu tun.