ZEIT ONLINE: Die für Deutschland geplante Impfpflicht soll nur für die Masern-Impfung gelten. Erweckt das nicht den gefährlichen Eindruck, andere Erkrankungen, gegen die man impfen kann, seien weniger schlimm?

Omer: Diese Bedenken habe ich auch. In Frankreich lag nach Einführung der Impfpflicht die Quote für die verpflichtenden Impfungen höher als für andere (Vaccine: Attwell, Omer et al., 2018). Ärzte und Medizinerinnen sollten deshalb nicht anfangen, nicht verpflichtende Impfungen lediglich als freiwillige Option darzustellen. Die meisten Impfungen werden von den Behörden klar empfohlen, da ihr Nutzen eindeutig belegt ist. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen: Manchmal scheint eine Impfpflicht die Quoten für andere Impfungen mit anziehen zu können. In manchen US-Bundesstaaten stiegen die Impfquoten für die Impfung gegen humane Papillomaviren, die Krebs verursachen können, als eine Impfpflicht für Meningokokken und eine Vierfachimpfung eingeführt wurden (Pediatrics: Moss et al., 2016).

ZEIT ONLINE: Humane Papillomaviren – kurz HPV – sind ein interessanter Fall. Jährlich sterben in Deutschland rund 6.300 Frauen und 1.600 Männer an HPV-assoziiertem Krebs, vor allem Gebärmutterhalskrebs und Krebs in Mund und Rachen. Die Impfung, die für Jungen und Mädchen vor dem ersten Geschlechtsverkehr empfohlen wird, kommt aber nicht gut an. Die Impfquoten liegen unter 50 Prozent. An Masern sterben in Deutschland hingegen nur vereinzelt Menschen. Hätte man nicht eher eine HPV-Impfpflicht einführen sollen?

Omer: Bei der Masern-Impfpflicht geht es tatsächlich weniger darum, wie viele Fälle wir momentan haben, sondern auch darum, wie viele Fälle es geben kann, wenn die Durchimpfung schlecht ist. Denn infizieren sich bei einer so ansteckenden Krankheit weite Teile der Bevölkerung, hat das schwerwiegende Folgen. Außerdem wollen wir die Masern ausrotten. Das hat für die Gesundheit aller Menschen dieser Welt einen großen Wert, wie wir bei den Pocken gesehen haben.

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ZEIT ONLINE: Eine weitere Schwierigkeit der in Deutschland geforderten Impfpflicht könnte sein, dass sie ungerecht ist. Einerseits, weil sie Teilhabe verhindert: Kinder, deren Eltern sich nicht um Impfungen kümmern oder sie ablehnen, dürfen nicht in die Kita. Andererseits, weil reiche Eltern ihre Schulkinder freikaufen können, weil sie sich die Bußgelder von bis zu 2.500 Euro leisten können, arme Eltern hingegen nicht.

Omer: Natürlich berührt eine Impfpflicht Gerechtigkeitsfragen. Trotzdem muss man das differenziert betrachten. Es geht ja auch um Fairness, darum, dass andere Kinder im Kindergarten den Viren nicht ausgesetzt werden. Und Bußgelder wirken nun einmal gut, um Impfquoten zu erhöhen. Das zeigen auch noch nicht veröffentlichte Daten aus Europa, die wir erhoben haben.

ZEIT ONLINE: Expertinnen und Experten, die die Impfpflicht kritisieren, sagen: In Deutschland ist es zu leicht, nicht geimpft zu sein. Es gibt kein nationales Impfregister, in dem erfasst ist, wer gegen was geimpft ist; keine flächendeckenden Systeme, die Versicherte erinnern, wenn eine Impfung fällig ist; kaum Impfangebote in Schulen und Kindergärten; und auch die Arzthonorare für das Impfen seien zu niedrig. Derartige Dinge, so die Kritik, müssten mindestens Hand in Hand mit einer Impfpflicht gehen.

Omer: Das sehe ich ganz genauso. Der Staat ist verpflichtet, sich um gewisse Dinge zu kümmern, wenn er sich für eine Impfpflicht entscheidet. Erstens ist es seine fundamentale Verantwortung, Impfungen für alle zugänglich zu machen. Die Dinge, die Sie erwähnen, fallen unter diesen Punkt. Zweitens muss der Staat gut über Impfungen informieren und sie so kommunizieren, dass sie Menschen erreichen. Das Dritte ist, dass eine Impfpflicht immer mit einem stabilen System, das die Sicherheit gewährleistet, einhergehen muss, um auch äußerst seltene Impfkomplikationen ausfindig zu machen. Viertens muss sich der Staat um Entschädigungen kümmern. Zwar sind Impfungen extrem sicher, in sehr seltenen Fällen kann es aber zu schweren Nebenwirkungen kommen. Fest steht: Der Nutzen von Impfungen überwiegt das Risiko bei Weitem.