Im Bundestag wird an diesem Mittwoch über zwei Gesetzentwürfe zur Reform des Organspenderechts debattiert. Drei Menschen sterben jeden Tag in Deutschland, weil sie kein Spenderorgan bekommen. Und das, obwohl die allermeisten Deutschen der Organspende positiv gegenüberstehen. Wo liegt also das Problem? ZEIT ONLINE hat seine Leserinnen und Leser gefragt, ob sie Angst vor der Organspende haben. Über die Zuschriften, die uns erreicht haben, haben wir mit Christian Hugo gesprochen, Generalsekretär der Deutschen Transplantationsgesellschaft.

ZEIT ONLINE: Einige unserer Leser haben Angst vor der Organspende. Besonders häufig davor, zu früh für hirntot erklärt zu werden.

Christian Hugo: Es kursieren viele Geschichten darüber, dass irgendwann mal irgendjemand fälschlicherweise zu früh für hirntot erklärt worden ist. Nur sind das eben Gerüchte. In Deutschland wurde bis heute kein einziger derartiger Fall nachgewiesen. Ich kann Ihren Lesern versichern: Diese Angst ist vollkommen unberechtigt.

Sobald ein Verdacht auf irreversiblen Hirnfunktionsausfall, also Hirntod, besteht, wird eine ganze Palette an Untersuchungen durchgeführt (siehe Infobox). Zwei unabhängige Ärzte prüfen und stellen fest, ob der Patient die typischen Symptome des Hirntodes aufweist. Dazu müssen beispielsweise jegliche Hirnströme auf dem EEG erloschen und alle Hirnstammreflexe ausgefallen sein. Bei der Prüfung muss immer ein erfahrener Neurologe dabei sein. All das wird mindestens zweimal nach 12 oder 72 Stunden überprüft. Das Verfahren ist extrem sicher.

ZEIT ONLINE: Einige Leser wollten wissen, ob der Spender bei der Entnahme eine Narkose erhält.

Hugo: Grundsätzlich braucht der Spender keine Narkose, denn bei einem festgestellten Hirntod kann er keine Schmerzen mehr empfinden. Sein Gehirn ist nicht mehr durchblutet, alle Zentren, die für die bewusste Wahrnehmung zuständig sind, arbeiten nicht mehr. Wenn manche Krankenhausärzte dennoch eine Narkose durchführen, machen sie das aus einem anderen Grund: Sie wollen unwillkürliche Muskelzuckungen unterbinden. Basale Teile des Nervensystems, die mit dem Bewusstsein rein gar nichts zu tun haben, wie zum Beispiel die Reflexbögen im Rückenmark, können auch bei Hirntoten noch funktionieren. Ich verstehe, dass das für Laien manchmal schwer zu verarbeiten ist, weil sie unwillkürliche Bewegungen für ein Lebenszeichen halten. Deshalb muss ich noch einmal betonen: Für Hirntote gibt es keine Hoffnung, wieder aufzuwachen.

ZEIT ONLINE: Eine andere Angst unserer Leser: Weil Ärzte oder Angehörige schnell an die Organe eines schwerkranken Menschen heranwollen, wird auf Maßnahmen verzichtet, um ihn zu heilen oder am Leben zu halten.

Hugo: Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ärzten an deutschen Kliniken geht es immer darum, Leben zu retten. Oft sind Ärzte ja mit dem gegenteiligen Vorwurf konfrontiert: zu viel zu machen, Menschen auf der Intensivstation zu lange am Leben zu halten. Wenn manche Patienten trotz aller Maßnahmen nicht zu retten sind und der Krankheitsverlauf eine offensichtliche reine Leidensverlängerung ohne Chancen auf Erholung zeigt, werden die therapeutischen Maßnahmen eingefroren oder beendet, und der Patient stirbt. Leider denken die Ärzte in diesen Fällen und Situationen nicht immer daran, dass dieser Patient möglicherweise seine Organe hätte spenden wollen.

ZEIT ONLINE: Viele unserer Leserinnen und Leser sagen: Wenn ich schon bereit bin zu spenden, möchte ich auch, dass die Transplantation erfolgreich verläuft. Wie häufig kommt es vor, dass Transplantationen schiefgehen?

Hugo: Transplantationen sind an deutschen Kliniken Routine. In den allermeisten Fällen gehen sie gut. Aber natürlich kann es auch zu Komplikationen kommen. Wie erfolgreich eine Transplantation ist, hängt von ganz verschiedenen Dingen ab: vom Transplantationsteam, dem Krankheitszustand des Organempfängers, davon, unter welchen Umständen der Spender gestorben ist und natürlich von der Qualität der Organe. Wir haben in Deutschland im Schnitt alles andere als optimale Spenderorgane, aber auch überproportional kranke Organempfänger, da sich während der langen Wartezeit auf ein Organ der Gesundheitszustand der Empfänger kontinuierlich verschlechtert. Dennoch funktionieren zum Beispiel von 100 gespendeten Nieren nach einem Jahr noch weit über 90 Prozent.