"Übergriffe? Eigentlich bei jedem Clubbesuch"

Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkts zu Drogen im Alltag. Dazu hat ZEIT ONLINE exklusiv Ergebnisse des Global Drug Survey veröffentlicht, der weltweit größten Drogenumfrage, an der rund 35.000 Leserinnen und Leser teilgenommen haben.

Rausch macht Spaß. Er kann euphorisch stimmen, lässt uns mit der Musik verschmelzen, Stunde um Stunde weitertanzen. Kein Wunder, dass Alkohol und andere Drogen auf Partys meist nicht fehlen, ob in Clubs, auf Festivals oder beim privaten Feiern. Doch der Konsum birgt auch Risiken. Für die Gesundheit des Einzelnen, aber auch im Miteinander. Auf Partys kommt es häufig zu sexualisierter Gewalt – oft, wenn psychoaktive Stoffe im Spiel sind.

Zwei, die das erfahren haben, sind Alina Sonnefeld und Jonas Schuster*. "Mit 16 fing ich an, in Jena auf Partys zu gehen", erzählt die heute 21-jährige Sonnefeld. "Ich habe regelmäßig sexualisierte Übergriffe erlebt. Eigentlich bei jedem Clubbesuch." Mal wurde sie ungefragt von hinten angetanzt, mal angefasst. Das Unangenehmste war ein Zungenkuss von einer fremden Person. "Ich habe zwar vorher mit ihr gesprochen und vielleicht auch geflirtet, aber der Kuss war ungefragt und unangebracht." Jonas Schuster hat Ähnliches erlebt, aber auf einem Festival. "Eine Gruppe von Männern, die offensichtlich high waren, hat mich erst homophob beleidigt. Dann haben sie mich auch begrapscht, mir an die Nippel gefasst", sagt er.

Antanzen, begrapschen, küssen: Das Spektrum an Situationen auf Partys, die als sexuell übergriffig und gewaltvoll empfunden werden können, ist breit. Nicht erst Vergewaltigungen zählen zu überschrittenen Grenzverletzungen. 2016 wurde das Sexualstrafrecht reformiert und um den Tatbestand der sexuellen Belästigung erweitert. Dabei geht es um körperliche Berührungen "in sexuell bestimmter Weise". Neu außerdem: Auch, wenn sich Täterinnen oder Täter über den "erkennbaren Willen" einer Person hinwegsetzen, machen sie sich strafbar. Und das Vergehen an Personen, die zum Widerstand unfähig sind, wird bestraft.

Valide Zahlen, wie oft es auf Partys zu sexualisierter Gewalt kommt und welche Rolle Alkohol und andere Drogen dabei spielen, gibt es nicht. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) von 2018 verzeichnet, dass mehr als 31.000 Personen Opfer einer Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung geworden sind. Darunter fallen 2.103 Männer, von denen wiederum 84 unter Alkohol-, Drogen-, oder Medikamenteneinfluss standen. Bei den Frauen sind es deutlich mehr. 29.012 Frauen wurden begrapscht, bedrängt oder vergewaltigt – 1.417 standen selbst unter dem Einfluss von Substanzen.

Die Statistik verrät auch, wie viele Tatverdächtige bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung alkoholisiert waren: Fast 7.000, nur 135 davon waren Frauen. In welchem Kontext dies geschah, ob es am Arbeitsplatz war, im Club oder privat bei jemanden zu Hause, lässt sich nicht entnehmen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Global Drug Survey 2019, der weltgrößten Umfrage unter Menschen, die Drogen nehmen und die auch ZEIT-ONLINE-Leserinnen und -leser befragt hat, gaben dazu aber Auskunft. Hier zeigt sich zumindest, dass Übergriffe eben nicht vor allem in unbekannten Umgebungen oder auch im Club passieren. Sondern eher im Privaten:

Die offiziele Kriminalstatistik erfasst zudem nicht alle eingegangenen Anzeigen, sondern nur jene, die der Staatsanwaltschaft weitergegeben wurden. Und selbst, wenn sie alle Anzeigen sammeln würde – die Dunkelziffer bleibt vermutlich hoch: Unter den Befragten des Global Drug Survey 2019 wandten sich 97 Prozent, die von einem sexuellen Übergriff betroffen waren, nicht an die Polizei. Scham, Angst vor den Konsequenzen oder die Unsicherheit darüber, was passiert ist, halten die Betroffenen davon ab.

"Ist Luisa hier?"

Wenn es um sexuelle Belästigungen geht, ist im Gewusel der Nacht vieles nicht eindeutig. Grenzen verschwimmen oder werden verzerrt wahrgenommen. Vieles, was potenziell belästigend sein kann, wird von anderen als normal empfunden. Ein Beispiel dafür ist es, wenn sich plötzlich jemand auf der Tanzfläche an einen schmiegt. "Antanzen von hinten finde ich wahnsinnig unangenehm", sagt Sonnefeld. "Denn da hat man keine Möglichkeit, vorher zu sagen, ob man das will oder nicht." Ein anderes Beispiel: eine Person, euphorisch von MDMA, die durch den Club rennt und Küsse und Umarmungen verteilt. Auch das gehört für viele zum Feiern dazu. Trotzdem können dabei Grenzen überschritten werden.

Darum sorgt sich auch Florian Wolff*, der oft in Berliner Technoclubs unterwegs ist. Chemische Drogen werden dort nicht selten genommen, die Menschen tragen Lack- und Lederoutfits, manche Gäste haben Sex im Club. Kein Wunder, denn Alkohol und Substanzen wie MDMA und Liquid Ecstasy haben Einfluss auf die Libido, außerdem fallen die Hemmungen und das Selbstbewusstsein steigt. In so einer Atmosphäre kann es schwer sein, die Grenzen der anderen wahrzunehmen. "Ich habe Angst, dass ich belästigend sein kann, wenn ich drauf bin", erzählt Wolff. "Ich versuche immer, sehr darauf zu achten, dass ich nichts tue, was das Gegenüber nicht will, aber eventuell erkennt man die Signale des anderen ja auch nicht mehr."

So achtsam wie Wolff sind nicht alle, weiß Daniela Stöveken. Sie arbeitet bei der Beratungsstelle Frauen-Notruf Münster, an die sich Betroffene sexualisierter Gewalt wenden können. Im Gegenteil: "Täter nutzen Situationen, in denen eine Person betrunken und schutzlos ist, mitunter sehr bewusst aus", sagt sie. Und das kann schnell passieren. Wenn jemand ein Glas Alkohol zu viel getrunken oder zu viel des Betäubungsmittels Ketamin durch die Nase gezogen hat, zum Beispiel. Manche nutzen Drogen aber auch gezielt, indem sie sie unbemerkt in Getränke mischen. "Wenn K.-o.-Tropfen eingesetzt werden, ist das oftmals auf Vergewaltigung hin ausgerichtet", sagt Stöveken. Sie wirken narkotisierend und machen willenlos. "Wenn diese Tropfen eingesetzt werden, kann eine Frau nicht unbedingt mehr Nein sagen", sagt Stöveken.

Der Rausch kann also unangenehme Situationen begünstigen. Viele Clubs bemühen sich deshalb, schützende Strukturen zu schaffen. Im Berliner Technoclub about:blank kontrolliert eine Sicherheitscrew regelmäßig alle Räume. Barkeeperinnen schütten unbeaufsichtigt herumstehende Getränke weg, es hängen Infoschilder aus. "Am Wichtigsten ist es, den Gästen das Gefühl zu geben, ernst genommen zu werden, wenn sie sich mit einem Anliegen an uns wenden", heißt es auf Anfrage. "Konkret bedeutet das: zuhören, nachfragen, ausreden lassen – und herausfinden, welchen Umgang mit der belästigenden Person sie sich in dem Moment von den Türstehern wünschen."

Aline Sonnefeld geht mittlerweile gar nicht mehr in Clubs, die kein solches Awareness-Konzept haben. Zusammen mit Freundinnen wandte sie sich 2017 in einem offenen Brief an die Jenaer Clubs, in denen sie die Belästigungen erfahren hatte. Einige setzten das dann auch um. Der Frauen-Notruf Münster wiederum bietet mit der Aktion Luisa Unterstützung an für alle, die ihr Lokal sicherer gestalten wollen. Wer sich bedrängt fühlt, kann sich mit der Frage "Ist Luisa hier?" an das von der Beratungsstelle geschulte Thekenpersonal wenden.

Sonnefeld betont, dass Maßnahmen wie diese aber nur Symptombekämpfung sind. Für sie ist klar: Drogen und Alkohol mögen zwar im Zusammenhang mit sexualisierten Übergriffen stehen, sie sind aber nicht deren Ursache. "Die Wurzeln liegen viel tiefer, bei verinnerlichten Denkmustern und Verhaltensweisen, etwas wie: Wenn eine Frau Nein sagt, heißt das eigentlich 'Überzeuge mich'." Dass vor allem Frauen und queere Menschen zu Betroffenen von sexualisierter Gewalt werden, ist in ihren Augen ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es wird sich nicht allein in Clubs lösen lassen.

* Namen von der Redaktion geändert